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Hilflos in der zweiten Runde: Angelique Kerber.

Angelique Kerber

„Nicht nach Offenbach“

Angelique Kerber will nach Wimbledon-Aus nur noch abtauchen.

Angelique Kerber schnaubte ein wenig verächtlich. „Also nach Offenbach sicher nicht“, antwortete die schmerzhaft entthronte Wimbledonsiegerin auf die Frage, wohin sie nach ihrem bitteren Zweitrunden-Aus reisen wolle. Ihre Heimatstadt Kiel oder ihren Wohnort in Polen nannte Kerber stattdessen als mögliche Rückzugsorte. Genau wie der ebenso gescheiterte Alexander Zverev will sie „irgendwo abtauchen, wo man mich hoffentlich nicht findet“.

Gedanken an den Urlaub verschwendet Julia Görges dagegen im Moment überhaupt keine – im Gegenteil. Mit neuem Trainer, neuem Selbstbewusstsein und alter Vorliebe fürs Angriffstennis traut sich die letzte in London verbliebene Deutsche am Samstag in der Neuauflage des Vorjahres-Halbfinals gegen die große Serena Williams einiges zu. „Es ist eine andere Runde, ich habe ein Jahr mehr Erfahrung und gehe mit einer gewissen Souveränität ins Match“, kündigte sie selbstbewusst an.

Görges Team funktioniert

Nach einem Halbjahr, das nach einem perfekten Auftakt mit dem Turniersieg in Auckland überwiegend Enttäuschungen bereithielt, hatte Görges Ende Mai den Reset-Knopf gedrückt. Sie trennte sich von ihrem Coach Michael Geserer, arbeitet künftig mit Sebastian Sachs zusammen, einem Trainernovizen, der drei Jahre jünger ist als Görges. Zu den genauen Hintergründen des Wechsels schweigt sie beharrlich, will „keine Schlagzeilen liefern“.

Bei Angelique Kerber dagegen lässt der ganz große Erfolg mit ihrem neuen Trainer Rainer Schüttler auf sich warten. Seit Ende 2018 arbeiten Deutschlands beste Tennisspielerin und der ehemalige Weltranglistenfünfte nun zusammen, die Bilanz fällt bislang äußerst durchwachsen aus. „Es hätte besser, es hätte auch schlechter laufen können“, fasste Kerber ihre erste Saisonhälfte zusammen: „Momentan bin ich nicht wirklich zufrieden. Aber wenn ich auf das ganze halbe Jahr schaue, gab es gute und einige nicht so gute Momente.“

Bei Görges hat der Trainerwechsel gefruchtet, gleich beim ersten Turnierstart in Birmingham erreichte sie das Finale. Gemeinsam mit ihrem neuformierten Team, zu dem weiterhin auch ihr Physiotherapeut und Freund Florian Zitzelsberger gehört, hat Görges außerdem wieder eine Philosophie vom Tennis entwickelt, „mit der ich mich sehr gut identifizieren kann“. Sie spielt wieder „direkter“, „offensiver“, dazu kommt eine größere innere Ausgeglichenheit: „Auf dem Platz fühle ich mich sehr wohl, habe eine gewisse Ruhe in mir.“

Die geht Angelique Kerber derzeit ab. Während ihrer 6:2, 2:6, 1:6-Pleite gegen die US-Amerikanerin Lauren Davis hatte Kerber mehrfach hilflos in Richtung ihrer Box geschaut. „Was soll ich denn machen?“, fragte sie klagend. „Das waren nur die Emotionen, die ich immer bei mir habe“, spielte sie die Ausbrüche später herunter, bemüht, keine Trainerdiskussion aufkommen zu lassen. Scheitert auch das Experiment mit Schüttler, hätte sie sich schließlich in drei Jahren von drei Trainern getrennt.

Derlei Probleme hat Julia Görges nicht, sie ist überzeugt davon, im fünften Duell mit Serena Williams endlich den ersten Sieg einfahren zu können und damit das Achtelfinale zu erreichen. „Wer das Ganze ohne Emotionen angeht, hat die meisten Chancen auf gute Leistungen“, sagt sie. Vielleicht erwartet Angelique Kerber ja einfach zu viel von sich.

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