Novak Djokovic

Obskure Theorien

Tennisprofi Novak Djokovic irritiert mit Aussagen und erntet Kritik. Ein Kommentar.

Zum besten Tennisspieler der Gegenwart wurde Novak Djokovic nicht einfach nur, weil er gut Tennis spielt. Nein, strenge Disziplin und innovative Ansätze in allen Lebensbereichen pflasterten seinen Weg an die Spitze, davon ist der Serbe überzeugt. Mit Yoga stärkt er seinen drahtigen Körper, mit Meditation den Geist, und eine strikte Ernährung, meist vegan und immer glutenfrei, bildet die Grundlage.

Doch der Corona-Lockdown scheint Djokovic nicht gut zu bekommen – jedenfalls irritiert er im Internet mit immer obskureren Theorien, etwa jüngst in einem Instagram-Live-Gespräch mit dem Esoteriker Chervin Jafarieh. „Ich kenne einige Menschen“, erklärt der 17-malige Grand-Slam-Champion dort, „die es durch energetische Umwandlung, durch die Kraft des Gebetes, durch die Kraft der Dankbarkeit schaffen, die giftigste Nahrung oder das am stärksten verschmutzte Wasser in das heilsamste Wasser zu verwandeln.“

Über 600 000 Menschen haben das Video mit Djokovics fragwürdigen geistigen Ergüssen bereits gesehen. „Wissenschaftler haben bewiesen“, führt der 32-Jährige darin weiter aus, „dass die Moleküle im Wasser auf unsere Emotionen, auf das, was gesagt wurde, reagieren.“

Und sollte das nicht helfen, verweist der selbsternannte Alchemist und Djokovic-Vertraute Jafarieh etwa auf ein Mittelchen, das angeblich das Wachstum neuer Hirnzellen stimulieren soll. Das 60-Milliliter-Fläschchen ist für Schlappe 58 Dollar zu haben. Und immerhin, betont der Guru, schmeckt es ganz hervorragend im Kaffee.

An der Spiritualität des Weltranglistenersten und seinem Hang zur Esoterik ist freilich wenig auszusetzen. Gefährlich wird es aber, und davor warnen Kritiker, wenn Djokovic seine kruden Theorien seinen Tausenden Zusehern als wissenschaftliche Erkenntnisse anpreist. In Zeiten, in denen der US-Präsident öffentlich die Einnahme von Desinfektionsmittel als Corona-Therapie anregt, ist diese Gefahr nicht zu unterschätzen.

Ex-Spielerin Mary Carillo zeigte sich deshalb entsetzt. „Ich bin wirklich schockiert, dass Djokovic und dieser andere Typ behaupten, man könne giftiges Wasser in Trinkwasser umwandeln“, sagte die US-Amerikanerin dem Tennis Channel: „Solche Behauptungen sind gefährlich.“ US-Tennisexperte Jon Wertheim pflichtete ihr bei. Er glaube, „dass Novak wirklich vorsichtig sein muss“, gerade jetzt, „in Zeiten des Coronavirus, wenn falsche Geschichten und Verschwörungstheorien auftauchen“.

Djokovic hatte sich davor schon gegen Impfungen ausgesprochen. Sein großer Rivale, der 19-malige Major-Sieger Rafael Nadal, entgegnete gegenüber der spanischen Zeitung „La Voz de Galicia“: „Wenn die Tour eine Impfung zum Schutz aller vorschreibt, dann muss Djokovic geimpft werden, wenn er wieder auf höchstem Niveau Tennis spielen will.“

Es scheint höchste Zeit, dass Djokovic seine Gedanken wieder darauf richtet, was er am besten kann: Gut Tennis spielen. (sid)

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