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„Haircut 100“ stößt zu: Judd Trump.

Snooker-Weltmeisterschaft

Mozart der Kugeln

Newcomer Judd Trump macht Snooker-Legende und Weltmeister John Higgins mit seiner frechen Spielweise das Leben schwer. Am Ende triumphiert der Veteran - benötigt dafür aber eine der besten Leistungen seiner Karriere.

Von Bertram Job

Mittendrin wurde es sogar dem deutschen Bundestrainer Thomas Hain zu bunt. Eigentlich sei das ein großer, ja riesiger Tisch, mühte er sich als Co-Kommentator der Eurosport-Übertragung zu warnen; deshalb sei es nicht so einfach, all diese Kugeln in seine sechs Taschen zu stoßen. Es war nicht mehr als ein nett gemeinter Hinweis: Der junge Kerl mit der wilden Frisur, der da gerade am Billardtisch stand, hatte mal wieder einen rasanten Lauf.

Snooker sieht beinahe einfach aus, wenn man Judd Trump zusieht. Der 21-jährige Profi aus Bristol überlegt selten lange, bevor er sich die nächste Kugel gibt. Kurz anvisiert, mutig gestoßen – schon ist die Sache erledigt. In diesem verblüffenden Stil hat der Youngster vor ein paar Wochen bei den China Open seinen ersten Titel bei einem großen Ranglistenturnier gewonnen. Und so wäre er beinahe auch durch die Weltmeisterschaft in Sheffield marschiert.

„Phänomenal, was der hier alles in die Taschen bringt“, platzte es aus Rolf Kalb heraus. Der deutsche Live-Kommentator schien manchmal zwischen Bewunderung und Entrüstung zu schweben, während er Trumps freches Spiel im Finale gegen den dreifachen Weltmeister John Higgins verfolgte.

Wie im Rausch

„Der lässt das alles lächerlich leicht aussehen“, wunderte sich der Experte über den ungesetzten Außenseiter – und zitierte den einst ähnlich genialisch durchgestarteten Ronnie O’Sullivan, der Trumps Erfolgsquote beim Potten (Einlochen) „beängstigend“ fand.

Wie im Rausch hatte der Linkshänder, der in den vorigen Jahren nie ein Spiel im berühmten Crucible Theatre gewinnen konnte, nacheinander den australischen Titelverteidiger Neil Robertson, Ex-Weltmeister Graeme Dott und Chinas große Hoffnung Ding Junhui aus dem Turnier beworfen. Er fühle sich derzeit „unschlagbar“, hatte Trump die Reporter in Sheffield wissen lassen ? und um Verzeihung für die unbescheidene Emphase gebeten. Da handelten sie ihn aber bereits als eine Art Mozart der Kugeln, dem selbst Rekordweltmeister Steve Davies Anerkennung per Telegramm übermittelte.

Dass „Haircut 100“, wie er ab und an gerufen wird, doch nicht zweitjüngster Turniersieger in der WM-Geschichte wurde, war die nächste Überraschung. Sie war nur möglich, weil Gegner Higgins rechtzeitig eine der besten Leistungen seiner Karriere zeigte. Am Sonntagabend hatte der 35-jährige Schotte, dessen geradliniges Spiel immer nach konzentrierter Arbeit aussieht, noch mit 7:10 Spielen hinten gelegen. Am Montagabend aber nutzte er minimale Fehler seines Gegners, und gewann so elf von 16 Partien.

Seit Jahren galt der Schlaks als Geheimtipp

Der Sieg bescherte Higgins einen Scheck über 250.000 englische Pfund sowie den vierten WM-Sieg ? eine historische Marke, die in Sheffield bislang nur von Davies und Stephen Hendry übertroffen wurde. Wirklich überlegen hatte er sich im besten Finale seit Jahren dennoch nicht gefühlt. „Er war eigentlich der bessere Spieler“, gab er bei der Siegerehrung zu; so eine Treffsicherheit wie bei Trump habe er schließlich in seinem ganzen Leben nicht gesehen.

Dabei ist die „new sensation“ (Higgins) nicht einfach vom Himmel gefallen. Seit etlichen Jahren galt der blonde Schlaks in der Szene als Geheimtipp. Schon als 14-Jähriger stellte er manchem arrivierten Spieler ein Bein, mit gerade 16 wurde er Profi. Da sei ein dürrer Kerl aufgetaucht, hieß es öfter im walisischen Prestatyn, wo die Qualifikation für die großen Turniere steigt, der in Rekordzeit den Tisch abräume – absolut kompromisslos.

Bis in ein großes Finale hat der Hochgelobte es vor diesem Jahr dennoch nicht geschafft. Und in Sheffield wurde bei allem Glanz auch deutlich, warum. Ab und zu ist Trump in sein Zauberwerk so versunken, dass er strategisches Kalkül vermissen lässt. Dann verstellt er sich im Aufbau für den nächsten Stoß oder schließt eine grandiose Aufnahme mit einem lausigen Sicherheitsstoß ab. Oder er wuchtet den Spielball mit so viel Vehemenz gegen eine rote Kugel, dass die vor Schreck wieder aus der Tasche springt.

Selbst im letzten Frame (Satz) führte Trump bereits mit 60:0. Kurz vor dem entscheidenden Frameball aber patzte er, und von da an ließ ihn der routinierte Higgins im Prinzip nicht mehr an den Tisch. Es war eine Miniatur der gesamten Begegnung, in der sich der Etablierte noch mal gegen den romantischen Helden behaupten konnte.

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