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17 olympische Tage als Wundertüte

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Königliches, Historisches, Außerordentliches, Verwunderliches und viel Deutsches - die Nachrichtenagentur dpa zeichnet ...

London. Königliches, Historisches, Außerordentliches, Verwunderliches und viel Deutsches - die Nachrichtenagentur dpa zeichnet die 17 Tage der XXX. Olympischen Spiele in London in einem Tagebuch nach.

TAG 1: Die «Insel der Wunder» als Wundertüte, aus der Regisseur Danny Boyle die Queen als «Bond Girl» hervorzaubert. Die «New York Times» nennt die Eröffnung ein «teilweise durchgeknalltes Porträt von einem Land». Für die «Los Angeles Times» ist sie «verdammt wunderbar». Die Schmerzen dieser Welt muss der schwer kranke Muhammad Ali personifizieren. Unter größter Mühe schafft er es mit Hilfe seiner Frau, die Olympia-Fahne zu berühren.

TAG 2: Die 16-jährige Schwimmerin Ye Shiwen lässt gleich am ersten Wettkampftag die Frage aufkommen, ob in London alles mit rechten Dingen zugeht und eröffnet damit andauernde Doping-Spekulationen. Zugleich stellt sich beim Weltrekord der Chinesin über 400 Meter Lagen auch die Geschlechterfrage. Auf ihren letzten 50 Metern ist sie im Kraulen sogar schneller als US-Star Ryan Lochte.

TAG 3: Noch keine deutsche Medaille, ein vierter Rang im Straßenradrennen durch Ina-Yoko Teutenberg die beste Platzierung - nach 26 Entscheidungen der «schlechteste Olympia-Start seit 44 Jahren». Die «Berliner Morgenpost» klagt: «Selbst die Exoten sind besser.» Chef de Mission Michael Vesper sagt: «Wir sind nicht zufrieden, hoffen aber, dass nun der Knoten platzt.»

TAG 4: Ein Fecht-Drama, in dem die letzte Verlängerungssekunde 20 Minuten dauert, beschert Britta Heidemann gegen Shin A-Lam umstritten den Einzug ins Finale. Aus dem Gold von Peking wird dann Silber. Die Südkoreanerin muss nach einem Sitzstreik über 45 Minuten von der Planche gedrängt werden. Tischtennis-Ass Timo Boll bekennt nach seinem Scheitern im Achtelfinale: «Ich könnte losheulen, aber ich probiere lieber, mich zusammenzureißen.»

TAG 5: «Haben wir wirklich Gold?», brüllt Mutter Jung über den Abreiteplatz im Greenwich Park. Sie haben, und das gleich doppelt: Sohn Michael im Einzel des Vielseitigkeitsreitens und mit der Mannschaft. Am «goldenen Dienstag» kritisiert Judoka Ole Bischof nach seinem Silbergewinn die deutsche Prämienpolitik: 10 000 Euro, «das ist nicht einmal ein Jahresgehalt». US-Schwimmer Michael Phelps steigt mit 19 Medaillen zum erfolgreichsten Olympioniken auf. IOC-Präsident Jacques Rogge sagt: «Ich verneige mich vor einer einzigartigen Leistung.»

TAG 6: Historische Taten: Erstmals seit 1988 triumphiert wieder ein Deutschland-Achter, Ruder-Präsident Siegfried Kaidel sagt: «Das Gold ist für uns wichtig wie der WM-Titel der Fußballer 1954.» Zum ersten Mal seit Alfred Schwarzmanns Sieg 1936 in Berlin gewinnt in Marcel Nguyen mit Silber wieder ein deutscher Turner eine Mehrkampf-Medaille. Britta Steffen ist nach ihrem Scheitern über 100 Meter Freistil «einfach erleichtert, weil ich 100 Prozent gegeben habe, was drin war». Rad-Star Bradley Wiggins startet mit seinem Sieg im Einzelzeitfahren vor Tony Martin den britischen Gold-Rush. Vier asiatische Badminton-Paare werden nach skandalösen Manipulationsversuchen am Ende der Gruppenphase disqualifiziert.

TAG 7: Nur Dritter in der Runde zuvor, im Finale des Bahnrad-Teamsprints verloren und am Ende dennoch gewonnen durch Wechselfehler ihrer Gegnerinnen - «so ein Glück hat man nur einmal im Leben», sagen Miriam Welte und Christina Vogel. Ganz jung aus Russland Ausgewanderte verhelfen zu Bronze: der Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov und der Judoka Dimitri Peters. Dessen Kämpfe verfolgt auch Russlands Präsident Wladimir Putin. Innenminister Hans-Peter Friedrich sagt, der deutsche Sport müsse seine Mittel effizienter einsetzen.

TAG 8: Die Sportsoldaten Philipp Wende und Tim Grohmann, der Bundespolizist Karl Schulze und der Student Lauritz Schoof erkämpfen im Doppelvierer das zweite deutsche Ruder-Gold. Kugelstoßer David Storl fehlen zum Auftakt der Leichtathletik-Wettkämpfe drei Zentimeter zum Olympiasieg. Die abgereiste Rostocker Ruderin Nadja Drygalla wird zum sportpolitischen Streitfall. Der Auftritt von Saudi-Arabiens erstmals entsandter Symbolfrau dauert 82 Sekunden, dann ist die 16-Jährige Judoka ausgeschieden.

TAG 9: Erst disqualifiziert, dann mit Silber dekoriert - Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. An einem «der größten Tage der britischen Sportgeschichte» («Sunday Times») feiert der Gastgeber sechs Triumphe, drei davon durch seine frenetisch gefeierten Leichtathleten im immer vollen Olympiastadion. Deutschlands Beckenschwimmer bleiben zum ersten Mal seit 1932 in Los Angeles medaillenlos. Phelps komplettiert mit der siegreichen US-Lagenstaffel seine phänomenale Sammlung auf 18 Gold- und jeweils zwei Silber- und Bronzemedaillen.

TAG 10: Sprint-König Usain Bolt lässt in atemberaubenden 9,63 Sekunden über 100 Meter keinen Zweifel an seiner Vorherrschaft. Der Schotte Andy Murray deklassiert Roger Federer, wird bei Davis Cup-Atmosphäre in Wimbledon zum Liebling aller Briten und hält wie der nun viermalige Segel-Olympiasieger Ben Ainslie die Euphorie der Gastgeber am Kochen. Mit der Premiere im Frauen-Boxen gibt es keine olympische Sportart mehr ohne weibliche Beteiligung. Das deutsche Florett-Team sorgt mit seinem dritten Platz dafür, dass der zweite Wettkampf-Sonntag nicht medaillenlos bleibt.

TAG 11: «Wo sind eigentlich die Grenzen?», fragt Thomas de Maizière, und fügt hinzu: «Ich glaube, sie sind hier überschritten worden.» Der Verteidigungsminister verteidigt Nadja Drygalla, vom Boulevard «Nazi-Braut» genannt, und lobt ihre in einem dpa-Interview geäußerte «glaubwürdige Distanzierung vom Rechtsradikalismus. Bei einer Gedenkfeier für die elf israelischen Terroropfer der Spiele 1972 in München beschimpft die Witwe eines ums Leben gekommenen Trainers IOC-Präsident Rogge («Schande über Dich»), weil der Ringe-Chef bei der Eröffnung keine Schweigeminute zugelassen hatte.

TAG 12: Erst glänzt der Tag in Silber durch Turnvater Jahns Nachfahren Marcel Nguyen (Barren) und Fabian Hambüchen (Reck), den nur dem sechsmaligen britischen Olympiasieger Sir Chris Hoy unterlegenen Bahnradsprinter Maximilian Levy und den jungen Dressurreiterinnen. Dann wird er durch Diskus-König Robert Harting vergoldet. Die rauschhafte Feiertour des Berliners endet erst in der Frühe von Tag 13 vor dem olympischen Dorf, als er wegen seiner abhandengekommenen Akkreditierung zunächst keinen Einlass findet.

TAG 13: Wieder vorbildlich, diese Kanuten. Angeführt von Sebastian Brendel («Diesen Sieg kann ich nur vergleichen mit der Geburt meiner Tochter») fischen sie Gold, Silber und zweimal Bronze aus dem Dorney Lake. Das deutsche Tischtennis-Team erfüllt mit einem dritten Platz alle Erwartungen. Springreiter und Segler bleiben medaillenlos. Rogge erklärt sich zu einem «glücklichen Mann» und benotet die Spiele bereits vier Tage vor dem Ende mit «sehr gut».

TAG 14: «Sonnt euch in meinem Ruhm. Ich bin jetzt eine Legende, bewundert mich mal», fordert Bolt von den Journalisten nach seinem Triumph auch über 200 Meter. Doch aufgesetzt bekommt die Krone ein Massai-Krieger aus Kenia nach seinem 800-Meter-Weltrekord in 1:40,91 Minuten. Der gefeierte Chef-Organisator Sebastian Coe, einst selbst Rekordinhaber über diese Strecke, sagt: «David Rudisha hat für mich die überragende Leistung der Spiele erbracht.» In Deutschland fiebern gegen Mitternacht noch mehr als acht Millionen Fernsehzuschauer mit, als Julius Brink und Jonas Reckermann nahe von Big Ben und Buckingham Palast Gold im Beach-Volleyball erkämpfen. Glücklich sind auch Christiane Obergföll und Linda Stahl über Speerwurf-Silber und -Bronze.

TAG 15: Die Stabhochspringer Björn Otto und Raphael Holzdeppe erfasst eine Art Höhenrausch, der bei 5,91 Metern mit Silber und Bronze belohnt wird. Ein Computer-Fehler wird zur Hammer-Panne, am glücklichen Ende wird Betty Heidlers Wurf auf den dritten Platz nach dreistündigem Warten doch noch anerkannt. Thomas Lurz befreit den Schwimmverband als Zweiter über 10 Kilometer vom Ruch der Medaillenlosigkeit. Helena Fromm schmückt sich im asiatischen Taekwondo mit Bronze. Die ziemlich maßlosen Zielvorstellungen des DOSB für London (86 Medaillen/davon 28 in Gold) werfen einen Schatten auf den respektablen deutschen Endspurt.

TAG 16: Hockey-Glück, Spitz-Silber und ein goldener Bolt-Hattrick. Zum vierten Mal beschenken die Hockey-Herren den deutschen Sport mit einer Goldmedaille und kaschieren damit gravierende Schwächen im Mannschaftssport. Die 40 Jahre alte Mountainbikerin Sabine Spitz macht ihren Medaillensatz nach Bronze in Athen und Gold in Peking mit Silber vollkommen. Bolt führt den Jamaika-Express über 4 x 100 Meter in Weltrekordzeit (36,84 Sekunden) zum Sieg und festigt seinen Ruf als Weltsportler Nummer 1 mit seinem zweiten Gold-Triple hintereinander.

TAG 17: Tag des Abschieds, Tag der Bilanzen. London hat der Welt großartige Spiele präsentiert und sagt Goodbye mit einer riesigen Party. Die USA gewinnen ihre Vormachtstellung von China zurück. Der deutsche Sport hat seine Medaillen-Schwindsucht seit den Wiedervereinigungs-Spielen 1992 in Barcelona gestoppt und muss Echo geben auf den neuesten Ruf von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude: «Wir stehen Gewehr bei Fuß. Nun erwarten wir ein eindeutiges Signal für eine erneute Olympia-Bewerbung.» (dpa)

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