Interview

Olympia-Eklat: Reitsport der „Gipfel der Tierquälerei“ - Expertin warnt vor Folgen

Von Daniel Dillmann

Das Drama um Annika Schleu und Pferd Saint Boy im Modernen Fünfkampf bei Olympia 2021 wurde zum Symbol einer Tierschutz-Debatte im Leistungssport.

Ob Springreiten, Vielseitigkeit oder Dressur. Professioneller Reitsport ist Tierquälerei – sagt Expertin Jana Hoger von Peta Deutschland.

Tokio – Kaum ein Sport, bei dem Deutschland so erfolgreich ist wie beim Reiten. Auch bei Olympia 2021 feierte das deutsche Team mehrere Medaillen. Doch der Reitsport ist umstritten, der Vorwurf der Tierquälerei gegen die Athlet:innen scheint allgegenwärtig.

Ob nun das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, oder ob dort ein Mensch gar nichts zu suchen hat, darüber spricht die FR mit Jana Hoger, Expertin der Tierrechtsorganisation Peta Deutschland e. V.

Frau Hoger, sollte man überhaupt auf Pferden reiten?

Der Körper eines Pferdes ist nicht dafür gemacht, Menschen oder andere große Lasten zu tragen. Reiten bedeutet, dass ein Mensch entscheidet, sich auf den Rücken eines Pferdes oder Ponys zu setzen. Durch Reiten im falschen Sitz, großes Gewicht oder unnatürliche Bewegungen können bei den Tieren beispielsweise Rückenerkrankungen wie „Kissing Spines“ hervorgerufen werden.

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Reiten bei Olympia 2021: Pferdesport immer wieder in der Kritik

Also am besten gar kein Reitsport?

Peta steht dem Pferdesport allgemein kritisch gegenüber, weil die Bedürfnisse der Tiere meist unberücksichtigt bleiben. Wenn also überhaupt geritten wird, dann sollten die natürlichen Bewegungsabläufe des Pferdes berücksichtigt werden und auf „Hilfsmittel“ wie scharfe Gebisse, Peitschen und Gerten gänzlich verzichtet werden. Wer sein Pferd liebt, sollte versuchen, den engen Kontakt zu dem Tier nicht über Reiten aufzubauen, sondern durch zahlreiche andere Möglichkeiten: Bodenarbeit, Spaziergänge oder spielerische Übungen.

Sie würden aber zustimmen, dass der Reitsport positive Effekte auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier haben kann?

Ja, wenn der Kontakt auf Augenhöhe geschieht. Pferde sind sensitive und sehr intelligente Tiere. Sie befreunden sich „mit ihrem Menschen“ eng, und sind auch für uns sehr gute Lehrmeister für Körpersprache. Gerade Kinder können so ein gesundes Mensch-Tier-Verhältnis aufbauen. Indem sie die Tiere von der Weide holen, sie putzen und pflegen. Aber auch dafür muss kein Pferd geritten werden.

Olympia 2021: Springreiten, Dressur, Vielseitigkeit - eine Übersicht

Olympia 2021: Pferden wird beim Reiten ein fremder Wille aufgezwungen

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Reitsport im Allgemeinen und Leistungssport wie bei den Olympischen Spielen im Speziellen?

Aus unserer Sicht gibt es da keinen Unterschied. Sowohl im sogenannten „Freizeitreitsport“ als auch im Leistungssport wie beim Springreiten kann den Tieren großes Leid zugefügt werden. Der professionelle Turniersport wie jetzt bei Olympia degradiert die sensiblen Tiere zu Sportgeräten, die Leistung bringen müssen. Aber auch im Freizeitsport geht es mitunter quälerisch zu. Tiere werden oft ohne Rücksicht auf Muskulatur, Alter oder Krankheit zur menschlichen Bespaßung missbraucht. Begründet wird das dann damit, man wolle Freundschaft mit dem Pferd schließen. Aber natürlich sind die Trainingsmethoden im Leistungssport noch härter und Haltung der Pferde dort noch reduzierter.

Zur Person

Jana Hoger ist 32 Jahre alt und arbeitet seit vier Jahren bei der Tierschutzorganisation Peta Deutschland e.V. als Fachreferentin für tierische Mitbewohner. Sie ist ausgebildete tiermedizinische Fachangestellte und hat mehrere Jahre in einer Tierarztpraxis gearbeitet. Derzeit studiert Jana Hoger außerdem Tierpsychologie.

Sie hat über zwanzig Jahre Erfahrung mit Pferden und hat die dunklen Seiten des „Reitsports“ persönlich kennengelernt. Mit Peta Deutschland e.V. setzt sich Jana Hoger für einen Wandel im Umgang mit Pferden ein, bei dem nicht die menschlichen Interessen, sondern das Wohl der Pferde im Vordergrund stehen.

Jana Hoger arbeitet bei Peta Deutschland e.V. als Fachreferentin im Bereich „Tierische Mitbewohner“.

Gibt es dafür Beispiele?

Viele „Turnierpferde“ stehen aus Angst vor Verletzungen hauptsächlich in der Box oder stundenweise einzeln auf sogenannten Paddocks. Das ist nicht artgerecht. Im Dressursport werden Pferde gezwungen, oftmals untypische und komplizierte Bewegungsabläufe wie beispielsweise Pirouetten auszuführen. Durch reiterliche Hilfen soll das Pferd „rittig“ und „durchlässig“ gemacht werden. Mit fragwürdigen Methoden wie der Rollkur, auch Hyperflexion genannt, wird beim Dressurreiten das Pferd gefügig gemacht. Den Tieren wird Leistung abverlangt. Wenn sie die nicht zur Zufriedenheit der Reiter:in erbringen, ernten sie Strafe, strengere Ausbildungsmethoden oder werden „untergestellt“ und nur mit dem Nötigsten versorgt. Das ist auch für die Psyche der sensiblen Tiere sehr leidvoll.

Olympia 2021: Springreiten „entspricht in keiner Weise natürlichen Bewegungen“

Und wie verhält es sich beim Springreiten?

Pferde zu zwingen, über hohe Hindernisse zu springen, entspricht in keiner Weise ihren natürlichen Bewegungsabläufen. In der Natur springen Pferde nicht, außer in absolut ausweglosen Situationen. Im Wettkampfsport beginnt das tierquälerische Training schon im Alter von drei Jahren. Beispielhaft für diese Methoden ist das „Blistern“. Die Röhrbeine der Pferde werden dabei mit einer chemischen Substanz eingerieben, die zu Schmerzen führt, sobald das Tier eine Stange berührt. Diese Methode ist mittlerweile verboten, aber es kommt immer wieder zu Verstößen, auch bei Olympischen Spielen und in der Vergangenheit auch bei der deutschen Reiterequipe.

Trotzdem spielt der Reitsport bei Olympia auch im Jahr 2021 noch eine große Rolle – besonders in Deutschland.

Das liegt wohl vor allem an den deutschen Erfolgen im Dressurreiten und den anderen Disziplinen, den hohen Gewinnen und dem damit verbundenen Prestige. Doch bei den Olympischen Spielen werden fühlende Lebewesen für ein Sportevent ausgebeutet. Sie werden über tausende Kilometer um die Welt transportiert und extremem Stress ausgesetzt. In dem Zusammenhang sei auch auf die unrühmliche Doping-Vergangenheit bekannter deutscher Reiter:innen hingewiesen.

Olympia 2021 in Tokio: Springreiten ist nur eine der Reit-Disziplinen

Und bei den Olympischen Spielen in Tokio gibt es ja nicht nur Dressur- und Springreiten, sondern auch die Vielseitigkeit.

Ob wie früher Military oder heute Vielseitigkeit – die sogenannte „Krone der Reiterei“ ist der Gipfel der Tierquälerei. Aufgrund der schlimmen Stürze und Todesfälle wurde das Ganze umbenannt, was aus unserer Sicht eine reine Image-Aufpolierung darstellt und von den schrecklichen Verletzungen ablenken soll.

Die traurige Geschichte des „Jahrhundertpferds“ Totilas hat ein Umdenken im Reitsport begünstigt. (Archivfoto von 2014)

Reitsport bei Olympia 2021: Vor allem für wohlhabende Menschen

Reiten steht nicht nur während Olympia in der Kritik und gilt vielen als Sport für Reiche. Ist dieser Eindruck richtig?

Beim professionellen Reitsport stehen ohnehin wirtschaftliche Interessen im Vordergrund; hohe Preisgelder und horrende Summen für besonders gute „Zuchtpferde“ sprechen eine eindeutige Sprache. Das spiegelt sich auch bei den Olympischen Spielen 2021 wider.

Doch auch im Freizeitbereich ist der Reitsport mit hohen Kosten verbunden. Die durchschnittlichen monatlichen Kosten liegen oft bei rund 500 Euro, ohne Tierarzt. Häufig wird dies unterschätzt. Viele Menschen kaufen sich mit romantischer Vorstellung „ihr Traumpferd“ und sind dann bei der Betreuung sowohl fachlich als auch finanziell überfordert. Zudem ist der Kauf eines Pferdes in der Regel sehr teuer, denn Adoptionen wie zum Beispiel bei kleineren Tieren sind hier sehr selten. Von daher ist Reiten bzw. Pferdehaltung ein sehr teures Hobby, und viele Tiere werden häufig aus Geldmangel weiterverkauft.

In den vergangenen Jahren haben sich die Vorschriften für die Ausbildung von Pferden geändert. Barren und Blistern beispielsweise sind verboten. Befindet sich der Reitsport auf dem richtigen Weg?

Das eine ist, was sich ändern soll. Das andere ist, was sich real wirklich ändert. Im Reitsport gibt es zu wenige Kontrollen und kaum Strafen bei Fehlverhalten. Sicherlich haben negative Beispiele wie die Geschichte des „Jahrhunderthengsts“ Totilas zu einem Umdenken geführt. Aber nach wie vor steht gerade wegen den Olympischen Spielen der Leistungsdruck im Vordergrund. Letztendlich müssen Pferde tun, was der Mensch von ihnen verlangt. Pferde haben, wie alle anderen Tiere auch, ein Recht auf ein unversehrtes Leben – und es liegt an uns, ihnen das in unserer Obhut zu ermöglichen. (Interview: Daniel Dillmann)

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