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Michael Schumacher war ind er Formale 1 eine Klasse für sich. Insgesamt siebenmal gewann er den WM-Titel.

Michael Schumacher

Ein Morgen in Meribel

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Das vermeintliche Interesse der Öffentlichkeit am Gesundheitszustand Michael Schumachers hat zu Auswüchsen geführt, die dem Journalismus nicht zur Ehre gereichen. Ein Kommentar.

Es ist ein strahlend schöner und doch auch ein unheilvoller Tag in den französischen Alpen, dieser 29. Dezember 2013. Die Sicht ist gut auf der penibel präparierten Abfahrt im Skigebiet von Meribel. Die Piste „Chamois“ ist nur mittelschwer, keine sonderliche Herausforderung für einen erfahrenen Skifahrer wie Michael Schumacher. Es gehört zur Routine für den damals 44-Jährigen, sich bisweilen ein wenig abseits der Markierungen zu wagen.

Er ist nicht der Einzige, der solcherart kleine Herausforderungen sucht. An diesem Morgen in Meribel wird der Mann, der im Formel-1-Boliden zehntausendfach an den Grenzen der Physik entlanggeschrammt ist, mit 20 Stundenkilometern gegen einen von einer feinen Neuschneeschicht verborgenen Vorsprung stoßen, zehn Meter durch die Luft wirbeln und auf einen kleinen Felsbrocken aufschlagen. 

Sein Helm und die Kunst der Mediziner der Uniklinik von Grenoble retten Michael Schumacher das Leben. Aber es ist, nach allem, was man weiß, nicht mehr auch nur annähernd das Leben, das ein Mensch wie er zu leben pflegte; einer, der immer auf der Überholspur unterwegs war, ehe das Schicksal ihn mit voller Wucht unerbittlich hart traf. 

Das vermeintliche Interesse der Öffentlichkeit am Gesundheitszustand des siebenfachen Weltmeisters hat zu Auswüchsen geführt, die dem Journalismus nicht zur Ehre gereichen. Es gab Drohnenangriffe und Paparazzibelagerungen, Reporter versuchten, unter falscher Identität Zugang zum lebensgefährlich Verletzten zu erhalten, der ein knappes halbes Jahr nach dem folgenschweren Sturz aus dem Koma erwacht und seit September 2014 zurückgezogen und abgeschirmt in seinem Anwesen im schweizerischen Gland verbringt. 

Auf seiner offiziellen Website wird Michael Schumacher im Jackett mit locker sitzender Krawatte verschmitzt lächelnd präsentiert, es werden ausnahmslos Bilder des Erfolges und Unbeschwertheit gezeigt: eine Stilikone des Spitzensports, nicht verlassen von den Partnern Deutsche Vermögensberatung, Mercedes, Ferrari, Rosbacher. 

Dieser, teils verklärte Blick zurück und das Aufrechterhalten der schillernden Fassade einer Rennsportlegende muss der Familie und seinem engsten Umfeld gestattet sein, solange sie es so und nicht anders will. Der Respekt – auch unter Abwägung des öffentlichen Interesses an einer Person der Zeitgeschichte respektive des öffentlichen Lebens – verbieten den Blick durchs Schlüsselloch, und es gehört sich genauso wenig, wie gerade geschehen, auf der Titelseite von einer Wunderspritze zu faseln, die den Patienten wieder gesund mache. 

Anlässlich seines 50. Geburtstages am 3. Januar legt die von langjährigen Weggefährten initiierte „Keep Fighting Foundation“ eine Michael-Schumacher-App auf, die in ein virtuelles Museum führt. Der Rundgang endet, so steht zu erwarten, spätestens in der Nacht, als der karge Neuschnee eine verhängnisvolle Zuckerschicht über das Geröllfeld an der roten Piste „Chamois“ legte. 

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