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Mehr Gerechtigkeit, weniger Druck?

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Von: Frank Hellmann

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Druck von allen Seiten, hier: Schiedsrichter Tobias Stieler.
Druck von allen Seiten, hier: Schiedsrichter Tobias Stieler. © imago/Camera 4

DFB und DFL hoffen inständig darauf, dass es am Samstag grünes Licht für den Videobeweis im Fußball gibt.

Der Appell aus Deutschland in Richtung Wales ist eindeutig: Wenn das für die weltweit geltenden Regeln zuständige International Football Association Bord (IFAB) am Samstag in Cardiff zusammentritt, mögen doch bitte mindestens sechs der acht Herrschaften grünes Licht für das Versuchsprojekt mit dem Videobeweis geben. Das dürfte klappen. Denn auch bei der Fifa sehnt man sich wie beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutscher Fußball-Liga (DFL) nach Unterstützung durch einen so genannten Videoassistenten. „Ich gehe davon aus, dass eine zweijährige Testphase genehmigt wird“, erklärte DFL-Direktor Ansgar Schwenken; in der kommenden Saison laut Fifa-Direktive im Offlinemodus ohne Funkkontakt des Videoassistenten zum Schiedsrichter auf dem Feld, im Spieljahr darauf scharf gestellt mit einem Mann im Studio, der strittige Szenen auf zwölf Bildschirmen beurteilen kann. Die Neuerung wird aus organisatorischen, personellen und finanziellen Gründen zunächst allein auf die Bundesliga beschränkt bleiben.

Neun Länder – neben Deutschland noch England, Frankreich, Spanien, Portugal, Niederlande, USA, Australien und Brasilien – haben sich beim Weltverband für die Testphase angemeldet, für die zudem der neue Fifa-Boss Gianni Infantino plädiert. Der „Charakter des Spiels“ soll nicht verändert werden, weshalb die Fifa vorab verfügt hat: Überprüft werden dürfen allein „Torerzielung, Elfmeterentscheidung und Platzverweis“. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ist in dieser Frage einig mit dem Weltverband: „Ich finde es richtig, dass es nur um Elfmeter, Tor und Rote Karte gehen soll, so wie es die Fifa will. Wenn es um jedes Zupfen im Mittelfeld geht, hätten wir ein anderes Spiel.“

Bei einer Präsentation am Frankfurter Flughafen spielte DFB-Schiedsrichterboss Herbert Fandel gestern Szenen aus der aktuellen Saison ein, bei denen die Videoüberwachung geholfen hätte. So wäre Leon Andreasen entlarvt worden, als Hannovers Spieler in Köln den Ball mit dem Unterarm ins Tor stieß. Und auch Dortmunds Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang wäre der Führungstreffer gegen Ingolstadt aberkannt worden. „Jeder sieht in der Wiederholung am Bildschirm, dass der Schütze im Kniescheiben-Abseits stand“, urteilte Fandel. Bei einer verdeckten Tätlichkeit wie der von jüngst von Hugo Almeida (Hannover 96) soll es auch möglich sein, nachträglich einzugreifen. Der ehemalige Fifa-Referee Fandel glaubt, dass sich das angespannte Verhältnis zwischen Schiedsrichter zu Trainern und Spielern entkrampfen könnte – dafür habe der Videobeweis beispielsweise im Hockey gesorgt. Fandel: „Das nimmt den Druck.“

Freistöße in Strafraumnähe, wie etwa im Relegationsspiel Karlsruher SC gegen den Hamburger SV, werden nach derzeitigem Stand der Dinge jedoch nicht Gegenstand der Nachkontrolle. „Wir werden keine absolute Gerechtigkeit bekommen, es wird weiter Diskussionen geben“, weiß Fandel. Der Schiriboss glaubt, dass vier, fünf strittige Szenen pro Partie seziert werden. Im besten Falle dauert das nur 15 Sekunden.

Im deutschen Profifußball sollen in der zweiten Testphase die Impulse zu einer Intervention allein vom per Headset verbundenen Schiedsrichterteam ausgehen – die Mannschaften oder Trainer sollen keine Überprüfung strittiger Szenen anregen können. Für diese Variante („Challenge“) hatte sich unter anderem auch Bayernboss Karl-Heinz Rummenigge ausgesprochen, sie wird in anderen Ländern getestet. Schwenken gibt zu bedenken: „Was wäre los, wenn eine Mannschaft seine Challenges schon verbraucht hätte und eine Minute vor Schluss gibt es dann eine deutliche Fehlentscheidung?“

Erfahrene Männer gesucht

Nach dem zweijährigen Test wird die Fifa entscheiden, ob und und welcher Form der Videobeweis tatsächlich Einzug in den Fußball erhält. Möglich, aber eher unwahrscheinlich, ist auch Szenario, wonach die technischen Hilfsmittel aus den verschiedenen Testphasen wieder abgeschafft werden. Eher ist aber mit einer Fortentwicklung zu rechnen. DFL-Chef Seifert sagt: „Früher oder später werden wir auch über die automatische Abseitserkennung sprechen. Die Spieler werden Chips in den Schuhen tragen.“

Wer sind nun diejenigen, die in einem separaten Raum der DFL-Tochter Sportcast oder in einem Van in Sekundenschnelle mit den entsprechenden Bildern versorgt werden und entscheiden sollen? Fandel: „Das müssen erfahrene Schiedsrichter sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir die Generation einbinden, die bald aufhören muss.“ Während Markus Merk und Peter Gagelmann nach der Karriere mit der Pfeife dem Bezahlsender Sky als Experten dienen, könnten demnächst Florian Meyer, Knut Kircher oder Michael Weiner Kandidaten für den Job an den Monitoren werden.

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