+
Sturm und Drang: Yasin Ehliz (links) scheitert an US-Torwart Cory Schneider.

Eishockey

Die neue Angriffslust

  • schließen

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft definiert sich über die Offensive.

Korbinian Holzer, dem deutschen Verteidigerhaudegen aus der NHL, ist aufgefallen, dass die Nationalmannschaft jetzt ein lustiges Abwehrpärchen hat: „Die beiden Seidis“, sagt Holzer mit einem Lachen. Neben Yannic Seidenberg spielt Moritz Seider. 35 ist der eine, 18 der andere. Der routinierte Münchner Seidi (beim EHC von den Kollegen auch „Seids“ genannt) hat 162 Länderspiele hinter sich, der Mannheimer Seidi mit dem Engelsgesicht und den Locken, die seitlich unterm Helm hervorlugen, gerade eines. Seine Premiere in der A-Nationalmannschaft war das 2:5 gegen die USA. Eine erwartbare Niederlage zwar, aber von seiner Seite aus eine blitzsaubere Vorstellung, die er mit einem Assist zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung veredelte.

Die Seidi-plus-Seidi-Kombo steht für den Übergang, den das deutsche Eishockey ein Jahr nach dem Olympiasilber erlebt und unter dessen Vorzeichen sie in die Weltmeisterschaft in der Slowakei geht. Es sind noch einige Spieler aus der Pyeongchang-Truppe dabei, doch vehement wie nie drängt eine neue Generation in die Nationalmannschaft. Und sie bringt einen neuen Stil mit. Die Kompetenz des Teams 2019 liegt eindeutig in der Offensive. „Klar, wir probieren, Tore zu schießen, sonst werden wir kein Spiel gewinnen“, sagt in seiner mittlerweile schon vertrauten Nüchternheit Leon Draisaitl, der Star aus der NHL, der aus der besten Saison seiner Karriere kommt und eine Individual-Attraktion ist, wie sie das deutsche Eishockey noch nie hatte.

Draisaitl kann vorne alle mitreißen: die Mannheimer Matthias Plachta und Markus Eisenschmid, die neben ihm stürmen dürfen, und weitere junge und schnelle Offensivkräfte wie Freddy Tiffels, Marc Michaelis, Lean Bergmann. Und wenn das Spiel mal lahmen sollte, kann Bundestrainer Toni Söderholm zu Draisaitl den gleichaltrigen Dominik Kahun stellen, der über ebenfalls ungewöhnliche Kreativität verfügt. Eine vierte Reihe, die in klassischer Mannschaftsstruktur nur da wäre, um den Spielfluss des Gegners aufzuhalten, ist gar nicht mehr auszumachen. Es ist absehbar: Diese deutsche Mannschaft wird agieren wollen – und zumindest in den ersten drei Spielen in Kosice (Großbritannien, Dänemark, Frankreich) wird sie dies auch tun müssen, um den Punktegrundstock für das Viertelfinale und die Olympia-2022-Qualifikation zu legen.

Defensiv hapert’s noch

Zweifel könnten aufkommen aufgrund der Defensiv-Performance. „Taktische und individuelle Fehler“, sah Draisaitl in der Rückwärtsbewegung, Kapitän Moritz Müller, Verteidiger, will aber anmerken, dass fürs Verteidigen alle zuständig sind. „Es beginnt bei Scheibenverlust in der offensiven Zone. Wir müssen als Fünfer-Einheit agieren.“

Beide gegen die USA eingesetzten Torhüter, Mathias Niederberger und Niklas Treutle, überzeugten. Dass Söderholm auf die DEL-Finalkeeper Endras (Mannheim) und Aus den Birken (München) verzichtete, hat ihm Nachfragen eingetragen. Er sagt: „Ich weiß, was Mathias und Niklas können – deswegen muss ich nach ihrem guten Spiel nicht erleichtert sein.“ Er sieht sich bestätigt.

Auf den Finnen Söderholm wird sich das Interesse richten in den kommenden zwei Wochen. Der Bundestrainer nach Marco Sturm ist den meisten noch unbekannt. Sicher ist: Er hat Humor. Die letzte Presserunde vor dem gestrigen Abflug in die Slowakei beschloss er mit einem „Hat ja gar nicht wehgetan“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion