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Pionierin des Frauenfußballs: Lotte Specht.
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Pionierin des Frauenfußballs: Lotte Specht.

Historie des Frauenfußballs

Die mutige Pionierin

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Die Wiege des deutschen Frauenfußballs steht im Gallus: Warum Lotte Specht 1930 noch daran scheiterte, ihren 1. Damenfußballclub zu etablieren

Die Wiege des deutschen Frauenfußballs steht im Gallus: Warum Lotte Specht 1930 noch daran scheiterte, ihren 1. Damenfußballclub zu etablieren

Walter Specht hat noch lebhafte Erinnerungen an seine Kindheit, die nicht selten davon geprägt war, dass ein Wochenendbesuch einschließlich längerem Spaziergang bei einem Fußballspiel am Bornheimer Hang endete. „Meine Tante hat mich oft zum FSV Frankfurt mitgenommen, und mir dort versucht, die Abseitsregel zu erklären“, weiß der 59-Jährige noch, „aber als Kind habe ich das nicht verstanden.“ Der in Flörsheim lebende Neffe, Mitarbeiter eines japanischen Logistikunternehmens, ist der wichtigste lebende Zeitzeuge der am 16. Oktober 1911 in Eckenheim geborenen Lotte Specht.

Die Tochter des Metzgermeisters Gottlob Specht und seiner Frau Barbara hat einen festen Platz in den Annalen der Geschichte des Frauenfußballs. Als resolute Vorkämpferin. Als mutige Pionierin. Sie war es ja, die als 19-Jährige zu Jahresanfang 1930 eine Anzeige in den Frankfurter Nachrichten aufsetzte, um einen eigenen Fußballverein für Frauen zu gründen. „Was Männer können, können wir auch“, dachte sich die junge Frau aus der Hufnagelstraße 22 im Gallusviertel damals.

Tatsächlich fanden sich nach einigen Telefonaten genügend Mitstreiterinnen, um in der heute noch existenten Gaststätte im Steinernen Haus den 1. Deutschen Damenfußballclub (1. DDFC) zu gründen. Gespielt wurde auf der Seehofwiese in Sachsenhausen; dort standen Tore ohne Netze, das Terrain war frei zugänglich. Die weibliche Vereinigung trug anfangs einfache Stofffetzen, schaffte sich dann weiße Trikots an, die Frauen nähten das Frankfurter Wappen drauf; im Spiel setzten sie sich zum Schutz vor den Kopfstößen weiße Baskenmützen auf. Und es gab die Episode, dass sich die Torfrau Anni Reiter von Willibald Kreß, dem berühmten Frankfurter Nationaltorwart den Pullover lieh – als sie ihn wieder zurückgeben wollte, nahm ihn Kreß nicht mehr zurück, weil er so ausgebeult war.

Offensiver Umgang mit Tabuthemen

Warum sich Lotte Specht für den Fußball so begeisterte? „Wir waren keine Revoluzzerinnen, sondern hatten einfach Spaß am Fußball“, verriet sie einmal. Die überzeugte Junggesellin, die auf dem Fußballplatz im Sturm spielte, hatte später auch keine Scheu, über vermeintliche Tabuthemen offensiv zu reden: „Unter unseren Mädels waren ein paar sehr begabte, kräftige. Und lesbische auch, aber darüber wurde nie gesprochen, obwohl es in Frankfurt schon solche Lokale gab.“

Walter Specht bekam die familiären Konflikte wegen des Fußballs aus Erzählungen mit: „Ihr Vater fand das gar nicht gut. Es gab offene Beschwerden, sogar im Geschäft, auch schlechte Presseartikel.“ Nur Helli Knoll, für die Frankfurter Nachrichten tätig, unterstützte die Frauen. Sie schrieb: „Wir Frauen treiben den Sport, den wir wollen, und nicht den, der uns gnädigst von den Männern erlaubt wird.“

Doch derlei Unterstützung war in einer Zeit, in der bereits ein brauner Wind durch Deutschland wehte und Frauen weder rauchen noch trinken, geschweige denn Fußball spielen sollten, die Ausnahme. Den männlichen Diffamierungen in Form von wüsten Beschimpfungen und elterlichen Verboten waren die jungen Frauen nicht gewachsen – bereits im Herbst 1931 war der 1. DDFC schon wieder Geschichte.

Lotte Specht („Mit der Zeit wurden wir immer weniger und nach einem Jahr, tja, da war er aus, der Traum“) fand sich damit ab. Sie entdeckte ihr Theatertalent, machte während des Zweiten Weltkrieges Truppenbesuche in Frankreich und Polen, gründete 1955 die Frankfurter Mundartbühne, war als Kabarettistin und Schauspielerin aktiv, arbeitete zudem im Sekretariat des Magistrats der Stadt Frankfurt.

Es dauerte lange, bis sie als Pionierin des Frauenfußballs wiederentdeckt wurde. Der Hessische Rundfunk und das ZDF drehten in den 90er Jahren noch Interviews. Zu ihrem 90. Geburtstag am 16. Oktober 2001 schickte das Frauen-Nationalteam ein handsigniertes Mannschaftsfoto. Im Februar 2002 starb Lotte Specht, nachdem sie kurz zuvor über eine Magenverstimmung geklagt hatte. Walter Specht erinnert sich: „Sie hatte noch ein Kreuzworträtsel gelöst und ist dann an einem Fastnachtssonntag friedlich eingeschlafen.“

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