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Bibelfest: Tim Tebow.

Football-Star Tim Tebow

Der Messias mit der Nummer 15

Sogar Sarah Palin hat auf Tim Tebow ein Auge geworfen, obwohl der 22-jährige Spielmacher des NFL-Teams aus Denver noch kein einziges Spiel in der stärksten Football-Liga der Welt absolviert hat. Von Wolfgang Hettfleisch

Von Wolfgang Hettfleisch

Sarah Palin weiß, wie man sich Freunde macht in Denver, Colorado. Bei einem Auftritt in der Hockey-Arena der Universität kündigte die Ikone der christlichen Rechten in den USA jüngst an, sie werde wohl künftig den Denver Broncos die Daumen drücken müssen. Zwar war bislang nicht bekannt, dass sich die bekennende "Hockey Mom" überhaupt für American Football interessiert, doch ein 22-jähriger Spielmacher des NFL-Teams aus der Metropole zu Füßen der Rocky Mountains hat das offenbar geändert. Ein "bekennender Christ", wie die Frau lobt, von der ihre Bewunderer glauben, sie könne auf der Welle der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung bis ins Weiße Haus surfen.

Der junge Mann, den zu erwähnen Palin in Denver nicht vergaß, ist eine Berühmtheit, obwohl er noch kein einziges Spiel in der stärksten Football-Liga der Welt absolviert hat: Tim Tebow. Der Quarterback, der in Jacksonville/Florida aufwuchs, wurde von den Broncos bei der alljährlich mit Spannung im ganzen Land verfolgten Wahl der neuen Spieler gleich in der ersten Runde gezogen. Das ist eine große Ehre - und war trotz der großen Erfolge, die Tebow im College-Football errang, nicht unbedingt erwartet worden. Zwar gewann er die Heisman-Trophy als bester College-Spieler und führte sein Hochschul-Team, die Florida Gators, zweimal zur Landesmeisterschaft. Doch der Bewegungsablauf des Linkshänders beim Wurf nährt bis heute Zweifel, ob sich Tebow im schnelleren und härteren NFL-Geschäft durchsetzen kann.

Für das Phänomen Tim Tebow ist das vorerst freilich völlig irrelevant. Im April wurde das Broncos-Trikot mit der Nummer 15 und dem Namenszug des frommen Frischlings in den USA weit häufiger verkauft als jedes andere NFL-Jersey. Gar häufiger als jedes andere, seit die mächtige Football-Liga Mitte der 90er-Jahre begann, diese Monatsstatistik zu führen. "Das mit Tebow ist eine große Sache", sagt Tom Krattenmaker und bekräftigt nach einer kurzen Pause: "Eine sehr große."

Der Journalist und Autor aus Portland/Oregon beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Einflüssen der Religion auf das gesellschaftliche Leben in den Vereinigten Staaten. Sein im vorigen Winter auf dem US-Markt erschienenes Buch "Onward Christian Athletes" fand viel Beachtung. Darin schildert Krattenmaker Vormarsch und Hegemonialanspruch der Evangelikalen Bewegung im US-Profisport. "Was im Sport geschieht, ist ein Abbild der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung", sagt Krattenmaker. Hier wie dort sind christliche Fundamentalisten in den USA in der Offensive, der renommierte Autor aus Portland würde sie freilich nicht als solche bezeichnen. Er sagt: "Dämonisierungen helfen nicht weiter. Es sind Konservative mit einer klaren Doktrin und einer klaren Agenda."

Zur offenen Agenda der Kirchen aus dem evangelikalen Spektrum gehört die entschiedene Ablehnung homosexueller Partnerschaften und des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch. Auch bizarre Ansichten zur Entstehung der Welt und die verschwiemelt antisemitische Vorstellung, Juden eines Tages auf den Pfad des rechten, also eigenen Glaubens führen zu müssen, sind in diesem Lager verbreitet. Solche Positionen mögen im multiethnischen und multireligiösen Amerika nicht mehrheitsfähig sein, populär sind sie außerhalb der großen Metropolen mit ihrem liberalen Mainstream durchaus.

Einer wie Tim Tebow kommt den nach Millionen zählenden bibeltreuen Christen in den USA sehr gelegen. Der talentierte Football-Spieler wurde als fünftes Kind eines evangelikalen Missionars-Ehepaars in Manila auf den Philippinen geboren und von Mutter Pam phasenweise zu Hause unterrichtet, statt eine Schule zu besuchen. Für eine landesweite Kontroverse sorgten die Tebows durch einen zum Superbowl ausgestrahlten TV-Spot der konservativ-christlichen Organisation Focus on the Family. Pam Tebow berichtet darin, sie habe den angehenden Football-Profi seinerzeit gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte ausgetragen.

Tebow junior lässt seinerseits keine Gelegenheit aus, seiner religiösen Überzeugung Ausdruck zu verleihen, seit er dank des sportlichen Talents im öffentlichen Fokus steht. Als College-Spieler riskierte er Ärger mit dem Hochschulsportverband NCAA, indem er die Balken schwarzer Schminke unter seinen Augen mit dem Hinweis auf einen Bibelvers versah: Johannes-Evangelium, Kapitel 3, Vers 16. "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." Das ist nicht irgendein Satz aus der Bibel, es ist so etwas wie das Leitmotiv der Evangelikalen, die daraus eine Art Alleinvertretungsanspruch auf den wahren Glauben ableiten.

"Die Diskussion um Tim Tebow ist wie ein Mikrokosmos der breiteren gesellschaftlichen Debatte, die hierzulande geführt wird", sagt Tom Krattenmaker. Dass Prominente aus dem US-Profisport ihre christlichen Überzeugungen offensiv vertreten, ist nicht neu. An religiöse Gesten auf dem Spielfeld haben sich die Sportfans in Übersee längst ebenso gewöhnt wie an den allfälligen Dank nach ganz oben im Anschluss an einen wichtigen Sieg. Krattenmaker findet das auch ganz in Ordnung. "Wobei ich mich unwohl fühle", sagt er, "das ist der Anspruch der Evangelikalen auf Exklusivität." Mit Organisationen wie den Athletes in Action, der Fellowship of Christian Athletes oder der Baseball Chapel haben die konservativen Christen die großen Profi-Ligen weitgehend durchdrungen, man könnte auch sagen: unterwandert. Es stört sich kaum jemand daran. Als Tony Dungy, der gottesfürchtige einstige Meistertrainer des NFL-Teams Indianapolis Colts, vor ein paar Jahren eine Initiative gegen die rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften unterzeichnete, fanden das fast nur schwule Aktivisten anstößig. Dungy erhielt bald darauf eine Einladung ins Weiße Haus: für die christliche Erbauungsrunde des damaligen Präsidenten George W. Bush.

Tim Tebow schickt sich nun an, der neue Coverboy des evangelikalen Amerika zu werden. Auch deshalb, weil andere NFL-Stars, die gern die Bibel im Mund führten, inzwischen als Heuchler enttarnt sind. Prominentestes Beispiel: "Big" Ben Roethlisberger. Der Quarterback der Pittsburgh Steelers musste sich jüngst zum zweiten Mal wegen des Verdachts sexueller Übergriffe verantworten. Juristisch ging der bibelfeste Spielmacher unbeschadet aus der Affäre hervor, moralisch ist er wegen eines nun nachgewiesen losen Lebenswandels zumindest bei den Evangelikalen erledigt.

Die halten sich lieber an einen wie Tebow, der Sex vor der Ehe für sich kategorisch ausschließt. "Er wird von vielen Menschen verherrlicht, richtiggehend angehimmelt", sagt Krattenmaker. Der Buchautor mahnt, in einem Land der religiösen Vielfalt gebe es "eine feine, aber wichtige Linie zwischen jemandem, der seinem Glauben offen Ausdruck verleiht, und dem öffentlichen Versuch, Menschen, die anderen Glaubens sind, zu bekehren". Erster Unmut regt sich auch bei anderen NFL-Spielern. Ray Lewis, die wortgewaltige Verteidiger-Legende der Baltimore Ravens, äußerte sich befremdet angesichts des gigantischen Hypes um den Rookie der Denver Broncos. Der wird in der Spielmacher-Hierarchie seines Teams bei den meisten Experten als Nummer drei gehandelt. Tim Tebow hat damit gute Aussichten, der berühmteste Bankdrücker der kommenden Saison zu werden.

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