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Drohungen aus China: Olympia als Überlebenskampf für Taiwan

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Von: Felix Lill

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Taiwans Flaggenträger Yu Ting Huang and Ping-Jui Ho führen ihre kleine Delegation bei der Eröffnungsfeier an.
Taiwans Flaggenträger Yu Ting Huang and Ping-Jui Ho führen ihre kleine Delegation bei der Eröffnungsfeier an. © AFP

Chinas Präsident droht, man werde sich „Chinese Taipei“ einverleiben, sollte sich die Insel gegen eine Wiedervereinigung sträuben.

Peking - „Taiwan Numbah Wan.“ Als dieser Spruch Mitte Januar auf einer Website der chinesischen Regierung zu sehen war, dürfte man in Peking nervös geworden sein. Die Aktivistengruppe Anonymous hatte sich ins chinesische IT-System eingehackt und dem provokanten Spruch noch ein Bild der taiwanischen Staatsflagge hochgeladen. Und auch wenn das Wort „Sport“ auf der gehackten Seite gar nicht vorkam, wirkte die Attacke wie eine olympische Kampfansage: Sie ereignete sich auf den Tag genau zwei Wochen vor Beginn der Winterspiele in Peking.

Taiwan, ein Inselstaat mit 24 Millionen Einwohnern südöstlich von Festlandchina, wird von Peking nicht anerkannt. Taiwan betrachtet man dort als Teil des eigenen Staatsgebiets. Chinas Einfluss in der Welt hat auch erwirkt, dass der Inselstaat in olympischer Hinsicht nur indirekt existiert. Athletinnen und Athleten aus Taiwan dürfen nur unter dem Namen „Chinese Taipei“ antreten – ein Name, den dort ansonsten niemand verwendet. Trotzdem, oder gerade deshalb, dienen Olympische Spiele für Taiwan auch auf politischer Ebene als eine Art Überlebenskampf.

Olympia 2022: Sport zeigt der Welt, dass Taiwan existiert

„Unsere Athleten sehen wir als nationale Helden an“, sagt Li-Hong Hsu, Professor für Sportwissenschaften an der National Taiwan University of Sport. Hsu sieht sich als Verfechter der olympischen Idee: „Wir alle hoffen, dass unsere Athleten erfolgreich sind und Taiwan gut vertreten, damit auch das ganze Land sichtbarer wird.“ Dem taiwanischen Staat, der wegen Chinas internationalem Einfluss nur zu drei Handvoll Staaten diplomatische Beziehungen unterhält, dienen die Sportler:innen daher auch als politisch und symbolisch hochbedeutende Botschafter.

„Sie zeigen der Welt, dass Taiwan existiert“, so Hsu. Wobei ein erfolgreiches Abschneiden bei Olympia 2022 kaum rein sportlich zu verstehen ist: Mitte Januar erklärte das NOK in der Hauptstadt Taipeh, dass nur vier Athleten:innen nach Peking reisen werden: Die Eisschnellläuferin Huang Yu-ting, die Skislalomfahrer Lee Wen-yi und Ho Ping-jui sowie die Rennrodlerin Lin Sing-rong.

Realistische Medaillenchancen hat niemand von ihnen. Taiwan hat subtropisches Klima, für Training auf echtem Schnee oder Eis müssen die Sportler ins Ausland reisen. „Schnee findet man nur in den Bergen, aber dort leben kaum Menschen“, erklärt Li-Hong Hsu in einem Videogespräch. „Für unsere Athleten geht es bei Winterspielen um die olympische Erfahrung. Wie es immer heißt es: Dabeisein ist alles.“

Taiwan: Bedrohungen für die Existenz sind größer geworden

Für Taiwan gilt das besonders. Kaum ein Land fühlt sich in seiner Existenz stärker bedroht. Als im Jahr 1949 die Kommunisten den chinesischen Bürgerkrieg für sich entschieden, flohen die Nationalisten um Anführer Chiang Kai-scheck auf die Insel Taiwan und gründeten ihren Staat dort. Taiwan galt international anfangs als das legitime China, hatte den chinesischen Sitz bei den Vereinten Nationen inne und die Mitgliedschaft beim IOC. Aber als 1972 die USA diplomatische Beziehungen zu Festlandchina aufnahmen, wurde Taiwan allmählich diplomatisch isoliert.

Denn in Peking verfolgte man stets die Auffassung, es gebe nur ein China – und das werde von Peking aus regiert. Wer also mit China Geschäfte machen wollte, konnte nicht gleichzeitig mit Taiwan sprechen. Vordergründig gilt dieses Prinzip bis heute. Umgangen wird es durch Konstrukte wie den Namen „Chinese Taipei“ für Taiwans Athleten bei Olympia. Aber die Bedrohungen für die Existenz des Inselstaats sind zuletzt größer geworden.

Ende Dezember verkündete ein Sprecher der chinesischen Regierung: „Taiwan ist auf Irrwegen und wird wieder mit Festlandchina vereint werden. Niemand sollte Taiwan als Druckmittel für seine Politik einsetzen. China muss wiedervereint und wird wiedervereint werden.“ Chinas Regierungschef Xi Jinping hat zuletzt auch ultimativ betont, man werde sich Taiwan notfalls einverleiben, sollte sich die Insel gegen eine Wiedervereinigung sträuben. Vergangenes Jahr drangen schon chinesische Kampfflugzeuge in den taiwanischen Luftraum ein.

Expert:innen haben auch schon davor gewarnt, dass taiwanische Athlet:innen, die irgendwie politisch auffallen, in China festgenommen werden könnten. Wer immer im heute demokratisch regierten Taiwan etwas gegen die Politik Chinas sagt, wird aus Peking heraus schnell kritisiert. Wobei vom Olympiagastgeber nicht nur Feindseligkeiten zu vernehmen sind. Je nachdem, wie es gerade passt, hat man sich zuletzt auch besonders freundlich gegeben. Die Nachrichtenagentur Xinhua betonte, dass die chinesische Regierung ihre „Landsmänner“ aus Taiwan willkommen heiße.

Taiwan: Peking hält am Plan der „Wiedervereinigung Chinas“ fest

Zudem schwärmte Chinas englischsprachiger Staatssender CGTN Anfang Januar nicht nur, dass acht Taiwaner Medienhäuser von vor Ort berichten. „Mehr als 30 Volunteers aus Taiwan werden freiwillig helfen, um den Ablauf der Spiele zu unterstützen!“ Um dann aber nochmal klarzustellen, wer hier wem gehört: „Das Festland betont, dass sich alle Seiten an das „Ein-China-Prinzip“ halten und eine friedliche und gemeinsame Entwicklung anstreben sollten.

Was das genau heißen soll, sorgt in Taiwan seit Jahren für Verunsicherung – für den Fall einer Invasion aus Peking lässt man sich unter anderem mit Waffenlieferungen aus den USA versorgen. Und zuletzt warnte die von der Kommunistischen Partei Chinas kontrollierte Global Times dann auch wieder, dass man in Peking am Plan der „Wiedervereinigung Chinas“ weiterhin festhalte. Und dass auch die Olympischen Spiele keine Pause dieser Bemühung darstellen. Was je nach Lesart einen Widerspruch zum Gebot des Olympischen Friedens darstellt, den alle Staaten der Welt für die Zeit während der Spiele angekündigt haben.

Trotz allem gibt es diejenigen, die an die Kraft der Verständigung durch den Sport glauben. „Ich denke, es wird gut laufen. Unsere Athleten sind immer beraten, sich nur auf den Sport zu fokussieren. Sie zeigen keine besonderen politischen Ansichten“, sagt der Taiwaner Sportprofessor Li-Hong Hsu. „Wenn du als Athlet einfach nur Sport machst, dann bewirbst du dein Land genau damit. Vielleicht auf viel positivere Weise.“ Im warmen Taiwan schaut man diese Tage genau hin. Aus Peking werden so viele Stunden übertragen wie bei Winterspielen noch nie. (Felix Lill)

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