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Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Klaus-Dieter Fischer (rechts) mit Willi Lemke.

Werder Bremen

Notfallplan mit Risikopotenzial

Werder Bremen will schon jetzt Geld ausgeben, das eigentlich erst ab 2019 fließen dürfte. Eine Strategie, die angesichts des bald aufgebrauchten Eigenkapitals der Not gehorcht.

Von Jan Christian Müller

Werder Bremen hat seit der Demission von Felix Magath und der Beförderung von Thomas Schaaf im Abstiegskampf 1999 die unruhigste Woche der Klubgeschichte erlebt. Sie begann am Dienstag mit einem Aufsehen erregenden Vorstoß des Präsidenten und schloss am Sonntag mit dem vom Klub bestätigten Coup, dass der Bundesligaklub seinen Vertrag mit dem Vermarkter Infront von 2019 bis 2029 verlängert hat. Werders zuletzt wegen mangelnder Vernetzung in die Bremer Politik und Geschäftswelt kritisierter Vorsitzender der Geschäftsführung, Klaus Filbry, sagte der „Bild am Sonntag“, dass der Deal den Bremern „im sportlichen Bereich einen gewissen Handlungsspielraum“ verschaffe.

Die kurzfristige Chance: Die durch eine Signing Fee schon vorab von Infront in die Klubkasse abzuführenden rund neun Millionen Euro kann der Tabellenletzte bereits in diesem Winter in neue Spieler investieren – Topfavorit ist der Costa Ricaner Bryan Ruiz vom FC Fulham – und so einen mittelfristig bis zu 50 Millionen Euro teuren Abstieg verhindern. Die langfristige Gefahr: Werder gibt schon jetzt Geld aus, dessen Gegenwert der Klub tatsächlich erst ab 2019 erbringt. Eine Strategie, die angesichts des bald aufgebrauchten Eigenkapitals der Not gehorcht. Zumal auch künftige Vermarktungserlöse stets um einen in der Regel fälligen zweistelligen prozentualen Anteil für die Maklertätigkeit des Vermarkters dezimiert werden müssen.

Damals im Mai

Ein kurzer Rückblick: Im Mai 1999 war das zuvor ehrenamtlich tätige Präsidium komplett zurückgetreten, was aber seinerzeit keineswegs reumütig gemeint war. Denn dieselben Personen installierten sich postwendend nach der Ausgliederung der Profiabteilung in einer GmbH & Co KGaA in neuen, teilweise gut dotierten Ämtern wieder. Bis heute übrig geblieben ist lediglich der bald 74-jährige Klaus-Dieter Fischer, der im März für das Jahresende seinen kompletten Rückzug als Vereinspräsident und GmbH-Geschäftsführer angekündigt hat. In dieser Funktion ist der ausgewiesene Machtmensch noch zweieinhalb Monate für den Nachwuchs, den Frauenfußball und andere Sportarten zuständig, also gerade nicht für den Profifußball.

Unter der Woche hat Fischer sich dennoch öffentlich und somit offenbar in seiner Funktion als e.V.-Präsident und Hauptgesellschafter der Profi-Tochter zu Fragen der Profiabteilung geäußert – gewiss abgestimmt mit Filbry und Sportvorstand Thomas Eichin, aber nicht abgestimmt mit dem in derlei grundsätzlichen strategischen Fragen eigentlich zu konsultierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Willi Lemke. Er regte an, so Fischer, ein „überschaubares Risiko“ einzugehen und entsprechende Verbindlichkeiten in Kauf zu nehmen. Der zunehmend isoliertere Lemke hatte genau das stets abgelehnt und zeigte sich über die Vorgehensweise wenig amüsiert.

Fischers wohlüberlegter Vorstoß zum Schuldenmachen, der für Werder ein Tabubruch darstellt, kurz vor seinem angekündigten Abschied wird deshalb auch als Attacke gegen den Ex-Manager und aktuellen UN-Sonderberater Lemke (68) interpretiert: Dieser möge doch ebenfalls abdanken. Auch die in der Hansestadt bestens vernetzten und als Meinungsführer noch immer recht einflussreichen ehemaligen Vorstände Manfred Müller, mitverantwortlich für den viel zu teuren Umbau des Weserstadions, und Jürgen L. Born lassen keinen Zweifel daran, dass sie Lemke lieber heute als morgen nicht mehr als Aufsichtsratsboss im Amt sähen. Born bot via „Weser Kurier“ gar an, die Lücke persönlich zu schließen. Lemke wurde bis 2015 berufen und hat einen Rücktritt bislang ausgeschlossen.

Am 24. November findet die alljährliche Mitgliederversammlung der Grün-Weißen statt. Bislang hatten derartige Veranstaltungen eher den Charakter von Sitzungen der Volkskammer in der verblichenen DDR. Diesmal dürfte es turbulenter zugehen, sollten die Wogen nicht doch noch nach Art des Hauses geglättet werden. Wie immer der nun auch nach außen unübersehbar ausgebrochene Machtkampf zwischen Fischer und Lemke auch ausgehen wird; der nach 44 Jahren in einem Amt bei den Hanseaten scheidende Fischer, durch dessen Adern wahrscheinlich grün-weißes Blut fließt, wird für einen möglichen Abstieg nicht mehr unmittelbar operativ verantwortlich sein. Und niemand kann hinterher sagen, er hätte nicht noch rechtzeitig gewarnt. Am wenigsten Willi Lemke.

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