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Macher mit Visionen: Frank Kowalski.

Leichtathletik

"Mini-Olympia ohne Gigantismus"

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Leichtathletik-EM-Organisator Frank Kowalski spricht über den Erfolg der European Championships und eine deutsche Bewerbung für 2022.

Herr Kowalski, egal mit welchem Athleten man spricht, alle schwärmen noch von der Leichtathletik-Europameisterschaft im August. Was hat diese EM so besonders gemacht?
Was bis heute nachschwingt, sind diese Emotionen, die dort entstanden sind. Man hat auch von medialer Seite von einem kleinen Sommermärchen gesprochen. Wir haben abends nur Finals angeboten. Wir haben das ganze entkernt. Unser Glanzstück war es, die Siegerehrung auf den Breitscheidplatz und in die Stadt zu den Menschen zu bringen. Es ist zwar sehr heroisch in einem Stadion, aber nimmt immer Spannungsbogen, unterbricht den Wettkampf und macht ihn länger. Das war für die Leichtathletik revolutionär. So haben wir sechs Stunden eingespart. Es ist deshalb nicht verständlich, warum es bei der nächsten EM 2020 in Paris nicht automatisch so weitergeführt wird. 


Was war der Hintergedanke der Programmstraffung?
Entscheidend ist der Markt. Der Zuschauer will in immer kürzeren Zeitfenstern immer mehr erleben. Es gibt mittlerweile Menschen, die konsumieren zwei bis drei Veranstaltungen an einem Wochenende. Die Beobachtung zeigt: Man kann keinen Zuschauer länger als drei Stunden halten. Eine fünfstündige Leichtathletik-Veranstaltung ist nicht mehr attraktiv. Da kamen uns die European Championships sehr entgegen. 

Wieso?
Durch die anderen Sportarten war das abendliche Fenster sehr komprimiert. Wir hatten drei Stunden Fernsehzeit und unser Ziel war es, die Veranstaltung im Stadion eins zu eins mit dem Fernsehen zu begleiten. Wir hatten 360.000 Zuschauer im Stadion an sechs Veranstaltungstagen. Und auf der europäischen Meile am Breitscheidplatz, das war ein Hauptaspekt des Erfolges, geschätzt 150.000 Zuschauer die das Programm und die Siegerehrungen verfolgt haben

Auch die European Championships gab es bis dahin noch nicht, wo sich sieben Sportarten zusammentun und ihre Europameisterschaft im Verbund austragen. Haben Sie sofort gewusst, dass das ein Erfolg werden könnte, um den Fußball mal die Show zu stehlen?
Es ist in der Tat so entstanden. Durch den Druck des Fußballs, der den Sommersportarten nur noch zwei, drei Wochen übrig lässt. Das ist ja mittlerweile besorgniserregend, wie sich der Fußball produziert und fast inflationär wirkt. Wenn ich lese , dass die Europa League 2 kommt oder die Fußball-WM spätestens ab 2026 auf 48 Teams aufzustocken, da weiß ich nicht, ob sich der Fußball damit einen Gefallen tut. Deshalb war es ein vernünftiger und absolut logischer Schritt für die Sommersportarten, sich zusammenzutun. 

Dabei gibt es ja schon die European Games.
Richtig, die haben eine Dachorganisation, die sehr groß organisiert sind. Die erste Ausgabe war in Baku, nächstes Jahr ist es in Minsk. Die European Championships waren hingegen eine zeitliche Absprache von sieben internationalen Sportverbänden. Die treibende Kraft war die European Broadcasting Union (EBU). Sie hat die Fernsehrechte und hat das Ganze gesteuert und promotet. Es waren sechs Europameisterschaften in Glasgow und die größte, da sind wir schon sehr selbstbewusst, in Berlin. Das schwierige für uns war, dass wir uns beworben haben, ohne Kenntnis dieser European Championships. Die Vergabe der Leichtathletik-EM 2018 war Ende November 2013, und erst Ende 2014 hat sich der europäische Verband der Idee der European Championships angeschlossen. Das war für uns natürlich ein deutlicher Mehraufwand. 

Was war das schwierigste dabei?
Es ist in Deutschland gar nicht zu vermitteln gewesen: Was sind die European Championships? Das kam erst 2018, als wir uns unserem Erscheinungsbild genähert haben ohne zu wissen, was auf uns zukommt. Dieser Hype, diese Power kam die letzten zehn Tage durch das Fernsehen vor dieser EM. Plötzlich kamen die European Championships als Mini-Olympia durch die Hintertür. Für mich persönlich überraschend war, dass die Einschaltquoten vom ersten Tag an in Glasgow sehr gut waren. Das hat sich dann jeden Tag mit in der Spitze bis zu 6,3 Millionen Zuschauern und zum Patt mit dem Supercup im Fußball gesteigert.

Was macht die Berlin GmbH, deren Geschäftsführer Sie noch sind, jetzt?
Es gab zwei Ausrichter. Das Land Berlin und der Deutsche Leichathletikverband (DLV). Das wirtschaftliche Risiko lag beim DLV, der die Berlin GmbH als 100-prozentige Tochter Anfang 2015 gegründet hat. Mein Vertrag endet Juni 2019. Bis so eine GmbH aufgelöst wird, dauert es aber. Es wäre schön, wenn man sie mit einer weiteren Großveranstaltung wiederbeleben könnte. Die European Championships wird es mit den sieben Sportarten 2022 wieder geben, und das Ziel ist es, sie nach Deutschland zu holen. Allerdings ist Berlin weitestgehend aus dem Rennen. 

Wer hat die besten Chancen?
München hat höchstens Interesse zum Jubiläum, 50 Jahre nach den Olympischen Spielen, im Olympiapark die European Championships zu organisieren. Die Wettkampfstätten sind ja mehr oder minder noch tauglich. Das Land Bayern möchte die Veranstaltung unbedingt.

Wann ist mit einer Entscheidung zu rechnen?
Man möchte die European Championships 2022 im April 2019 final vergeben. Anfang Februar entscheidet der Münchener Stadtrat, ob sich die Stadt bewirbt. Wenn sich München bewirbt, dann rechne ich der Stadt sehr, sehr große Chancen aus. Erstens wegen den Sportstätten, zweitens gibt es die Olympiapark GmbH, die sofort operativ anfangen könnte. Das wäre in anderen Städten sehr viel schwieriger. Das würde die Leute immens ansprechen und würde der olympischen Bewegung in Deutschland einen Schub geben, die in den vergangenen Jahren so geprügelt wurde. Sie würde so ganz anders ins Bewusstsein treten.

Was macht die European Championships so besonders?
Der Charme ist, dass der Gigantismus komplett vermieden wird. Es gibt keine Dachorganisation, die beispielsweise ein großes Athletendorf und Neubauten vorsieht. Allerdings hat der Erfolg alle überrascht. Normalerweise müsste man, bevor man 2018 veranstaltet hat, 2022 vergeben. Man braucht vier bis fünf Jahre Vorlauf. Jetzt hat man erstmal abgewartet, was passiert. Man hatte einen überdurchschnittlichen Erfolg, hauptsächlich aufgrund der Fernsehquoten. Mit diesem Produkt hat man in zehn Tagen 265 Millionen Menschen erreicht. Zum Vergleich: Die Winterspiele erreichen in zwei Wochen 350 Millionen Menschen. 

Wäre es dann doch sinnvoller, einen Dachverband zu gründen?
Das ist die Kernfrage. Bei der unterschiedlichen Interessenlage von sieben Sportarten und den ungleichen Gewinnmöglichkeiten dieser Verbände – ob es das Ticketing, das Sponsoring, die Werthaltigkeit der TV-Rechte ist. Sie brauchen ein Sprachrohr, das alle sieben gleichmäßig vertritt. Es hat 2018 mehr oder minder funktioniert. Auf Zuruf, auf Motivation und wegen der professionellen Strukturen in Glasgow und Berlin. 

Gibt es denn Limits, was die Anzahl der Sportarten angeht?
Es gibt mit Sicherheit Limits - auch organisatorischer Art. Jede Sportart, die hinzukommt kostet den Organisator Geld. Wir müssen natürlich aufpassen, dass dieses Produkt, was relativ günstig erscheint, nicht verteuert wird, so dass es in mitteleuropäischen Städten nicht mehr veranstaltet werden kann. Das haben wir bei den European Games in Baku und Minsk. Die sind dort, wo staatlich unglaublich viel Geld reinfließt. Für 2022 wird man den Weg gehen. Auch ist relativ sicher, dass man es bei den sieben Gründersportarten belässt. Es ist zeitlich einfach zu eng und soll nicht verkompliziert werden. Wenn man voraussetzt, dass 2022 ein Erfolg wird, kann der eine oder andere schon noch dazukommen. Sportarten wie Kanu, Boxen und Beachvolleyball haben ihr Interesse schon signalisiert.

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