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Mönchengladbach mischt im Titelrennen mit.

Borussia Mönchengladbach

Meister der Defensive

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Nach dem 3:0 in Stuttgart spricht selbst Günter Netzer vom Titel in Mönchengladbach. Um den überragenden Innenverteidiger Dante herum ist es Trainer Favre gelungen, eine der besten Defensiven, wenn nicht sogar die beste Abwehr der Bundesliga zu formen.

Mitunter sind es die kleinen Gesten, die für die großen Dinge stehen. Etwa jener nach oben zeigende Daumen, den Lucien Favre spontan in Richtung Stuttgarter Stadiondach reckte, als sein Himmelsstürmer Marco Reus am Sonntagabend gekonnt zum vorentscheidenden 2:0 vollstreckt hatte. Mehr Überschwang bricht bei dem Schweizer Didaktiker nicht heraus, obwohl dieser 3:0-Auswärtssieg sicherlich dazu getaugt hätte.

Die Gladbacher Gala, durch Mike Hanke, Reus und Igor de Camargo im Grunde noch unzureichend gekrönt, mag im Umfeld dieses bundesweit verankerten Traditionsvereins Gelüste und Sehnsüchte schüren, bei einem wie Favre spielt das keine Rolle. „Die 39 Punkte haben wir uns verdient, wir waren besser“, konstatierte der 54-Jährige nach seinem 50. Sieg als Bundesligatrainer im Buchhalterstil, er möchte sich trotzdem noch daran machen, „ein paar Details zu verbessern.“ Schließlich spiele sein Ensemble am Samstag in der Liga beim VfL Wolfsburg und dann gleich darauf im Pokal bei seinem Ex-Klub Hertha BSC, „alles nicht einfach“.

Dass es trotzdem so lässig und locker aussieht, wie der anscheinend vom ganzen Hype unbelastete Irrwisch Reus beschrieb („Wir spielen unseren Stiefel runter“), hat Methode in Mönchengladbach. Baumeister Favre schiebt unter der Woche nicht nur Plastik-Dummys über die Trainingsflächen, sondern überprüft am Wochenende beispielsweise persönlich, ob ein Platz Standardmaße hat. Schritt für Schritt ging der Cheftrainer am Neckar nun das Grün bis zur Gegengeraden ab, „es kam mir erst zu breit vor.“ Wer sich so akribisch ans Werk macht, erntet den Erfolg fast zwangsläufig.

Es mehren sich die Indizien, dass diese Mönchengladbacher im Meisterschaftskampf mitmischen. Mit weniger Dominanz und Ballbesitz als die Bayern, mit weniger Sturm und Drang als Dortmund, mit weniger Individualität und Investitionen als Schalke. Und doch kommt der Gladbacher Konter- und Konzeptfußball als erstklassige Bewerbung im Vierkampf daher. Selbst Sportchef Max Eberl sprach von einer „Augenweide“. Ihn hatte am meisten beeindruckt, „wie wir als Mannschaft zusammen agiert haben“.

Wer die Grundlagen ergründen will, warum diese Borussia beim VfB Stuttgart in titelverdächtiger Souveränität reüssierte – nach einer 0:7-Demütigung in der Vorsaison – der muss nur Favre zuhören, der die Wandlung im Schnelldurchgang erläuterte. Erste Etappe sei bei Amtsantritt im Februar 2011 gewesen, die Abwehr besser zu machen, als zweite Etappe wollte er ab Oktober, November im Angriff „mehr Torchancen kreieren“, nun im Januar 2012 sprach Favre fast schon vom Erreichen des Ziels: „Es wird schwer, besser zu spielen.“

Spitze ist die Borussia darin, das eigene Tor zu verriegeln. Bei Amtsantritt von Favre waren es 2,7 Gegentore pro Spiel, nun sind es aktuell zwölf Gegentreffer nach 19 Durchgängen – 0,6 pro Partie. Das Bollwerk lässt weder ganze Konter- noch halbe Eigentore zu. Drei Komponenten stechen heraus.

Zum ersten die Doppelsechs mit dem Norweger Havard Nordtveit, 21, und dem Bald-Schalker Roman Neustädter, 23; beide keine filigranen Gestalter, dafür ideale Räumeversperrer und perfekte Gehilfen für den Favre-Fußball. Zum zweiten besticht der brasilianische Abwehrchef Dante, 28, mit solcher Souveränität, dass dessen Sehnsucht nach der WM 2014 im eigenen Land (und möglicherweise einem Wechsel im Sommer zu einem Topklub) immer verständlicher erscheint. Und zum dritten steht da ein Marc-André ter Stegen zwischen den Pfosten, der wohl konstanteste Keeper der Liga .

Wo die Nationaltorhüter im neuen Jahr fatal abschlagen (Manuel Neuer) oder Löcher in die Luft fausten (Tim Wiese), leistet sich der 19-Jährige keine Aussetzer. Seine imposante Ausstrahlung und stoische Ruhe überträgt sich sichtlich auf die Vorderleute. Wie den unerschrockenen Patrick Herrmann: Das 19-jährige Leichtgewicht vom rechten Flügel hat den zwei Toren gegen die Bayern nun gleich zwei Vorlagen in Stuttgart folgen lassen und keck verkündet: „Unser Ziel ist der Nicht-Abstieg, unser Traum ist die Meisterschaft.“

Auch Vereinsikone Günter Netzer publiziert just diese These: „Die anderen müssen die Gladbacher nun zunehmend ernster nehmen. Am Ende könnten sie Meister werden“, erklärt der alterslose Chefanalyst. „Wer das Spiel der Gladbacher in Stuttgart gesehen hat, der kann ja gar nicht anders, als sich daran zu berauschen. Das Team vereint so viele positive Attribute des modernen Fußballs auf sich. Es ist eine pure Freude, ihnen zuzuschauen.“

Daumen hoch.

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