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Trainer in Aue:Falko Götz.

Zweite Liga

Mit Mutti ins Stadion

Die früheren DDR-Oberligisten Aue und Dresden kämpfen im Fernduell um den Verbleib in der Zweiten Liga.

Von Michael Jahn

Die früheren DDR-Oberligisten Aue und Dresden kämpfen im Fernduell um den Verbleib in der Zweiten Liga.

Was tut man nicht alles im Kampf gegen den Abstieg? Falko Götz etwa, der Trainer vom FC Erzgebirge Aue, schmetterte in dieser Woche als Gast beim Fanklub „Die Eiskalten Hämmer“ mit mehr als 100 Anhängern den berühmten Steigermarsch („Glück auf, der Steiger kommt“). Sein Kollege Peter Pacult, Trainer bei Dynamo Dresden, grub im Fernduell mit Aue eine alte Geschichte aus, in der Götz schlecht wegkommt. Vor zehn Jahren löste Götz den bei 1860 München entlassenen Österreicher Pacult als Trainer ab. Zuvor soll Götz bei einer hohen Niederlage der Münchner in Berlin dem damaligen Löwen-Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser in der Halbzeitpause die taktischen Fehler von 1860 aufgezählt haben. „Wenn es tatsächlich so war“, sagt Pacult, „dann ist das schon merkwürdig.“

Götz hat natürlich eine andere Sicht der Dinge. Doch das ist sowieso Schnee von gestern und gehört zum Geplänkel im Abstiegskampf. Aue und Dresden liegen nach Punkten gleichauf in der Zweiten Liga (je 34). Aber der FC Erzgebirge bringt das um sechs Treffer bessere Torverhältnis ein (38:45) statt 32:45 (Dresden) und wähnt sich deshalb leicht im Vorteil. Zwei Spieltage vor Saisonschluss müsste Dresden in die ungeliebten Relegationsspiele gegen den Drittplatzierten der Dritten Liga gehen.

Nun ist es immer von Vorteil, wenn man in Zeiten der Not Erfolgsmeldungen verbreiten kann. So denken auch die Verantwortlichen von Dynamo. Dresden also verkündete in dieser Woche, dass der Traditionsklub von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) die Zweitliga-Lizenz für die Saison 2013/2014 ohne Auflagen erhalten habe. Später folgte die Nachricht, dass Dynamo mit dem 1,89 Meter großen Abwehrchef Romain Brégerie den Vertrag bis 2016 verlängern konnte. Die Geschichte hat aber einen Haken: Der Kontrakt gilt nur für die Zweite Bundesliga – und die ist für Dynamo in ernsthafter Gefahr. Es geht bis zum letzten Spieltag um den Verbleib in der zweithöchsten deutschen Spielklasse und damit um viel Geld, Arbeitsplätze im Klub und natürlich um Spielerkarrieren.

Acht Mal ausverkauft

Ausgerechnet die beiden Kontrahenten aus DDR-Oberligazeiten Aue und Dresden – räumlich nur rund 135 Kilometer voneinander entfernt – streiten in einem Fernduell um den Verbleib in Liga zwei. Sie trafen bislang 82 Mal aufeinander. 24 Mal siegte Aue, 36 Mal Dresden und 22 Mal trennte man sich Remis. In der Oberliga zählte Dresden zu den ganz Großen, Aue fand sich meist im unteren Drittel der Tabelle wieder. In beiden Lagern werden die Fans noch einmal mobilisiert. Dresden muss an diesem Sonntag zum VfR Aalen reisen und empfängt am letzten Spieltag den Absteiger Jahn Regensburg. Das Dresdner Stadion ist bereits mit 29?000 Zuschauern ausverkauft – zum achten Mal in dieser Saison. Rivale Aue hat am Sonntag den FC Ingolstadt zu Gast und muss am 34. Spieltag zum SV Sandhausen reisen, einem Verein, der auch bereits als Absteiger feststeht. In Aue wirbt man mit dem Slogan „Bringe am Muttertag deine Mama mit ins Stadion“ um jeden Besucher.

Es geht um sehr viel für Aue und Dresden. Bei einem Abstieg würde die Entwicklung im einen wie im anderen Klubs arg zurückgeworfen werden. Vielleicht sogar um Jahre. Der FC Hansa Rostock muss ein warnendes Beispiel sein. Falko Götz, erst seit knapp zwei Wochen neuer Cheftrainer in Aue, hat nach dem jüngsten 2:3 seiner Mannschaft bei Aufsteiger Hertha BSC – nach einem 0:3-Rückstand – eine „kämpferische Stimmung“ in der Mannschaft und im Erzgebirge ausgemacht. „Wir haben das bessere Torverhältnis, wir haben alles selbst in der Hand“, sagt der 51-Jährige. Neben dem intensiven Training in dieser Woche stellte sich Götz den Anhängern bei einer Fanveranstaltung in Morgenröthe-Rautenkranz (bekannt als Geburtsort des ersten deutschen Kosmonauten Sigmund Jähn) vor und machte allen Mut.

Enorme Folgen

Der Sturz in die Drittklassigkeit hätte für Aue enorme Folgen. Statt rund 4,2 Millionen Euro Fernsehgeld würden nur noch etwa 850?000 Euro fließen. Der FC Erzgebirge plant für die Zweite Liga in der kommenden Spielzeit mit einem Etat von rund 10,5 Millionen Euro, in der Dritten Liga würde sich der Haushalt halbieren. Trainer Götz besitzt einen Vertrag bis Juni 2015, der aber nur für die Zweite Liga gültig ist. Was passiert mit ihm bei einem Abstieg? „Mit diesem Szenario beschäftige ich mich nicht“, sagt Götz, „ich muss erst mal die Stimmung abwarten.“ Götz möchte eigentlich in Aue bleiben und dort in der Zweiten Liga das Team voranbringen. Er hat einen Umzug mit seiner Frau ins Erzgebirge geplant.

Ähnlich wie Götz geht es Peter Pacult, 53, in Dresden. Auch der Österreicher unterzeichnete nur einen Vertrag für die Zweite Liga (bis Juni 2014 datiert). Immerhin aber hat Dynamo, das keine Etatzahlen für 2013/2014 preisgeben wollte, Erfahrung mit der nervenaufreibenden Relegation. Im Mai 2011 besiegte Dresden den damaligen Zweitligisten VfL Osnabrück (1:1 sowie 3:1 n.V.) und stieg selbst in die Zweite Bundesliga auf. Osnabrück droht erneut als Relegationsgegner – für Dresden, Aue oder gar den auch noch leicht gefährdeten FC St. Pauli.

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