Sportklettern

Reinhold Messner findet es affig

Olympia an der Plastikwand: Die deutschen Sportkletterer hoffen auf die Quali für Tokio.

Reinhold Messner, „der große Papst des Bergsteigens“, wie Urs Stöcker ihn lächelnd nennt, hat eine sehr klare Meinung. Vom Sportklettern, 2020 in Tokio erstmals olympisch, hält der Erstbesteiger aller 14 Achttausender der Erde rein gar nichts. Das finde, lästerte der Südtiroler bereits vor zwei Jahren, an einer Plastikwand statt, mit Plastikgriffen, und was, bitteschön, solle das? „Jeder Affe ist schneller“, sagte Messner der „Rhein-Neckar“-Zeitung.

Urs Stöcker, Bundestrainer der deutschen Sportkletterer, hat da eine etwas andere Meinung: Beides sei doch Leistungssport, betont der 42 Jahre alte Schweizer. „Im Leistungsbergsteigen geht es darum, den Gipfel zu erreichen“, im Leistungsklettern, zu dessen Pionieren in den 1990er Jahren die „Huber-Buam“ Alexander und Thomas Huber, gehörten, zählt es, „eine Route zu meistern und Medaillen zu gewinnen“, sagt Stöcker. Die nächste Leistungsschau im Leistungsklettern findet in der kommenden Woche in Hachioji am Rande von Tokio statt.

Bei der WM im Sportklettern (11. bis 21. August) werden Medaillen in vier Disziplinen vergeben: im Lead, Bouldern, Speed sowie im „Olympic Combined“, dem Kombinationswettbewerb aus den drei vorgenannten Disziplinen. In Tokio ist nur dieser Dreikampf olympisch. Die WM ist die erste Chance, sich für die Spiele 2020 zu qualifizieren. Mit guten Chancen für die Deutschen.

Jan Hojer aus Köln (27) und Alex Megos aus Erlangen (25) gehören zu den weltweit Besten an der „Plastikwand“. Hojer war im vergangenen Jahr in Innsbruck WM-Dritter im „Olympic Combined“. Megos, neben Andre Ondra (Tschechien), „der beste Kletterer der Welt“ (Stöcker) unter freiem Himmel, gewann Bronze in der Disziplin Lead: Dabei müssen die Athleten an der künstlichen, bis zu 20 Meter hohen Wand innerhalb eines Zeitlimits höher klettern als die Konkurrenten.

„Wir hoffen“, sagt Stöcker, „dass einer oder beide schon das Olympiaticket lösen.“ Die ersten Sieben der WM im „OC“ sind automatisch für Tokio qualifiziert: Pro Nationen dürfen dort maximal jeweils zwei Frauen und Männer starten. Es gibt zwei weitere Qualifikationswettkämpfe, „aber“, betont Stöcker, „es wäre ein absoluter Erfolg, wenn wir schon zwei Tickets lösen könnten, das würde alle massiv entspannen“.

Wie einst die Snowboarder

Hojer und vor allem Megos haben sich anfreunden müssen mit der Aussicht, jetzt eine olympische Sportart zu betreiben. „Es haben sich schon einige die Frage gestellt: Soll man da überhaupt mitmachen? Müssen wir uns wirklich so verbiegen, nur, damit wir dahin kommen?“, sagt Stöcker. Die Kritik sei teilweise berechtigt, räumt er ein, betont aber: „Olympia ist für die Sportler eine Riesensache.“ Die Diskussion erinnert an jene, die einst die Snowboarder führten.

Verbiegen mussten sich die Sportkletterer in der Tat, denn: Aus Spezialisten müssen Kombinierer werden. „Olympic Combined“ heißt: An einem Tag werden die drei Disziplinen Speed (im K.o.-System muss eine vorgegebene Route an einer 15-Meter-Wand so schnell wie möglich bewältigt werden), Bouldern (an einer Wand müssen verschiedene „Problemfelder“ gelöst werden) und Lead geklettert. Bei den Lead- und Boulder-Spezialisten ist Speed eher verpönt.

Stöcker sieht das gelassen. Ebenso wie die Lästereien von Messner. Der große englische Bergsteiger Sir Chris Bonington habe einmal gesagt, Bergsteigen sei wie eine Kathedrale: Alle fänden darin Platz. Auch Kletterer an Plastikwänden. (sid)

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