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Weit, weiter, Bob Beamon: Der Amerikaner flog 1968 in Mexiko auf 8,90 Meter - Weltrekord.

Bob Beamon

Ein Monument der Leichtathletik

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Der Jahrhundertsprung von Bob Beamon auf 8,90 Meter jährt sich zum 50. Mal.

Was in all den Olympiabüchern über Mexiko 1968 in den Kapiteln über den erstaunlichsten Weltrekord der Leichtathletik-Geschichte nicht steht: Plötzlich wandelte sich das Wetter. „Da kam eine richtige Wand“, erinnert sich Klaus Beer, „und es fing an zu regnen“. Klaus Beer war damals 26, er startete für Dynamo Berlin und die DDR – und er gewann die Silbermedaille in dem Wettbewerb, den alle wegen des Siegers in Erinnerung behalten haben. Und wegen der Leistung des Siegers – weil die weit, weit, weit über allem lag, was man für möglich gehalten hatte. Bob Beamon hieß der Goldmedaillengewinner im Weitsprung von Mexiko-Stadt. Zum Namen des US-Amerikaners gehört auf immer und ewig folgende Zahlenkombination. Achtneunzig.

8,90 Meter – der Jahrhundertweltrekord, das schrieben sie alle 1968. Weil Beamons Satz weit über der alten Bestmarke (8,35 Meter) lag und noch weiter über seinem eigenen Potenzial. Man war sich sicher, dass es keine Steigerung geben könne. Die 8,90 sind der monumentalste Weltrekord der Leichtathletik geblieben – auch wenn er gar kein außerordentlich langes Leben hatte. 1991 bei der WM in Tokio schaukelten sich Carl Lewis und Mike Powell in einem großartigen Wettkampf hoch. Lewis flog über die neun Meter, hatte aber um einen Hauch übergetreten. Regulär kam Lewis auf 8,87, Powell auf 8,95 Meter. Die Steigerung des Jahrhundert-Weltrekords hält nun schon länger (27 Jahre), als der originäre Jahrhundert-Weltrekord gehalten hatte (23 Jahre). Dennoch: Mehr Historie steckt in den Achtneunzig.

Wissenschaftler haben sich abgearbeitet an diesem Quantensprung. Hans Baumgartner, der vier Jahre später in München Silber gewinnen sollte, hat mit dem Hintergrund des Ingenieurs die Flugkurve analysiert, die ungewöhnlich hoch hinaus ging.

Höhe von Mexiko-Stadt hilft den Weitspringern

Eine gängige Erklärung ist auch, dass die Erdanziehungskraft in der Höhe von Mexiko-Stadt geringer war. Das Olympiastadion lag auf über 2200 Metern. Auf europäische Verhältnisse übertragen: Mehr als 400 Meter über St. Moritz, dem schneesicheren Schweizer Wintersportort. „Die Höhe war leistungsfördernd für Springer und Sprinter“, ist sich Klaus Beer sicher. „Wir sind zwei Wochen vorher angereist, und schon im Training gab es Superleistungen.“ Die Athleten waren froh gestimmt, erinnert sich Beer, „denn es waren auch die ersten Olympischen Spiele, bei denen auf der Tartanbahn gelaufen wurde“. Bis Tokio 1964 war Asche das gängige Geläuf. Der neue Belag machte alle besser.

„Aber wenn mir einer erzählt, dass die Höhe und die Bahn die Gründe gewesen sein sollten, dass einer plötzlich über 50 Zentimeter draufsetzt – das wäre ein Witz“, sagt Beer. Im Training konnte er sich noch mit dem US-Amerikaner vergleichen. „Unsere Anlaufzeiten haben sich nicht sehr unterschieden.“ 

Beamon sprang im ersten Versuch die sagenhaften 8,90. Die Anlage im Olympiastadion war von der Messtechnik aber nur bis 8,60 Meter ausgelegt – schon das eine kühne Vision. Also musste ein Maßband herbeigeschafft werden, um herauszufinden, wie weit der Sprung gegangen war. „Und die Messerei hat so lange gedauert, dass ein Gewitter losbrach.“ Alle, die nach Bob Beamon drankamen, mussten im Regen springen. Beamon selbst unternahm nur noch einen Versuch, „da ist er durchgelaufen“, so Beer. Was hätte noch kommen können nach dem Fabel-Weltrekord?

Der Ost-Berliner Beer kam auf 8,19 Meter. „Ich bin als Nummer vier, fünf der Weltrangliste nach Mexiko gekommen, bin konstant über acht Meter gesprungen und habe mir 8,20 Meter vorgenommen.“ Weitsprung war damals die heißeste Disziplin der Leichtathletik. Sechs Springer im Finale über acht Meter, Ralph Boston, der alte Weltrekordler, gewann Bronze (8,16), Vierter wurde der Sowjetrusse Igor Ter-Owanesian, ein Superstar in seinem Land.

Die Weitspringer waren beflügelt. nicht optimal war Mexiko dagegen für Langstreckler wegen des reduzierten Sauerstoffgehalts in der Luft. Als Mexiko 1963 im Kurhaus von Baden-Baden die Austragung der Spiele zugesprochen bekommen hatte), war die Höhenlage sofort das Thema der Sportmediziner. „Der Tod läuft mit“, prägte Roger Bannister, der in den 50er-Jahren als erster Mensch die Meile unter vier Minuten gelaufen war, den plakativen Slogan.

Alle überlebten, niemand kam zu Schaden – aber tatsächlich war da eine Kluft. Über 100 Meter gab es die erste Zeit unter 10 Sekunden (Jim Hines in noch handgestoppten 9,9), die 400-Meter-Siegeszeit von 43,8 Sekunden (Lee Evans, USA) wäre heute noch konkurrenzfähig – doch über 5000 Meter brauchte der Beste 14:05 Minuten, über 10 000 Meter 29:27, im Marathon war der legendäre Momo Walde aus Äthiopien über zwei Stunden und 20 Minuten unterwegs – das Niveau der 40er-Jahre.

Zwei Tage vor Beamons 8,90 Meter hatten die Olympischen Spiele einen Skandal erlebt. Bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs streckten die US-Amerikaner Tommie Smith (Gold) und Juan Carlos (Bronze) die schwarz behandschuhte Faust in den Himmel. Es war das Symbol für die Black-Power-Bewegung, die gegen die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung eintrat. Das Olympische Komitee der USA forderte Smith und Carlos umgehend auf, die Spiele zu verlassen. Das IOC erteilte eine Rüge, strich die beiden Athleten aber nicht aus der Siegerliste. Smith und Carlos galten lange als die Anti-Helden. 

Black-Power-Bewegung überstrahlt Mexiko-Spiele

1968 war eine wirklich besondere Zeit. Im April war der Bürgerrechtler Martin Luther King bei einem Attentat erschossen worden. In Europa gab es die studentische 68er-Bewegung, überall wurden Autoritäten in Frage gestellt. Keine zwei Wochen vor der Olympia-Eröffnungsfeier kam es zum „Massaker von Tlatelolco“. An die 300 Studenten, die friedlich demonstrierten, wurden von Militär und Polizei getötet. Mexiko hat über diesen Schandfleck seiner Geschichte Jahrzehnte nicht gesprochen.

Tommie Smith und Juan Carlos wurden rehabilitiert – nach und nach. 1978 bereits nahm der US-Leichtathletikverband Smith in seine „Hall of Fame“ auf, 1999 erhielt er den „Sportsman of the Millennium Award“, 2008 den „Arthur Ashe Courage Award“ (in Erinnerung an den dunkelhäutigen Tennisstar). Was man in den Olympia-Büchern auch nicht lesen kann, das verrät der ehemalige DDR-Weitspringer Klaus Beer. Offensichtlich hatten auch Bob Beamon und Ralph Boston zwei Tage nach Smith/Carlos eine Protestaktion bei der Siegerehrung geplant. Boston erschien barfuß, Beamon hatte die Hosenbeine auffällig hochgekrempelt. Zu einer weiteren Black-Power-Demo kam es aber nicht; offiziell waren Beamons und Bostons Outfits auf den Regen zurückzuführen.

Mehr als ein paar Worte konnte Klaus Beer 1968 mit Beamon („Einfach vom anderen Stern“) nicht wechseln, ein Jahr später allerdings war der US-Amerikaner zu Gast in der DDR. An einem Abend, an dem die Jahresbesten geehrt wurden. „Dann haben wir uns ausführlicher unterhalten.“ Das Rätsel seines 8,90-Meter-Sprungs konnte Beamon auch nicht erhellen. Der Sprung von 1968 bleibt somit „unbegreiflich“.

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