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„Die Konstanz ist vielleicht noch nicht ganz da.“ Karl Geiger.

Interview

Skispringer Karl Geiger: „Nicht unbedingt die größte Klappe“

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Skispringer Karl Geiger spricht vor dem Weltcup in Willingen über das Gelbe Trikot, Druck und Schüchternheit.

Herr Geiger, Sie werden als bescheiden und schüchtern beschrieben. Stimmt das?

Jein, ich bin schon eher introvertiert und habe nicht unbedingt die größte Klappe. Ich muss auch nicht sofort mit jedem ins Schwafeln kommen. Ich halte mich erst mal bedeckt. Wenn man mich aber besser kennenlernt, dann bin ich alles andere als schüchtern. Dann taue ich gut auf, ich brauche aber immer erst einen Warmlauf.

Ihre bisherige Saison ist sehr konstant verlaufen und angesprochen auf Ihren Erfolg haben Sie gesagt: „Ich mache einfach mein Zeug.“ Was genau aber läuft diesen Winter besser?

Ich habe leicht am System gefeilt, an dem ich aber auch schon die Jahre zuvor gearbeitet habe. Das Gesamtpaket hat sich weiter entwickelt. Soll heißen: Wenn meine Anfahrtsposition gut ist, ist die Chance auf einen guten Absprung sehr gut. Wenn das klappt und ich gut fliege, dann geht’s eben zehn Meter weiter nach vorn. Die Streuung ist weniger geworden und deswegen kommen mehr gute Sprünge heraus. Ich bin aber jedes Jahr ein Stückchen besser geworden, ich habe nie den Riesenschritt gemacht, sondern mich langsam nach vorn geschlichen. Und diese Saison geht’s eben noch mal etwas weiter nach vorn.

Sogar so weit, dass Sie derzeit die Nummer eins im Team sind, sich also vom soliden Springer zum Anführer der deutschen Mannschaft hochgearbeitet haben ...

So würde ich mich nicht bezeichnen. Wir sind ein echt gutes Team und es ist wichtig, dass einer gut vorn mitmischen kann. Das hält den anderen den Rücken frei. Davon habe ich die vergangenen Jahre auch profitiert. Als solider Springer steht man nicht gleich im Kreuzverhör und kann sich ohne Druck auf die Entwicklung konzentrieren.

Ist Ihnen der Rollenwechsel schwergefallen?

Ich bin schon froh, wenn ich meine Ruhe habe. Aber andererseits ist es ein Zeichen von Wertschätzung. Man trainiert sein ganzes Leben und hat den Anspruch, einmal ganz vorn zu stehen. Das ist mir jetzt gelungen und dann gehört alles andere eben dazu.

Auch das Gelbe Trikot hatten Sie sich zwischenzeitlich erkämpft. Damit wurde ein Traum für Sie wahr – wovon träumen Sie noch?

Es war schon cool, das Trikot mal unter der Saison zu haben. Da ist ein Kindheitstraum wahr geworden, aber im Endeffekt zählt es erst im März. Und bis dahin kann noch einiges passieren. Wenn man realistisch ist, muss man nicht gleich erwarten, dass ich das Gelbe Trikot dieses Jahr heimbringe. Die Saison ist schon jetzt meine beste, aber die Konstanz ist vielleicht noch nicht ganz da, dass ich jedes Springen vorn mitmischen kann. Es war schön, das Gelbe Trikot einmal zu haben, das war aber nur ein Zwischenergebnis.

Sie können sich das Gelbe Trikot in Willingen ja zurückholen. Es stehen schließlich zwei Einzelwettbewerbe an, und 2019 haben Sie dort auch gewonnen.

Das war ein besonderes Erlebnis, das nicht abzusehen war. Ich habe in den vergangenen Jahren in Willingen oft Probleme gehabt. Deswegen war ich selbst überrascht und überwältigt, da kommt direkt wieder die Gänsehaut hoch. Trotzdem werden die Karten neu gemischt. Prinzipiell gibt mir der Sieg vom vergangenen Jahr aber Vertrauen. Ich weiß, dass ich es kann. Ich werde mir aber keinen Druck machen, das würde mich nur fertigmachen.

Ihr Tipp, wer hat in Willingen Siegchancen?

Die üblichen Verdächtigen, also Stefan Kraft, Ryoyu Kobaybashi und Dawid Kubacki. Die springen auf einem sehr hohen Niveau. Ich traue es aber jedem zu. Man sieht ja, dass das Ergebnis der Vorwoche keine Garantie ist, dass es am nächsten Wochenende wieder klappt. Besonders gönnen würde ich es Stephan. Aber es ist nicht einfach, vor heimischem Publikum zu springen. Ich spreche da aus Erfahrung.

Worauf freuen Sie sich in Willingen besonders?

Auf die Fans, die Stimmung und eben auf die Schanze, die extrem Spaß machen kann, wenn man sie im Griff hat.

Interview: Friederike Weiler

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