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Martina Strutz jubelt über ihre Zweitplatzierung.

Leichtathletik-WM

Mops unter Windhunden

Martina Strutz überrascht mit Silber im Stabhochsprung - auch wenn sie unter den schlanken russischen Hüninnen wie ein Mops unter Windhunden wirkte. Doch der Mops hatte einiges drauf.

Von xxxxml

Um 19.55 Ortszeit geschah im Stadion von Daegu am Dienstag etwas sehr Ungewöhnliches: Jelena Isinbajewa rüstete sich zum Sprung. Die Russin, die in früheren Glanzzeiten erst einzugreifen pflegte, wenn die anderen Springerinnen schon ausgeschieden waren, tat dies, obwohl der Wettkampf erst 50 Minuten dauerte und sämtliche elf Konkurrentinnen noch an Bord waren. Eine größere Überraschung folgte gut eine Stunde später, als Isinbajewa ihren ersten Versuch über 4,65 Meter souverän absolviert hatte: Sie packte wieder ein. Dies, obwohl bei 4,80 Meter zu diesem Zeitpunkt noch vier Athletinnen im Wettbewerb um die WM-Medaillen waren. Und die allergrößte Überraschung: Dass zu diesem Quartett Martina Strutz aus Mecklenburg-Vorpommern gehörte.

Die Deutsche Meisterin wirkte im Feld der langen, schlanken Weltklassespringerinnen mit ihren 1,60 Meter und ihrer kompakten Statur wie, mit Verlaub, ein Mops, der sich in ein Windhundgehege verirrt hat. Doch der Mops hatte einiges drauf. Strutz überquerte die 4,80 und musste sich nur der Brasilianerin Fabiana Murer beugen, die 4,85 meisterte. „Die gewinnt Silber und springt deutschen Rekord, Wahnsinn“, staunte Bundestrainer Jörn Elberding. „Das war der schwerste, beste und geilste Wettkampf meines Lebens“, sagte sie selbst.

"Sie hat alles geändert"

Dass Martina Strutz um Medaillen springen und sogar den neun Jahre alten Rekord von Annika Becker (4,78) verbessern konnte, war jedoch so erstaunlich auch wieder nicht nach der verblüffenden Steigerungsrate, die sie in diesem Jahr aufzuweisen hatte. Vorher hatte die 29-Jährige in ihrer langen Karriere eine Bestleistung von 4,52 gehabt. Wenn jemand diese in einer Saison im fortgeschrittenen Alter um 28 Zentimeter steigert, ist das stets ein Grund zu Misstrauen.

Doch Strutz hat einige Erklärungen für den Leistungssprung zu bieten. „Sie hat alles geändert“, erläutert Elberding, „den Trainer gewechselt, die Trainingsmethoden, die Ernährung umgestellt.“ Thomas Schult, ihr Coach in Schwerin, betreut eigentlich Kugelstoßer, entsprechenden Wert legt er auf Athletik, Muskeln also statt unnötigem Ballast. Strutz selbst beschreibt ihre frühere Inkarnation als „Moppelchen“, sie galt als schwerfällig, langsam und ein bisschen undiszipliniert. Sie sei „professioneller“ geworden, drückt der Bundestrainer den Wandel diplomatisch aus.

Zehn Kilo weniger und exzellente Nerven

Zehn Kilo weniger als früher wiegt Strutz heute, sie ist athletischer, kann schneller anlaufen und dadurch vor allem härtere Stäbe benutzen, die größere Höhen ermöglichen. Bei 4,75 riet ihr Elberding „zum härtesten Stab, den sie je gesprungen ist“. Das habe den Unterschied ausgemacht, „damit ist sie dann die 4,80 gesprungen.“ Hilfreich bei all dem ist auch, dass Strutz exzellente Nerven hat. „Ich dachte manchmal, sie tut bloß so, aber die ist wirklich so cool“, sagt Elberding.

Vom Absturz der großen Isinbajewa, die nach dem WM-Debakel in Berlin 2009, wo sie keinen gültigen Versuch hatte, und nach der Pleite bei der Hallen-WM in Doha Anfang 2010 ein Jahr Pause gemacht hatte, war Elberding nicht sehr überrascht. „Sie hatte wenige Sprünge dieses Jahr, man sieht, ihr fehlt die Sicherheit“, sagte er. Die 29-Jährige selbst nahm ihren sechsten Platz längst nicht so tragisch wie das Aus in Berlin, scherzend plauderte sie anschließend mit den russischen Journalisten.

Was sich 2009 andeutete, hat sich nun bestätigt. Der Stabhochsprung der Frauen ist von einer One-Woman-Show wieder zu einem echten Wettkampf geworden, bei dem sogar lange Zeit unentdeckt gebliebene Talente aus Hagenow bei Schwerin eine Siegchance haben. Dass es mit Isinbajewa nichts werden würde, konnte man übrigens schon am Morgen sehen, als auf dem Programm das Konterfei der Russin prangte. Diese Ehre war vorher Steve Hooker, Usain Bolt und Dayron Robles zuteilgeworden – drei anderen Unglücksraben dieser WM.

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