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Wird von der Wechselschritttechnik in die Drehstoßtechnik wechseln: Carolin Schäfer.

Siebenkämpferin Carolin Schäfer

Neue Reize, neue Motivation

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Für Siebenkämpferin Carolin Schäfer steht die neue Saison ganz unter dem Motto, den Spaß am Training wiederzugewinnen.

Carolin Schäfer hat ihre vorerst letzten freien Tage in vollen Zügen genossen. In Oberstdorf hat sie mit ihrem Freund Jan sieben Tage lang die Seele baumeln lassen und ist bei schönstem Sonnenschein rund 70 Kilometer durch die Wälder im bayerischen Allgäu gewandert. Es war der erste Winterurlaub überhaupt für die Siebenkämpferin der LG Eintracht Frankfurt. Neues ausprobieren, Neues entdecken – unter diesem Motto steht auch die Saison für die 27-Jährige, die ab dem heutigen Freitag mit einem neuntägigen Trainingslager in Lanzarote auf den Kanarischen Inseln so richtig Fahrt aufnimmt. „Ich muss wieder zur Leichtigkeit zurückfinden“, sagt die gebürtige Bad Wildungerin. 

Dafür hat sie in Absprache mit ihrem langjährigen Trainer Jürgen Sammert einiges umgestellt. Ihr Sprinttraining hat David Corell übernommen, der hessische Landestrainer für Kurzsprint am Stützpunkt Frankfurt. Für den Speerwurf wird sie wie im vergangenen Jahr nach Jena fahren, um sich Tipps von Europameister Thomas Röhler zu holen. Und für das Kugelstoßen holt sie sich Hilfe bei Lothar Altmeyer in Saarbrücken. Der Präsident des Saarländischen Leichtathletik-Bundes soll ihr die Drehstoßtechnik vermitteln. „Beim Kugelstoßen war vieles festgefahren und man hat nicht mehr ganz die Entwicklung in der Wechselschritttechnik bei mir gesehen“, erklärt Schäfer. Die ersten Einheiten waren bereits sehr informativ, und „es hat endlich mal wieder Spaß gemacht“.

Der war ihr in der vergangenen Saison abhanden gekommen. Sechs Trainingslager waren in der Nachbetrachtung einfach zu viel. Dafür hat sie während der Saison den Preis zahlen müssen. „Ich war mental und körperlich sehr ausgelaugt.“ Das tägliche Training empfand die 1,78-Meter große Athletin nur als Arbeit, als reinen Kampf. Immerhin hat der Ertrag gestimmt. Schäfer gewann trotz der Widrigkeiten Bronze bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin. „Mein Wille war stärker als mein Körper“, sagt die Polizeikommissarin lachend. Und im französischen Talance gewann sie die Challenge-Gesamtwertung und räumte 30 000 Dollar ab. „Da wollte ich unbedingt gewinnen, um mich für meine harte Arbeit zu belohnen.“ 

Doch nach diesem Wettkampf im September warf Carolin Schäfer die Spikes und die Trainingstasche in die Ecke und machte fast drei Monate lang gar nichts. „Diese Zeit habe ich einfach für mich gebraucht“, erklärt die Hessin. Sie hat sich mit Trainer Sammert zusammengesetzt, ein ehrliches und offenes Gespräch geführt, wie es in Zukunft weitergehen soll. „Wir sind ein eingespieltes Team, das sich gegenseitig vertraut. Das ist unheimlich wichtig“, sagt Schäfer. Trotzdem seien viele Dinge zur Routine geworden und die Motivation nach einem unglaublichen Jahr 2017 mit neuer persönlicher Bestleistung (6836 Punkte) und dem Vizeweltmeistertitel in London war im vergangenen Jahr nicht mehr so stark da. „Wir brauchten neue Einflüsse und neue Reize. Ich muss wieder frei sein vom Kopf“, erklärt Schäfer. „Ich bin froh, dass Jürgen das so offen sieht.“ 

Sie verzichtet deshalb auf die Hallensaison und richtet den kompletten Fokus auf die WM in Doha in Katar (28. September bis 6. Oktober) aus. Danach will sie sich nur vier Wochen Pause gönnen, um sich optimal auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorzubereiten. Seit dem Trainingsbeginn Mitte Dezember steht zunächst das Grundlagentraining an. „Gerade im neuen Kraftzyklus erhoffen wir uns Fortschritte“, sagt Schäfer. Sprinttrainer Corell, der unter anderem den Deutschen Meister über 100 Meter, Kevin Kranz (Sprintteam Wetzlar), anleitet, arbeitet für die Siebenkämpferin das Trainingsprogramm aus. Da werden vor allem die Beinbeuger und der Po belastet, um die Schnellzugmuskulatur anzusprechen. „Ich merke die ersten Reize schon und dass ich dieses Training noch nicht so gewohnt bin“, sagt Schäfer.

Zudem arbeitet sie im Rehazentrum R2 Comsport in Neu-Isenburg mit zwei Trainern an ihren Schwächen, die sonst während einer Saison auf der Strecke bleiben. „Ich habe es noch nie geschafft, eine tiefe Kniebeuge zu machen“, gesteht die Frankfurterin schmunzelnd ein. Sie will mobiler in Sprunggelenk und Hüftgelenk werden, „damit das ganze System geschmeidiger wird.“ Sie macht viel für die Schnelligkeit und für ihre Körperhaltung. „Ich stehe ein bisschen krumm da, weil mein Brustkorb etwas geschwächt ist.“ Zudem macht der Beuger im linken Oberschenkel immer mal wieder Probleme. „Damit diese Verletzungsprobleme erst gar nicht auftreten, mache ich sehr viel präventiv“, erzählt Schäfer. 

Neben dem Trainingslager in Lanzarote ist ein weiteres im März in Belek (Türkei) über drei Wochen angedacht. Ob sie in Götzis und auch noch in Ratingen beim Mehrkampfmeeting startet, weiß sie noch nicht. „Ich investiere sehr viel. Ich will mich körperlich auslasten und mich stetig weiterentwickeln“, sagt die 27-Jährige. Am Ende soll es natürlich eine neue persönliche Bestleistung geben, am besten so nah wie möglich an den deutschen Rekord von Sabine Braun heran oder ihn sogar übertreffen. Die 6985 Punkte haben seit 1992 Bestand.

„Das Jahr steht unter dem Stern des Ausprobierens“, sagt Schäfer. Das allerwichtigste für sie ist jedoch, dass sie endlich wieder mit einem Lächeln ins Training gehen kann. 

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