Sotschi 2014: Es gibt viele Gründe, nicht hinzufahren.
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Sotschi 2014: Es gibt viele Gründe, nicht hinzufahren.

Olympia in Sotschi

Olympia bringt keine Demokratie

Und wenn keiner hinginge zu den Olympischen Spielen in Sotschi? Wenn alle einfach zu Hause blieben, weil es dafür gute Gründe gibt? Solange undemokratische Gremien über die Olympischen Spiele entscheiden, werden sie unseren Ansprüchen nicht genügen. Ein Kommentar.

Und wenn keiner hinginge? Einfach niemand, kein Politiker, kein Zuschauer, kein Sportler. Nicht zu den Olympischen Spielen, nicht zur Fußball-WM. Wenn alle einfach zu Hause blieben, weil es dafür gute Gründe gibt. Weil in Sichtweite der Stadien politische Gefangene gefoltert wurden, wie 1978 in Argentinien, als die Fußball-Bosse mit der Junta feierten. Weil Dissidenten und Andersdenkende zügig weggesperrt wurden, wie 2008 in China, damit sie die schönen Olympischen Spiele in Peking nicht stören.

Weil sich eine Organisation wie der Weltfußball-Verband Fifa zwar, aufgeschreckt durch viele Todesfälle auf den Stadion-Baustellen, für das Arbeitsrecht in Katar einsetzt, nicht aber für das Menschrecht. Oder weil die Spiele in einem Land stattfinden wie nun in Russland, in dem die politische Kaste in einem hässlichen Rennen mit dem Volk darum wetteifert, wer denn die dumpfesten Vorurteile und Ressentiments pflegt.

Dass sich diese Frage regelmäßig stellt, liegt zuallererst an den Auswahlkriterien der Bewerber. Menschenrechte und Demokratie spielen dabei praktisch keine Rolle, solange nicht gerade ein internationaler Paria wie Nordkorea die Hand hebt. Das ist so, weil das innere Demokratieverständnis der meisten internationalen Sportverbände, um es mit einer Phrase aus dem Sport auszudrücken, glatt unter der Latte durchläuft. Ohne sich dabei groß bücken zu müssen. Die Gründe sind vielfältig, es geht um Macht und Geld, es geht aber auch um das eigene Verständnis der Delegierten – und ihrer Heimatländer – von Recht und Gesetz.

Im Demokratieindex des „Economist“ werden gerade 25 von 167 Staaten als „vollständig demokratisch“ eingestuft. Zwischen Platz 79 und 80, also bei knapp der Hälfte der Länder, verläuft die Grenze zwischen „unvollständiger Demokratie“ und „Hybridsystem“. Nur um zu zeigen, wovon die Rede ist: Die Ukraine galt 2012 als das beste dieser „Hybridsysteme“.

Freilich sind solche Listen unzulänglich, aber sie unterstreichen, dass in den Gremien der internationalen Sportverbände sehr viele Menschen sitzen, mit denen man sich in Fragen von Demokratie und Menschenrechten auf kaum mehr als die Schreibweise einigen kann. Ganz zu schweigen davon, dass die Herkunft aus grunddemokratischen Staaten offensichtlich keine grunddemokratische Haltung garantiert.

Unterschiedliches Demokratieverständnis

So erstrebenswert das Ziel ist, Spiele ausschließlich in Ländern auszutragen, die unseren Ansprüchen an gültige Grundwerte genügen, so utopisch ist der Gedanke, es erreichen zu können. Zum einen gibt es nur einen recht kleinen Kreis potenziell akzeptabler Bewerber, zum anderen teilen zu viele Entscheider unser Verständnis von Grundrechten und Demokratie nicht.

Sportfunktionäre aus westlichen Demokratien argumentieren daher häufig, allein die Austragung der Spiele und die damit verbundene internationale Aufmerksamkeit sorge für demokratischen Fortschritt. Ganz abgesehen von der wichtigen Frage, ob sie selbst an diese Argumentation glauben: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie stimmen könnte.

So bleibt der persönliche Protest. Der ist eine recht einfache Sache für Besucher und Politiker. Sie können kommen oder wegbleiben, sie können ihre Ansichten äußern. Der Sport dagegen tut sich damit extrem schwer. Nachvollziehbar einerseits, denn wer politische Stellungnahmen von Athleten im Rahmen der Wettkämpfe toleriert, wird unweigerlich erleben, dass etwa faschistoide Grüße entboten werden – womit der französische Fußball derzeit ernste Probleme hat. Gleichermaßen schwierig wäre eine Anspruchskultur, die dem einzelnen Athleten quasi pflichtgemäß ein korrektes politisches Bekenntnis abverlangt – so mutiert der an sich wichtige Vorgang sehr schnell zum hohlen Ritual.

Letztlich bleibt es – wie eigentlich immer, wenn es um die grundlegenden Werte im Leben geht – eine Frage der eigenen Überzeugungen und dem Willen, diese öffentlich zu machen.

Der Sport selbst hat hier die Maßstäbe gesetzt. Jesse Owens inmitten hitlergrüßender Athleten und Funktionäre 1936 in Berlin, Tommie Smith, John Carlos und der stille Australier Peter Norman 1968 in Mexiko-Stadt sind die Ikonen eines Selbstverständnisses, das den Willen zur sportlichen Leistung mit einem aufrechten weltanschaulichen Bekenntnis vorbildlich verbindet.

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