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Olympia 2022: Der Umgang mit Ausrichter China

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nico-Marius Schmitz

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Gregor Gysi rät zu einem pragmatischen Umgang mit der Weltmacht China.
Gregor Gysi rät zu einem pragmatischen Umgang mit der Weltmacht China. © christoph boeckheler*

Das sagt die deutsche Politik zum Umgang mit Ausrichter China vor Beginn der Winterspiele in Peking: „Wenn man ein Land abschottet, gibt es keine Chance auf Veränderung.“

Peking - Sport und Politik, betonte Thomas Bach erst von einem Monat, müsse man strikt trennen. Doch, wenn der IOC-Präsident am Freitag bei der Olympia-Eröffnungsfeier fröhlich in die Kamera lächelt und Chinas Präsidenten Xi Jinping die Hand schüttelt, sendet das auch eine politische Botschaft in die Welt. Wieder mal darf ein Land, das tagtäglich Menschenrechte verletzt, die Bühne des Sports zur eigenen Propaganda missbrauchen. Doch eins ist klar: Die Frage nach einem Boykott der Peking-Spiele ist bei den Sportlern falsch aufgehoben. Unsere Zeitung hat sich daher bei den Parteien umgehört.

Boykott: Viele Länder, wie etwa die USA, Kanada, Großbritannien und Australien, setzen bei den Olympischen Spielen in China auf einen diplomatischen Boykott. Auch Deutschland schickt keine Regierungsdelegation nach Peking. Kevin Kühnert (32), Generalsekretär der SPD, sieht hier eine „unmissverständliche Botschaft an China“. Einen generellen Boykott lehnen die Parteien ab, eine Absage der Spiele wäre „ein Schlag ins Gesicht aller Athleten“, so Innenminister Joachim Herrmann (65) von der CSU. „Ein Boykott kann nie die Lösung sein, Boykott führt immer zur Verhärtung“, sagt Gregor Gysi (74) von den Linken. Auch Tina Winklmann (41), sportpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis90/Die Grünen und Philipp Hartewig (27), sportpolitischer Sprecher der FDP, kritisieren, dass Boykott-Diskussionen zu sehr auf dem Rücken der Athlet:innen ausgetragen werden.

Olympia 2022: Der Umgang mit China

Der Umgang mit China: „Ich verurteile die permanente Verletzung von Menschen- und Freiheitsrechten in China auf das Schärfste, gerade im Hinblick auf die Lage der Uiguren und der Unterdrückung der Demokratie in Hongkong“, sagt Winklmann. Olympia diene nun als Bühne für autokratische Herrscher, die permanent Grundrechte von ganzen Bevölkerungsgruppen verletzen, während das IOC und seine Sponsoren stillschweigend zusehen.

Hartewig zufolge ist es die Verantwortung der Politik, „Sportereignisse kritisch zu begleiten und Menschenrechtsverletzungen in den aktuellen und künftigen Austragungsländern unter Achtung der Autonomie des Sports ganz klar zu benennen und zu kritisieren“. Auch Kühnert hat beobachtet, dass „die menschenrechtliche Lage in China zuletzt noch schwieriger geworden ist“. Der 32-Jährige warnt jedoch davor, die Möglichkeiten der Olympischen Spiele zu überschätzen, wenn es um konkrete Verbesserungen geht. Gysi betont, dass man weiterhin den Dialog suchen muss: „China ist eine atomare Weltmacht. Und auf dem Weg, die Wirtschaftsmacht Nummer eins zu werden.“ Daher habe man gar keine andere Wahl, als politische sowie wirtschaftliche, aber auch kulturelle und sportliche Beziehungen aufrechtzuerhalten: „Wenn man ein Land abschottet, gibt es nicht die geringste Chance auf Veränderung.“

Die Vergabe der Spiele: Herrmann stellt sich die Frage, „ob das Auswahlverfahren und die Auswahlkriterien des IOC die olympischen Ideale noch richtig präsentieren“. Die Grünen wollen darauf hinwirken, dass bei der Vergabe von sportlichen Großveranstaltungen die politische und menschenrechtliche Situation in den jeweiligen Austragungsländern künftig viel deutlicher in Betracht gezogen wird.

Olympia 2022: Bürger in Deutschland wollten die Spiele nicht

In Deutschland hatten sich die Bürger, etwa in Hamburg und München, gegen eine Bewerbung für Olympia entschieden. Daher gebe es keine andere Wahl, so Gysi, als Austragungsorte zuzulassen, in denen gegen Menschenrechte verstoßen werden. „Erst gegen eine Bewerbung Münchens zu sein und sich jetzt über die Austragung in Peking zu beschweren, ist jedenfalls wenig hilfreich“, sagt Herrmann. Gysi würde sich, wenn die Kosten einer Ausrichtung mal wieder runtergefahren werden, über Olympia in Berlin freuen: „Es geht mir nämlich auf die Nerven, dass es von Olympia in Berlin nur Bilder mit Adolf Hitler gibt. Das kann nicht das letzte Wort meiner Stadt sein.“

Kühnert führt noch einen anderen Punkt auf: Rund um die Vergabe nach Peking soll es 2015 schriftliche Vereinbarungen mit China zur Einhaltung der Menschenrechte gegeben haben. „Jetzt, wo Mitglieder des Organisationskomitees unverhohlen mit Strafen für missliebige Äußerungen drohen, wäre der richtige Zeitpunkt, diese Vereinbarungen zu veröffentlichen“, sagt Kühnert.

Olympia 2022: Sorgen um Wohlergehen der Athleten

Sorgen um das Wohlergehen der Sportler: Yang Shu, der stellvertretende Generaldirektor für internationale Beziehungen des Organisationskomitees, sprach von einer „Bestrafung“, wenn chinesische Regeln nicht eingehalten werden. „Vollkommen inakzeptabel“ findet Winklmann diese Aussage. Die Sorge der Athlet:innen vor Repressalien bei politischen Äußerungen oder der Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte, durch digitale Überwachung von privaten Anrufen und Nachrichten, führe zu unnötigen Ablenkungen und habe nichts mit Fairplay und Antidiskriminierung des Olympischen Eids zu tun. Das IOC, so Gysi, trage die Verantwortung, dass alles sicher abläuft: „Das IOC muss China auch ganz klar Grenzen aufzeigen, die nicht überschritten werden dürfen.“

Auch Kühnert betont, dass man die Sorgen der Athlet:innen sehr ernst nehme und schon der Verdacht auf Manipulationen dem olympischen Geist schade. Daher soll während der Spiele ein enger Austausch mit den Sportler:innen und Repräsentant:innen bestehen, um auch kurzfristig reagieren zu können: „Außerdem muss dem IOC unmissverständlich klargemacht werden, dass es eine überragende Verantwortung für die Sicherheit aller Beteiligter und für die kompromisslose Durchsetzung der Spielregeln trägt – nicht nur auf den Sportanlagen.“ Der Fall Peng Shuai hat gezeigt, wie humorlos China auf Kritik an der Regierung reagiert. Die chinesische Tennisspielerin war erst wochenlang verschwunden und zog anschließend, unter Druck der Regierung, die Vorwürfe zurück, dass sie von einem chinesischen Politiker sexuell missbraucht wurde. Hartewig nimmt auch die Politik in die Pflicht: „Es ist unsere Verantwortung, ihnen das Umfeld sicher und verantwortungsbewusst zu gestalten.“ (Nico-Marius Schmitz)

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