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Trainiert ganz gerne allein: Gina Lückenkemper.

Leichtathletin

Ohne Tempolimit

Für Gina Lückenkemper ist die Leichtathletik mehr als ein Job, sie ist ihre Leidenschaft.

Soest ist nicht weit weg vom geografischen Mittelpunkt Westfalens, aber irgendwie am Ende der Welt. Die Autofahrt auf der A46, A1 und A44 durch den Ruhrpott an Essen und Dortmund vorbei scheint kein Ende zu nehmen. „Tief im Westen ist eigentlich hier“, sagt Gina Lückenkemper. Deutschlands schnellste Frau ist im nahen Hamm geboren, in der 47 500-Einwohner-Stadt Soest aufgewachsen und mit der Region verwachsen.

Bisher hat die 22 Jahre alte Sprinterin, die in den Metropolen der Welt mit schnellen Schritten Karriere macht, nicht den Drang, der westfälischen Idylle den Rücken zu kehren. Die Stadt, in der der Pumpernickel erfunden worden sein soll, ist nicht nur ihre Heimat. Mit steigender Popularität ist Soest ein Rückzugsort geworden, in dem sie ihre Ruhe hat und in Ruhe gelassen wird.

Es ist ein kühler, wolkenverhangener Morgen. Genau das Gegenteil von dem Wetter, das Sprinter mögen. Gina Lückenkemper, dem meistens lächelnden und lachenden „Gesicht der deutschen Leichtathletik“, verdirbt diese Tristesse nicht die gute Laune. Mit Sporttasche, Startblock und einem Campingstuhl geht sie zur Tartanbahn des Leichtathletikzentrums in Soest, um zu trainieren. Nur wenige hundert Meter entfernt hat sie im Conrad-von-Soest-Gymnasium ihr Abitur gemacht.

Auf der Anlage ist die schnellste Frau Deutschlands abgesehen von einem älteren Mann, der seine Runden mit lautem Keuchen dreht, und einer in der Ferne trainierenden Werferin mutterseelenallein. Ihr Coach Uli Kunst ist erkrankt, aber sowieso nicht ständig beim Training dabei. „Ich trainiere ohnehin viel allein“, sagt Lückenkemper. „Ich kann mich derart in den Arsch treten, dass ich sogar weine, wenn ich mich verausgabe.“ Es gebe halt Athleten, die immer einen Trainer um sich bräuchten, und es gäbe Menschen wie sie: „Bei mir ist es nicht entscheidend.“

Am Anfang des Trainings braucht es weder Coach noch Selbstkasteiung: Mit Kopfhörern geht sie langsam zwei Runden auf der 400 Meter langen Bahn. Für Gina Lückenkemper könnte aber gerade dies eine besonders große Anstrengung sein, weil sie ansonsten alles sehr flott macht. Die schnelle Läuferin, die gern schnelle Autos fährt, würde auch keinem Wettessen aus dem Wege gehen. „Da kann ich mitmachen und würde nicht Letzte werden.“ Aufs Tempo drückt sie auch im Gespräch, weil „sie sehr gerne, sehr viel und sehr schnell“ rede.

Auch, als sie Plastikhütchen nach genauer per Handy übermittelter Anweisung des Trainers in bestimmten Abständen auf der Tartanbahn verteilt, um Schrittrhythmus und -länge auf den ersten Metern nach dem Start zu automatisieren, redet und lacht sie. Nach dem Platzieren der Hütchen wird „Erwin“, wie sie den rotgefärbten Startblock nennt, auf der Startlinie aufgebaut. Manchmal nimmt sie statt der Hütchen auch kurze Schaumstoff-Klötze als Markierungen und nennt die Trainingseinheit dann „Pommes-Lauf“.

Für die nach frühen Erfolgen schnell gereifte Sprinterin, die sich als Vollprofi sieht, darf auch der Spaß und die Freude am Sport und am Leben nicht fehlen. Deshalb heißt der Startblock „Erwin“ und der Sprint über Schaumstoff-Streifen eben „Pommes-Lauf“. Wegen dieser positiven Ausstrahlung, Fröhlichkeit, oft verblüffenden Offenheit und verschmitzten Cleverness ist sie im Eiltempo in die erste Reihe der beliebtesten Sportler in Deutschland aufgestiegen.

Als 18-Jährige war sie bei der WM 2015 in Peking am Start, gewann 2016 bei der EM in Amsterdam Bronze über 200 Meter und mit der Sprintstaffel. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio flitzte das Quartett mit ihr als Vierter knapp an einer Medaille vorbei. Ein Jahr später lief sie bei der WM in London die 100 Meter in 10,95 Sekunden, so schnell wie seit 26 Jahren keine deutsche Frau mehr. Ihr Karriere-Highlight war aber die EM 2018 in Berlin, wo sie Vizeeuropameisterin im Kurzsprint wurde, Staffelbronze gewann und zur neuen deutschen Sprintkönigin aufstieg.

„Für mich ist es nicht nur ein Job, sondern ich mache ihn mit Leidenschaft. Das ist etwas, was ich liebe“, sagt Lückenkemper. Damit schafft sie auch die sechs Trainingseinheiten à drei Stunden pro Woche leichter, in denen es nur um ein Ziel geht: noch schneller zu werden! Schneller als die bisherige Bestzeit von 10,95 Sekunden. Um dies zu erreichen, geht es um stete Perfektionierung von Technik, Körperhaltung, Beschleunigung und des Starts. So entdeckte sie erst im Frühjahr im Trainingslager in Japan, als die Staffelkolleginnen ihr regelmäßig auf den ersten 30 Metern davonrannten, dass ihr Startblock jahrelang falsch eingestellt war.

Eine Umstellung auf eine biomechanisch günstigere Position ist nicht so einfach. „Ich fühle mich in der neuen Position im Startblock wohler, aber irgendwie war mir auch unwohl, weil ich feststellte, orientierungslos im Block zu sein“, erklärt Lückenkemper. Um sich besser zurechtzufinden, half ihr Lars Lienhard, auf dessen Neuroathletik sie schwört. Mit einer Brille, deren Blitze die Augen irritieren, um den Körper fühlbarer zu machen. Erst mit der Brille sei ihr bewusst geworden, im Startblock sitzend die Gelenke nicht gespürt zu haben. Ob der Start bis zur Wüsten-WM Ende September in Doha automatisiert werden kann? „Davon, dass alles wie im Schlaf funktionieren wird, sind wir noch meilenweit entfernt“, sagt sie.

Keine Frage ist für Lückenkemper, ob sie ihr Tempolimit schon erreicht hat. „Ich habe noch Möglichkeiten. Die 10,95 Sekunden sind nicht das Ende der Fahnenstange“, sagt sie. Eine Zeit um 10,80 Sekunden hält sie für realistisch, „eine 10,70er-Zeit vielleicht mit dem perfekten Rennen“. Dopingmittel für die illegale Beschleunigung kommen dabei überhaupt nicht infrage: „Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, meinen Körper mutwillig zu zerstören. Das sind mir Medaillen nicht wert.“

Jenseits der Jagd nach immer schnelleren Zeiten und Edelmetall sowie dem Kick, als Leichtathletikstar hofiert, gefeiert und geehrt zu werden, kümmert sich Gina Lückenkemper so oft es geht um ihren Wallach Picasso. „Ich genieße es, im Pferdestall zu sein. Es ist mein Ruhepol. Manchmal fahre ich nur in den Stall, kraule ihn und lasse mich von ihm kraulen“, erzählt sie beim Striegeln des Fells. Wenn es ihr schlecht gehe, sei Picasso extrem kuschelig.

Gerade dann, wenn die Frohnatur in „ein mentales Loch“ falle wie jedes Jahr. Manchmal dauere es nur ein paar Tage, 2017 sei sie indes zwei Wochen lang nicht in der Lage gewesen, zu trainieren. „Es ist eine allgemeine Seelenlage, die aber durch den Sport verstärkt wird“, erzählt sie. Man fühle sich dann ausgeknockt und leer. „Ich habe gelernt, besser damit umzugehen, weil ich gelernt habe, mir einzugestehen, dass es mir schlecht geht. Das ist einfach so!“

Aus anderen Gründen hatte sie nach der so erfolgreichen vergangenen Saison ein Tief. Bayer 04 Leverkusen hatte ihr mitgeteilt, den Ausrüster zu wechseln und dass sie für den Verein nur weiter starten könne, wenn auch sie wechseln würde. Sie blieb bei ihrem Sponsor Adidas, musste sich aber einen neuen Verein suchen. „Mental war das mein Todesurteil, weil ich nach der Saison mal runterkommen wollte“, sagt Lückenkemper, die seit Jahresbeginn nun für den SCC Berlin startet. „Das hat Energie geraubt, weil von den Entscheidungen meine Karriere abhängig war.“

Da tat die lange Wettkampfpause gut, um neue Kraft zu schöpfen. „Ich möchte ich bleiben, die Gina aus Westfalen, der die Schnauze so gewachsen ist, wie sie redet“, sagt sie. Für sie sei es ein Gewinn, Menschen mit kleinen Gesten wie einem Selfie mit ihr im Supermarkt glücklich zu machen.

Während sie sich sportlich keine Grenzen setzt, hat sie klare Vorstellungen, wo ihre Privatsphäre als öffentliche Person beginnt. „Ich möchte mich überhaupt nicht, egal für welche Zeitschrift, völlig nackig machen“, sagt sie bestimmt. Drei Anfragen habe es schon vom „Playboy“ gegeben. Lückenkemper: „Ich habe den Körper dafür, aber meine Arbeitskleidung ist schon knapp genug bemessen.“ (Andreas Schirmer/dpa)

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