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Wandern

Das medizinische Multitalent

Wandern gerät in den Fokus der Wissenschaft als Breitbandtherapie für Körper und Psyche.

Von Margit Mertens

Wandern liegt im Trend. Prominente schreiben Bestseller über ihre Wanderungen, die Pilgerei wird zum Massenphänomen, neue Wanderwege mit Qualitätssiegel boomen. Wer an einem sonnigen Sonntag auf dem Rheinsteig unterwegs ist, gewinnt den Eindruck, sich auf einem Laufsteg zu befinden - mit einem nicht abreißenden Strom von Models für die neueste Hightech-Outdoor-Trekking-Kollektion.

Nicht nur am Outfit sondern auch am gesunkenen Durchschnittsalter und am gestiegenen Bildungsgrad der Wanderer zeichnet sich der enorme Imagewandel ab, den die Wanderei seit kurzem erfährt - weg vom altbackenen Marschieren hin zum modernen Genuss- und Erlebniswandern.

Was uns eigentlich am Wandern so gut tut, Spaß und gute Laune macht, ist in jüngster Zeit in den Fokus verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen geraten. Von therapeutischen Landschaften ist die Rede, Naturpsychologen untersuchen die Wirkung des Gehens in der Natur auf Gehirn und Psyche und Mediziner die körperlichen Aspekte.

Jeder, der gelegentlich wandert, erlebt, wie gut das entspannte Atmen in der Natur tut, wie gelassen das sinnliche Durchstreifen einer Landschaft macht und wie wohl sich Körper und Geist danach fühlen. Ganz nebenbei wirkt dieses Ausdauertraining mit dem selbstbestimmten individuellen Krafteinsatz gegen das metabolische Syndrom, eine Gemengelage aus Zivilisationskrankheiten, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen.

Bewegung verbraucht Kalorien und senkt Blutdruck, Blutfett- und Blutzuckerwerte. "Im Rahmen eines Forschungsprojekts konnten wir nachweisen, dass ein individuell abgestimmter und durch Personal Coaches begleiteter Wanderurlaub zu Verbesserungen in allen Kernbereichen des Metabolischen Syndroms führt", erläutert Wolfgang Schobersberger von der privaten Hochschule für Gesundheitswissenschaften in Hall/Tirol.. Dazu gehöre die Reduktion des Bluthochdrucks, Abnahme der Fettmasse, Verbesserung der Insulinresistenz sowie des Lipidstoffwechsels. "Basierend auf diesen Ergebnissen wurde gemeinsam mit Touristikern ein Urlaubsprodukt entwickelt, dessen Ziel es ist, den Wanderurlaub als Gelegenheit zu nützen, um mit gesundheitlich notwendigen Änderungen im Lebensstil zu beginnen."

In den vergangenen Jahrzehnten haben zahlreiche Studien gezeigt, dass moderate körperliche Aktivität gegenüber geringer Aktivität das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen signifikant senkt. Hingegen war der Unterschied zwischen mittelmäßig und sehr aktiven Menschen gering.

Bis heute weisen viele weitere Studien eine vorsorgende Wirkung mäßiger Bewegung nicht nur gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach, sondern auch gegen andere Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels und des Immunsystems.

Umstritten ist jedoch das Maß der Intensität körperlicher Anstrengung. "Tatsächlich zeigen viele aktuelle Studien, dass die präventive Wirkung umso größer ausfällt, je ausdauernd-sportlicher man sich betätigt", erklärt der Wandersoziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg. "Insofern können auch über das Wandern mit seiner zwar geringen Intensität aber langen Dauer durchaus hohe Trainingsdosen erreicht werden."

Bereits 1998 wies der Münsteraner Sportmediziner Klaus Völker nach, dass Stoffwechsel und Immunsystem besonders von einem wenig intensiven, aber ausdauernden Training profitieren.

Das Immunsystem wird vom Ausdauergehen gestärkt, da es die T-Lymphozyten, natürliche Killerzellen und andere Abwehrzellen mobilisiert. Diese körpereigenen Räumkommandos bekämpfen Infektions- oder Krebsherde. Mit dem Alter schwinden die Kräfte des Immunsystems, doch auch hier zeigen Untersuchungen, dass die Abwehrkräfte von körperlich moderat aktiven Männern und Frauen deutlich größer sind als die von Bewegungsmuffeln. "Wer Wandern überdies als stressmindernd erfährt, senkt damit auch seinen Stresshormonspiegel, was wiederum dessen schwächenden Einfluss auf die Lymphozyten mindert", erläutert Brämer.

Außerdem fördert ausdauernde regelmäßige Bewegung bei mittlerer und niedriger Intensität über einen längeren Zeitraum die Normalisierung des Fettstoffwechsels. Der Fettsäureanteil im Blut wird gesenkt, der Spiegel des gesundheitsförderlichen HDL-Cholesterin steigt um rund zehn Prozent und der am Entstehen von Arteriosklerose und damit von Herzkrankheiten beteiligte LDL-Wert sinkt um etwa den gleichen Anteil.

"Die günstigen akuten und längerfristigen Auswirkungen auf den Fettstoffwechsel lassen regelmäßiges Wandern als eine ideale Form des Gesundheitstrainings erscheinen", sagt Gerrit Simon vom Sportmedizinischen Institut der Bundeswehr in Warendorf. "Epidemiologische Untersuchungen konnten einen präventiven Effekt von körperlicher Aktivität auf bestimmte Krebserkrankungen nachweisen", betont auch Hans-Christian Heitkamp, Sportmediziner an der Universität Tübingen. Dabei wurde die gesamte körperliche Aktivität im Beruf, Haushalt und der Freizeit, beispielsweise das Wandern, betrachtet.

"Es konnte gezeigt werden, dass sich bis zu 40 Prozent der Dickdarmkarzinome und bis zu 35 Prozent der Brustkrebsfälle verhindern lassen", sagt der Sportmediziner. Auch für weitere hormonabhängige Krebsarten, wie Prostata- und Unterleibskrebs gebe es Hinweise für einen günstigen Effekt.

Sporthochschule und Universitätsklinik Köln haben gemeinsam ein Trainingsprogramm entwickelt, das Krebspatienten schon kurz nach einer Operation und begleitend zur Chemotherapie zu einem leichten Ergometer-Training und Gymnastik ermuntert.

"Anfangs war es vor allem Intuition, dass wir den Patienten gesagt haben: Raus aus dem Bett - bewegen!", sagt der Ärztliche Direktor Michael Hallek. "Und nun gibt es zwei große aktuelle Studien aus den USA, die das mit spektakulären Ergebnissen bestätigen." Demnach leben Patienten, die nach der Diagnose körperlich aktiv waren, deutlich länger als Untrainierte, die zudem anfälliger für Komplikationen waren.

Mäßige, ausdauernde Bewegung wie Wandern gehört neben einer Ernährungsumstellung zu den wichtigsten Maßnahmen gegen Übergewicht und Fettleibigkeit. "Neben Rauchen ist Übergewicht der bedeutendste Risikofaktor für eine Krebserkrankung", schreiben Günter Emons und Thomas Hawighorst von der gynäkologischen Klinik der Universität Göttingen in der Fachzeitschrift "Der Gynäkologe". Im Gegensatz zu früheren Vermutungen spielten Schadstoffbelastungen von Wasser, Boden und Luft eine eher vernachlässigbare Rolle.

Standen bislang Herzerkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes mellitus Typ 2 im Fokus, so zeigen internationale Studien eindeutige Zusammenhänge von starkem Übergewicht und einem erhöhten Krebsrisiko, berichten Emons und Hawighorst. Ein gesicherter Zusammenhang von Adipositas (Fettleibigkeit) und einem erhöhten Krebsrisiko besteht demnach für Unterleib, Niere und Brust. "Darüber hinaus sind die Heilungschancen von fettleibigen Patientinnen, die an Brustkrebs erkrankt sind, schlechter als bei normalgewichtigen Frauen."

Damit entwickelt sich die Fettleibigkeit zu einem noch ernsteren Problem für unsere Gesellschaft. Umgekehrt wirkt sich ein verbesserter Lebensstil durch gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion und Bewegung günstiger auf die Genesung aus. Das Risiko, erneut an Krebs zu erkranken, wird sogar vermindert.

Regelmäßige Bewegung in der Natur stärkt nicht nur Immunsystem, Stoffwechsel und Kreislauf - es macht glücklich und schlau, wie die Gehirnforschung zeigt. Wer seinen Blick baumeln lässt bei der Bewegung durch eine Naturlandschaft bis ihm das Herz weit wird, erlebt ganz handfeste hirnchemische Abläufe. Denn bei Ausdauerbelastung ab rund 30 Minuten sinkt der Stresshormon- und steigt der Serotoninspiegel im Gehirn. Der Gute-Laune-Botenstoff sorgt für innere Ausgeglichenheit, Optimismus und Ruhe.

"Ausdauernde körperliche Bewegung stimuliert die Neubildung von Nervenzellen und fördert die für Lernvorgänge wichtige Bildung von Synapsen", erklärt Sabine Kubesch vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm. "Man weiß, wenn man lernt werden neue Nervenzellen gebildet. Die Anzahl der neu gebildeten Nervenzellen lässt sich durch körperliches Training verdoppeln."

Lernprozesse selbst erhöhen die Zahl der biologischen Faktoren, die das Wachstum von Nervenzellen anregen. "Die Bildung von Wachstumsfaktoren kann aber auch durch körperliche Aktivität gefördert werden, was wiederum die Lernfähigkeit erhöht", erläutert Kubesch.

Und für unsere älter werdende Gesellschaft hat sie eine wichtige Information: "Untersuchungen zeigen auch, dass körperlich aktive Menschen besser vor Alzheimer und Demenz geschützt sind, als inaktive Menschen."

Buchtipp: Jörg Blech: Bewegung.

Die Kraft, die Krankheiten

besiegt und das Leben verlängert.

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007,

17,90 Euro.

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