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Der nächste Existenzkampf

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Von: Frank Hellmann

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Die Entscheidung im Hinrundenspiel: Nicolai Müller schießt das 3:1 für den HSV.
Die Entscheidung im Hinrundenspiel: Nicolai Müller schießt das 3:1 für den HSV. © imago

Im Nordderby zwischen dem Hamburger Sportverein und Werder Bremen geht es mal wieder nur ums Überleben.

Mit dem Lieblingsverein im hohen Norden ist das so eine Sache. Und die Sympathie zum Hamburger SV oder SV Werder stellt sich wirklich als zweischneidiges Schwert dar, wer – wie der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel – beispielsweise in Rotenburg an der Wümme zwischen den beiden Hansestädten beheimatet ist. Der neue Verbandsboss hat als gebürtiger Hamburger in seiner Kindheit auf dem alten HSV-Trainingsgelände am Rothenbaum noch Autogramme von Uwe Seeler gesammelt, wie der 54-Jährige vor einer Woche bei seiner Wahl verriet. Und die persönliche Gratulation durch die anwesende HSV-Ikone war ihm verdammt wichtig. Trotzdem ist ihm niemand aus der anwesenden Werder-Geschäftsführung böse gewesen.

Vorstand Klaus Filbry und Präsident Hubertus Hess-Grunewald konnten ja darauf verweisen, dass Grindel oft genug in jüngerer Vergangenheit auch im Weserstadion gewesen ist. Die Kreisstadt Rotenburg mit ihren rund 21 000 Einwohnern ist ja auch nur 44 Kilometer entfernt, und als im „Hotel Wachtelhof“, der besten Adresse weit und breit, mal Anfang des Jahrtausends der FC Bayern ein Trainingslager abhielt, sprach der damalige Manager Uli Hoeneß in seiner Dankesrede tatsächlich vom „Willi-Lemke-Land“.

Trotzdem hat HSV-Trainer Bruno Labbadia genau diese Herberge aufgesucht, um vor einem Jahr das von ihm in höchster Abstiegsnot übernommen Bundesliga-Team aufs Nordderby beim SV Werder einzuschwören. Gebracht hat es damals nicht viel: Bremen gewann 1:0, aber der HSV rettete sich bekanntlich – auch dank Labbadia – doch noch bis in die Relegation. Wenn nun im ausverkauften Volksparkstadion das Nordderby am heutigen Freitag (20.30 Uhr) in seine 104. Auflage geht, haben sich die Vorzeichen verkehrt. Das Szenario der von den Rothosen zweimal durchgemachten Saisonverlängerung gegen einen widerspenstigen Zweitliga-Dritten, diesmal für den 19. und 23. Mai terminiert, droht derzeit eher den Grün-Weißen, die genau jenen verflixten 16. Rang belegen. Allerdings: Mit einem Erfolg beim ewigen Rivalen könnten sie Punktgleichheit herstellen, und das Restprogramm (Werder gegen Stuttgart, in Köln und gegen Frankfurt – HSV in Mainz, gegen Wolfsburg und in Augsburg) ließe alles offen.

Es überrascht kaum, dass der Klassiker erneut vom Ringen um die Existenz überlagert wird. „Mich verwundert die Entwicklung der beiden Klubs nicht“, urteilt Frank Rost, der für beide Vereine zwischen den Pfosten stand. Hier wie dort seien falsche Entscheidungen getroffenen worden, sagt der 42-Jährige im „Kicker“. Niemand werde vom HSV oder Werder verlangen, dass sie bald um Champions-League-Plätze spielen, „aber beide müssen den Anspruch haben, nach oben zu schauen“, so Rost. Dies müsse von der Führung und von den Spielern auf dem Platz dokumentiert werden: „Man muss nicht rumjammern über die Werksvereine und deren bessere finanzielle Situation, sondern aufpassen, dass Vereine wie Mainz nicht dauerhaft vorbeiziehen.“

Die beiden Trainer haben erst einmal genug damit zu tun, ihre Mannschaft auf die aktuelle Situation einstellen. „Wir brauchen Galligkeit. Wenn wir das an den Tag legen, sind wir schwer zu schlagen“, beteuert Labbadia, der sogar zweimal im Stadion trainieren ließ, um Ruhe zu haben. Die Hamburger Fans wollen – wie in der Vorwoche die Werder-Anhänger – für den Mannschaftsbus Spalier stehen. Sollten ihre Hoffnung enttäuscht werden, könnte die Stimmung an der Elbe allerdings kippen. „Wir können es selbst regeln“, beteuert Labbadia, der mit dem Kollegen Viktor Skripnik an der Weser einst noch zusammengespielt hat.

Bremen ist müde

Der gebürtige Ukrainer, deutlich weniger impulsiv als sein Gegenüber, beruft sich auf ähnliches: „Mit der Körpersprache und der Einstellung könne wir alles schaffen.“ Der 46-Jährige will einfach auf die Leistung aufbauen, die seine Mannschaft am Dienstag im Pokal-Halbfinale beim FC Bayern (0:2) und in der Liga gegen den VfL Wolfsburg (3:2) gezeigt hat. Schwer zu sagen, ob die Bremer Berufsfußballer die Verfassung konservieren können. „Niemand ist verletzt, aber alle sind müde“, sagt Skripnik eingedenk von drei Spielen binnen sieben Tagen.

Die von der DFL verordnete Terminierung – angeblich dem Wochenend-Besuch von US-Präsident Barack Obama zur Eröffnung der Hannover-Messe geschuldet – wollen die Gäste nicht zum Thema machen. „Sicherlich ist das ein bisschen unglücklich“, sagt Werder-Geschäftsführer Thomas Eichin nur, um seinen Profis kein Alibi zu geben.

Außerdem hat Werder danach ausreichend Zeit: Die nächste Partie findet erst zehn Tage später, am 2. Mai, gegen den VfB Stuttgart statt. Das erste Montagsspiel der Bundesligageschichte wird kaum weniger Brisanz für den Abstiegskampf besitzen als diese prestigeträchtige Freitagspartie, die einer verpassen wird: Grindels Kindheitsidol Seeler hütet mit Bandscheibenproblemen das Bett.

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