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Einigkeit und Recht und Deutscher Fußball-Bund.

WM-Affäre

Niersbach – und dann?

Wie sich der Deutsche Fußball-Bund personell und strategisch neu aufstellen könnte, falls der Präsident aufgeben sollte.

Von Jan Christian Müller

Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass der Deutsche Fußball-Bund just in diesen Tagen die zehnte Auflage des DFB-Steuerhandbuchs für Vereine veröffentlicht hat. Schatzmeister Reinhard Grindel wird vom Verband in diesem Zusammenhang allerdings ironiefrei so zitiert: „Das DFB-Steuerhandbuch beantwortet wichtige Fragen und bietet Hilfestellung in der Erfüllung der gesetzlichen Bestimmungen.“

Bestimmungen, mit denen der DFB mit seinem WM-Organisationskomitee 2006 verdächtig ungesetzlich umgegangen zu sein scheint. Und zwar allem Anschein nach nicht aus Fahrlässigkeit, sondern sehr zielgerichtet, um die Zahlung von 6,7 Millionen Euro in eine schwarze Kasse zu vertuschen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Hamburger Grindel gilt in DFB-Kreisen als ambitionierter Nachfolgekandidat für den wankenden DFB-Chef Wolfgang Niersbach. Grindel, 54 Jahre alt, CDU-Bundestagsabgeordneter, würde in der Zentrale im Frankfurter Stadtwald sicher nicht mit vergleichbarer persönlichen Zuneigung empfangen, die sich Niersbach in 27 Jahren als Pressechef, Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, Generalsekretär und Präsident in der Otto-Fleck-Schneise 6 auch dank seiner unkomplizierten Umgangsformen erworben hat.

Die Nachfolgedebatte ist keineswegs erst in der derzeit tiefsten sportpolitischen Krise ausgebrochen, die der Deutsche Fußball-Bund in seiner beileibe nicht immer nur ruhmreichen 115-jährigen Geschichte erlebt hat. Die Diskussion wird intern schon geraume Zeit geführt. Tatsächlich bereits seit anderthalb Jahren, seit nämlich Niersbach ständig Medienanfragen ausweichen musste, ob er sich nicht konkret vorstellen könnte, dem damals designierten Fifa-Präsidenten Michel Platini auf den Thron der Uefa zu folgen. In jenem März 2014 hatte Niersbach im festlichen Kaisersaal des Frankfurter Römers sein Autogramm unter den Vertrag für die von ihm als „Jahrhundertprojekt“ ausgerufene, 110 Millionen Euro teure DFB-Akademie an der Frankfurter Galopprennbahn gesetzt; da war der ehemalige Sportreporter am Scheitelpunkt seiner Macht, Anerkennung und Beliebtheit. Nie und nimmer hätte sich irgendjemand ausmalen können, dass die unleidige Vergangenheit, zwei düstere 6,7-Millionen-Euro-Überweisungen aus den Jahren 2002 und 2005, für die er persönlich wohl kaum fundamentale Verantwortung trägt, für die er aber mindestens politische Verantwortung übernehmen muss, den lebensfrohen Rheinländer so brachial einholen würde.

Sollte der binnen drei Wochen tief gefallene Niersbach sich dem Extremdruck beugen und aufgeben, was Menschen aus seinem näheren Umfeld inzwischen als wahrscheinlichere, wiewohl persönlich bedauerliche Variante erachten, würde aber zunächst nicht Schatzmeister Grindel seine Amtsgeschäfte fortführen. Diese Aufgabe käme laut Geschäftsordnung einem Duo zuteil: Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes und von Borussia Dortmund in Personalunion, sowie Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußballverbandes. Rauball, 69, würde Niersbach in allen Angelegenheiten des internationalen Fußballs und der A-Nationalmannschaft ersetzen, Koch, 56, wäre für sämtliche Fragen des Amateurfußballs zuständig. Bei beiden Männern handelt es sich um erfahrene Juristen, denen zuzutrauen wäre, den im vergilbten Kleid des eingetragenen Vereins daherkommenden DFB in die Struktur eines modernen Dienstleistungsbetriebs mit bezahltem Vorstand und Aufsichtsrat als Kontrollorgan zu überführen und während dieser möglichen Übergangsphase souverän zu managen.

Der ehrgeizige Koch dürfte dabei zweifellos die größeren persönlichen Zukunftsambitionen verfolgen, trifft jedoch als ausgewiesener Vertreter der Amateure bei den Profiklubs, die im DFB seit 2004 über eine Sperrminorität bei der Präsidentenwahl verfügen, auf Vorbehalte. Rauball versteht es gekonnt, die Kunst der hohen Diplomatie einzusetzen, sich selbst zurückzunehmen und mit ruhiger Hand zu führen. Er fühlt sich in seiner derzeitigen Doppelrolle allemal ausgelastet und strebt nicht nach dem höchsten Amt im deutschen Fußball, würde sich der Verantwortung zumindest für eine Übergangsphase aber vermutlich stellen.

Dann könnte Rauball an der Spitze einer DFB-AG auch die Weichen für eine offiziell bezahlte Präsidentschaft des Nationalmannschafts-Managers Oliver Bierhoff stellen. Der 47-Jährige verfügt sicher über das Durchsetzungsvermögen und das Netzwerk, das für diese Aufgabe erforderlich wäre, ist aber alles andere als ein typischer Verbandsfunktionär. Die Amateurvertreter gehören nicht zu den besten Freunden des Vollprofis, der seinen Machtbereich inzwischen weit über die Nationalmannschaft hinweg ausgeweitet hat.

Bierhoff hat erst vor kurzem als Projektleiter der DFB-Akademie die Verantwortung für die größte strategische Aufgabe im Verband von Generalsekretär Helmut Sandrock übertragen bekommen. Sandrock, vormals Turnierdirektor der WM 2006, werden allenfalls Außenseiterchancen auf die Präsidentschaft eingeräumt, eher mutmaßen Insider, der 58-Jährige könnte gemeinsam mit Niersbach in den Strudel gezogen werden. Am Mittwochmittag leitete Sandrock als höchstrangiger Hauptamtlicher eine Mitarbeiterversammlung, in der er die verstörten Angestellten über die Razzia der Steuerbehörden vom Vortag informierte. Der Präsident fehlte.

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