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Neuer Glanz in Grün-Weiß

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Von: Frank Hellmann

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Mit ganzer Dynamik: Claudio Pizzaro (rechts) gegen Clarence Seedorf .
Mit ganzer Dynamik: Claudio Pizzaro (rechts) gegen Clarence Seedorf . © dpa

Werder Bremen überrascht sich in Mailand selbst und will nun auch dem FC Bayern die Stirn bieten. Von Frank Hellmann

Die honorigen Herren der Bremer Geschäftsführung haben im Europapokal schon so einiges erlebt. Manfred Müller oder Klaus-Dieter Fischer standen beim SV Werder schließlich schon in der Verantwortung, als man unter Anleitung von Otto Rehhagel die berühmten Wunder von der Weser schuf. Das, was sich unter Ausschluss der deutschen TV-Öffentlichkeit im legendären Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand am Donnerstagabend abspielte, erreichte nun fast schon eine neue Dimension. "Das schönste Unentschieden seit 20 Jahren", hatte Marketing-Fachmann Müller mit dem 2:2 (0:2) beim AC Mailand und dem Einzug ins Achtelfinale des Uefa-Cups gesehen. "Das war richtig gut fürs Image, interessant für die Finanzen und wichtig für die Psyche."

"Den Arsch hochgekriegt"

Vor allem Letzteres: Die zuletzt arg ramponierte Marke Werder, die selbst von innen einige tiefe Schrammen erlitten hatte, strahlte nach außen auf einmal wieder wie zu besten Rehhagel-Zeiten. Und plötzlich ist die Brust so breit, dass man fest daran glaubt, auch dem FC Bayern am Sonntag die Stirn bieten zu können. "Ich werde die Mannschaft nicht aus der Pflicht lassen", kündigte Trainer Thomas Schaaf an.

"Wir haben den Arsch noch rechtzeitig hoch gekriegt", lieferte Ersatztorwart Christian Vander den verbalen Volltreffer zu einer Begegnung, in der die uninspirierte Milan-Riege zum Spielball beschwingter Bremer wurde, die nun auch gegen den französischen Vertreter AS Saint Etienne (12. und 18./19. März) als Favorit gehandelt werden. "Wir hatten die Partie nie im Griff", gab Trainer Carlo Ancelotti zu. "Werder war besser und uns physisch und taktisch überlegen."

Den vom abermals indisponierten Clemens Fritz begünstigten 0:2-Rückstand durch den Handelfmeter von Andrea Pirlo (26.) und das Traumtor von Pato (33.) münzte Claudio Pizarro mit zwei feinen Kopfballtoren (68. und 78.) noch in ein hochverdientes Remis um. Trainer Schaaf führte nach dem Ausgleich an der Trainerbank ein ekstatisches Tänzchen auf, seine Spieler taten es ihm nach dem Abpfiff vor den 1700 mitgereisten Anhängern gleich. "Wer in vier Spielen einer Saison gegen Inter und AC Mailand nicht verliert, besitzt Qualität", stellte Sportchef Klaus Allofs fest. Diese vorhandene Klasse ein wenig konstanter abzurufen, wäre vorteilhaft. An Claudio Pizarro ist zu besichtigen, dass Genie und Wahnsinn in der grün-weißen Entourage eine friedliche Koexistenz pflegen.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Gegen Cottbus katapultierte sich der 30-Jährige wegen eines verpassten Flugzeugs (und Trainings) aus dem Kader, gegen Mailand schoss er die Hanseaten allein in die nächste Runde. Pizarro gab artig zu Protokoll: "Ich wollte der Mannschaft mit meiner Erfahrung helfen. Ich hoffe, dass wir jetzt alle so weiterspielen." Ein Verlangen, dem sich die wahren Schwungräder nicht verschließen sollten.

Nicht Diego oder Mesut Özil muss es bei Werder heißen, sondern Diego und Özil, sofern sie im Duett weiter so wirbeln. Gegen ihren Spieltrieb wirkten Clarence Seedorf und David Beckham wie sündhaft teure Standfiguren. Die englische Stil-Ikone gab später preis, eine "enttäuschende Nacht" erlebt zu haben, "aber das passiert im Fußball". Vor allem dann, wenn ein Starensemble so weit über den Zenit ist wie das fehlbesetzte seines Leih-Arbeitgebers. Ministerpräsident und Klubpatron Silvio Berlusconi wäre gut beraten, mal nachzudenken, ob der Ball bei Milan mit weniger Prominenz nicht besser rollen würde.

Werders Geschäftsführung hatte übrigens Berlusconis Firma Mediaset am Spieltag noch ein kleines Zugeständnis abgerungen: Bewegte Bilder sind seitdem für die Abonnenten von Werder.TV auf der Vereinshomepage zu sehen. Mediaset hatte sich selbst da lange quergestellt und von deutschen Sendern für eine Live-Übertragung rund eine Million Euro gefordert. Die dramatische Auseinandersetzung wäre es übrigens wert gewesen. Aber vielleicht liefert Werder ja gegen die Bayern morgen einen nicht minder unterhaltsamen Nachklapp ab, der dem deutschen Publikum dann auch nicht vorenthalten wird.

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