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„Ich bin nicht so der Anzugtyp“: Martin Schwalb, Handballexperte und Realist

Handball-Bundesliga: HSV Hamburg

Meister im Büro

Trotz ihres Titelgewinns haben Hamburgs Handballer ihre Führung neu besetzt. Ruhe bringt ihnen das nicht. Am Dienstag Abend geht es gegen den THW Kiel um den ersten Titel der Saison.

Von Andreas Lesch

Zu dumm, dass Martin Schwalb bei seinen Visiten keine Stoppuhr dabei gehabt hat. So kann er nur raten, wie lange er in den jüngsten Wochen beim Training des HSV Hamburg zugeschaut hat: „Drei Minuten, vielleicht fünf.“

In der vergangenen Bundesliga-Saison hat Schwalb mit Hamburgs Handballern täglich Stunden in der Halle verbracht. Er hat den HSV zum ersten Meistertitel seiner Geschichte geführt.

Trotzdem ist er jetzt bei den Einheiten des Teams nur noch Gast.

Schwalb ist nicht mehr Trainer, er ist Geschäftsführer und Präsident des HSV. Dieser Jobwechsel beweist, welch sonderbarer, unberechenbarer Klub der Branchenführer ist, und es lässt erahnen, dass er auch künftig kaum zur Ruhe kommen wird.

Heute streiten die Hamburger mit ihrem ärgsten Rivalen, dem THW Kiel, im Supercup-Endspiel in München um den ersten Titel der neuen Saison (20.15 Uhr, Sport1). Ein Sieg in dieser Partie aber wird ihre Sehnsüchte kaum erfüllen. Sie wollen mindestens in einem der drei relevanten Wettbewerbe triumphieren, in Meisterschaft, nationalem Pokal oder Champions League – und das ist nur die offizielle Version. In Wahrheit dürfte sich der interne Erfolgsdruck erhöht haben, weil der Mäzen Andreas Rudolph sich als Präsident zurückgezogen hat. Zwar hat Rudolph angekündigt, künftig nicht mehr so präsent zu sein. Doch wer seinen Ehrgeiz kennt, der ist geneigt zu glauben, dass der Geldgeber nun doppelt genau hinschauen wird, ob der Klub auch ohne ihn funktioniert.

Carlén boxt

Schwalb jedenfalls berichtet, Rudolphs Rolle habe sich „eigentlich nicht verändert“. Ob das Wort des Chefs sein Gewicht behalte? „Ganz klar, ganz klar.“ Die Tatsache, dass sein Bruder Matthias neuerdings im HSV-Aufsichtsrat sitzt, zementiert Rudolphs Einfluss. Da wundert es nicht, dass durch Hamburg das Gerücht geistert, im Klub könne bei schlechten Ergebnissen wieder alles wie früher werden: Schwalb könne seinen Nachfolger Per Carlén als Trainer beerben, Rudolph in sein Präsidentenamt zurückkehren. Zwar versichert Schwalb, so werde es nicht kommen: „Den Trainer Martin Schwalb beim HSV Handball, den gibt’s nicht mehr, und den wird’s auch nicht mehr geben. Das steht definitiv für mich fest. Und damit ist die Situation auch geklärt.“ Wirklich? Im Falle des Falles, das ist zu vermuten, würde Rudolph alle Rochaden durchsetzen, die er für richtig hält.

Aber so weit ist es noch nicht. Noch haben der Trainer Carlén und sein Vorgesetzter Schwalb alle Chancen, gemeinsam erfolgreich zu sein. Noch ist ihr Verhältnis, wie sie betonen, harmonisch, freundschaftlich, unkompliziert. Schwalb lobt, Carlén habe das Team exzellent auf die Saison eingestellt: „Die Mannschaft ist heiß, der Trainer ist heiß.“

Da wolle er nicht überprüfen, wie alles läuft: „Ich bin kein Controller.“ Der Schwede Carlén, der zuvor die SG Flensburg-Handewitt gecoacht hat, schwärmt davon, wie konsequent sein Vorgänger aus den prominenten Spielern des HSV eine Einheit geformt habe: „In großen Mannschaften, sage ich immer, gibt es oft Star Wars. Beim HSV gibt es Star Wars nicht.“ Hier verstünden sich die hohen Herren in kurzen Hosen ausnehmend gut.

Natürlich macht Carlén nicht alles anders als Schwalb. Aber er setzt Schwerpunkte, die für seine Spieler neu sind. Er baut Übungen aus anderen Sportarten ins Training ein, aus der Leichtathletik, dem Gewichtheben, Wrestling, Boxen. Am Ende der Saisonvorbereitung, berichtet Carlén, habe er den Mannschaftsrat gefragt, wie die Spieler es gefunden hätten: „Die sagten, es war hart, aber super.“ Eine andere Antwort hätte der Trainer wohl auch kaum akzeptiert. Denn Carlén sagt über sich selbst: „Ich bin demokratisch. Aber wenn eine Sache klar ist und wir sie mit der Mannschaft bestimmt haben, bin ich knallhart.“

Schwalb lernt

Doch egal, als wie erfrischend die Hamburger ihren Neuanfang verkaufen, er bleibt seltsam. Wo sonst wird ein lange umstrittener Trainer mit einem Jahr Vorlauf auf einen Funktionärsposten weggelobt, holt dann mit seinem superteuren Kader doch noch den überfälligen Meistertitel, wird als Nachfolger des Bundestrainers Heiner Brand gehandelt – und freut sich nun trotzdem auf seinen Wechsel ins Büro? Schwalb sagt: „Für mich sieht das sehr logisch und sehr schön aus.“

Seit 30 Jahren sei er in der Bundesliga dabei, erst als Spieler, dann als Trainer: „Das ist eine lange Zeit. Ich mein’, ich gehe jetzt auf die 50 zu.“ Da wolle er etwas Neues probieren. Schwalb, 48, kümmert sich um die Sponsoren des Klubs, er repräsentiert den HSV, er sagt: „Also, da lernt man wirklich jeden Tag was dazu.“ Unbedarft wie ein Neuling fühle er sich nicht, dazu sei er zu lange im Geschäft: „Aber ich bin nicht so vermessen zu sagen, dass ich alles im Griff habe.“

Die Kleiderordnung, die sein neuer Job mit sich bringt, beherrscht Schwalb immerhin schon ganz gut. Er weiß, dass er seiner Arbeit nicht mehr in Trainingsklamotten nachgehen kann. Er trägt jetzt häufiger feine Stoffe. Aber er ist froh, dass er das nicht immer tun muss. Er gibt zu, er sei dafür nicht der Typ: „Ich renne jetzt nicht auf einmal den ganzen Tag im Anzug rum. Das wäre ja auch Quatsch.“

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