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Neue Bescheidenheit in Hannover

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Von: Frank Hellmann

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Ball vor Augen: Felipe (rechts) im Laufduell mit Charis Mavrias vom AFC Sunderland.
Ball vor Augen: Felipe (rechts) im Laufduell mit Charis Mavrias vom AFC Sunderland. © dpa

Die forschen Töne gehören bei Hannover 96 der Vergangenheit an. Mit dem Abgang von Lars Stindl verliert der Club ein wichtiges Gesicht.

Es ist gar nicht allzu lange her, da genügte ein Anruf bei Martin Kind um eine mutige Vorgabe zu vernehmen. Der vermögende Hörgeräteunternehmer hat die vergangenen Jahre mehr oder minder klar seine Wunschvorstellung auch zum Saisonziel gemacht. Ein Platz im Europapokal dürfe es bitte sein. Wahlweise solle eine Platzierung im oberen Drittel herausspringen. Was der Präsident dabei mitunter gar nicht bedachte: Wie unnötig hoch er damit die Messlatte legte. Denn so eine Zielsetzung, sei sie auch durch die Investitionen und durch die Entwicklung gerechtfertigt, taugt ja prima, um den Verein nach wenigen Wochen öffentlich unter Druck zu setzen.

Insofern ist der 71-Jährige durchaus lernfähig, denn hochtrabende Pläne werden nicht mehr hinausposaunt. Platz acht bis zwölf sind ins Visier genommen, dazu solle Hannover 96 eine ruhige, stabile Saison spielen. Damit wäre im Vergleich zur abgelaufenen Spielzeit viel erreicht. Lange herrschte Alarmstufe Rot bei den Roten. Erst am allerletzten Spieltag wurde in der Arena am Maschsee die Abstiegsgefahr gebannt. Und speziell Kind atmete auf, dass sein Lebenswerk nicht wieder dort verschwand, wo es 2002 mühsam aufgetaucht war: in der zweiten Liga. Den Klassenerhalt frühzeitig sichern, dann mal umschauen, was noch geht. Das klingt für einen Mittelklasseverein, der mit ähnlichen Zahlen operiert wie Eintracht Frankfurt (80 Millionen Euro Umsatz, 38 Millionen Euro Lizenzspieleretat), tatsächlich bewusst bodenständig.

Aber auch Kind hat ja eigentlich mehr vor, wenn er 96 von der regionalen zur nationalen Marke machen möchte. Sein Motto: „Wenn wir uns qualitativ weiterentwickeln wollen, sind neue Entscheidungen in Transferaufwand und Lohnsumme notwendig.“ Vorerst aber hat der Verein durch elf Abgänge mehr eingenommen als für sieben Zugänge. Allein für den unzufriedenen Stürmer Joselu zahlte Stoke City acht Millionen Euro Ablöse, der unersetzliche Kapitän Lars Stindl brachte von Borussia Mönchengladbach festgeschriebene drei Millionen ein, für den ebenfalls abwanderungswilligen Dribbler Leo Bittencourt bezahlte der 1. FC Köln mehr als zwei Millionen.

Das größte Loch reißt der Stindl-Weggang, denn damit verlor Hannover ein wichtiges Gesicht, das zudem noch an die seligen Europa-League-Spielzeiten erinnert. Mit Jan Schlaudraff und Christian Pander liefen die Verträge weiterer prägender Figuren dieser 96-Ära aus.

Intern müssen sich die Hierarchien verschieben. Der prominenteste Profi ist sicherlich Ron-Robert Zieler, der dritte Torwart der WM 2014 kann allerdings sein Profil außerhalb des Platzes noch stärken. Als Publikumsliebling taugt der verlässliche Defensivallrounder Christian Schulz, aber auf dem Rasen müssen andere die offensiven Akzente setzen. In dieser Hinsicht schulterten eben doch Stindl und mit Abstrichen Hiroshi Kiyotake die meiste Last. Wer kann nun derjenige sein, der im Spiel nach vorne für Unterhaltung sorgt?

Erdinc muss sich umstellen

Mevlüt Erdinc (AS Saint Etienne) muss die Umstellung aus dem Nachbarland bewältigen, Charlison Benschop (Fortuna Düsseldorf) aus dem Unterhaus. Immerhin ging nun ein Raunen durchs Publikum, als Allan Saint-Maximin beim Testspiel gegen den AFC Sunderland (0:1) am Ball war. Der 18 Jahre junge Franzose trägt nicht nur die Haare auffällig, sondern gilt als talentierter Techniker, der mit Gegenspielern gerne ein Tänzchen vollführt. „Man sieht, dass er sich durch seine Schnelligkeit und Gewandtheit aus dem Raum befreien kann“, lobte Michael Frontzeck.

Nur bitte nicht zu viel erwarten. Der 51 Jahre alte Trainer selbst möchte die entkrampfte Arbeit fortführen, die unter seiner Regie an den letzten fünf Spieltagen überhaupt die Rettung ermöglicht hat. Weiterer Pluspunkt: Das Zerwürfnis mit den eigenen Fans ist bereinigt, die Unterstützung soll wieder vorbehaltlos erfolgen. Indiz: 24 000 Dauerkarten sind verkauft. Allerdings hat das Team eine Vorbereitung hinter sich, in der es nicht nur einmal enttäuschte. Weder gegen Preußen Münster (0:0), RCD Mallorca (1:1), Hull City (0:0) noch Caykur Rizespor (0:2) sprang zuletzt ein Sieg heraus. Das spiele doch gar keine Rolle, meint Frontzeck.

Im Pokal bei Hessen Kassel

Der gebürtige Mönchengladbacher möchte sich allein am Ernstfall messen lassen. Und der führt die Niedersachsen in diesen heißen August-Wochen gleich zweimal nach Hessen. Dem DFB-Pokalspiel bei Hessen Kassel (Sonntag 18.30 Uhr) folgt der Bundesliga-Start beim SV Darmstadt 98 (15. August). Der Charakter beider Begegnungen ist ähnlich: In einem ausverkauften Haus treten die Gäste als klarer Favorit an, müssen sich aber mit besonderen Bedingungen und einem begeisterungsfähigen Publikum auseinandersetzen. Mag die präsidiale Vorgabe noch so bescheiden klingen: Ausrutscher für den Auftakt hier wie dort würden sich nicht so gut machen.

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