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Goldstaffel (von links): Markus Rehm, David Behre, Felix Streng und Johannes Floors.

Paralympics

Die Medaillenwerkstatt

Bayer Leverkusen bietet behinderten Athleten optimale Trainingsbedingungen.

Von Ronny Blaschke

Jörg Frischmann hat sich im Olympiastadion hinter den Fernsehkameras postiert, wenige Meter von der Laufbahn entfernt. Nervös klopft er mit den Fingern auf die Absperrung und starrt auf die Leinwand. Die deutsche 4x100-Staffel war gerade als Zweite ins Ziel gelaufen, doch in diesem Moment verkündet der Stadionsprecher ihren Paralympicssieg. Die US-Amerikaner, eben noch Spitze, wurden wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert. Als Jörg Frischmann das verinnerlicht, weiß er nicht, ob er aufspringen oder seine Kamera zücken soll. Es wird eine Mischung aus beidem.

Jörg Fischmann hat am Montagabend viele Fotos gemacht. Er wollte die Szenen festhalten, in denen sich nun Jahre lange Arbeit verdichtet. Die einseitig amputierten Sprinter Markus Rehm, David Behre, Felix Streng und Johannes Floors liefen in 40,82 Sekunden Europarekord. Auch Jörg Frischmann, 53, fühlte sich bestätigt. Seit bald zwanzig Jahren leitet er die Behindertensportabteiligung von Bayer Leverkusen – alle vier Läufer stammen aus diesem Verein.

„Die Jungs haben bei uns optimale Bedingungen“, sagt Frischmann. In den vergangenen zwei Jahren hat die Staffel jeden Dienstag eine Extraschicht eingelegt. Das ist einmalig unter den Teams an der Weltspitze, deren Mitglieder leben selten an einem Standort. Kurz nach der Staffel gewann Irmgard Bensusan über 400 Meter die Silbermedaille, auch sie kommt aus Leverkusen. David Behre holte sich über 200 Meter Bronze. Bis zum Ende der Paralympics dürften etliche Vereinskollegen weitere Medaillen gewinnen. Bayer Leverkusen stellt zehn von 38 deutschen Leichtathleten. Es lohnt sich also, das Modell zu erkunden, dass in Deutschland den paralympischen Standard setzt.

Jörg Frischmann kam mit Fehlbildungen an Händen und Füßen auf die Welt. Als Jugendlicher hatte er keine Lust auf Behindertensport. Er probierte viel aus, ging schwimmen, spielte Handball, wurde in den Vereinen rundum akzeptiert. 1986 fehlte bei Behindertensportlern aus seinem Freundeskreis ein Spieler im Tischtennisteam. Frischmann machte mit und war begeistert. Er informierte sich weiter, trainierte hart, nahm an fünf Paralympics teil, seine Bilanz bei internationalen Wettkämpfen: 25 Medaillen. Frischmann baute ein Netzwerk auf, über das in Europa nur wenige verfügen.

Und es sprach sich herum. Der Chemiekonzern Bayer hatte 1950 seinen versehrten Mitarbeitern erstmals ein Sportangebot unterbreitet. Leistungssport kam in den achtziger Jahren dazu, und schon früh trainierten behinderte Athleten mit nicht behinderten zusammen. Jörg Frischmann erarbeitete 1998 ein Konzept zur Professionalisierung – und setzte sich durch.

Die paralympische Infrastruktur in Leverkusen ist beispiellos: Es sind kurze Wege von der Leichtathletikhalle zu Physiotherapeuten, Sportpsychologen oder Orthopädietechnikern. In der Leichtathletik beschäftigt der Verein zwei hauptamtliche Trainer, für Sitzvolleyball und Schwimmen gibt es jeweils eine halbe Stelle. Dieses Maß an Hauptamtlichkeit ist im Behindertensport selten. Die begüterte Bayer AG macht’s möglich. Andere Standorte können da nicht mithalten.

Die Anfänge waren von Leid geprägt

Doch es ist nicht so, dass in Leverkusen nur Medaillen gezählt werden, berichtet Steffi Nerius auf der Tribüne des Olympiastadions von Rio. Nerius war eine erfolgreiche Speerwerferin, gewann Olympisches Silber 2004 und den WM-Titel 2009. Nerius ist ausgebildete Sportlehrerin und trainiert seit langem Markus Rehm. Als sie in Leverkusen im Behindertensport anfing, schickte sie 600 Briefe an Schulen im Umkreis, Antworten erhielt sie kaum. Das änderte sich, weil sie immer wieder nachhakte. Nerius baut nun das Sportlerinternat in Leverkusen auf, und der Verein pflegt eine Partnerschaft mit einem Sportgymnasium. Felix Streng, einer der Gold-Staffelläufer von Rio, wurde dort 2014 „Eliteschüler des Jahres“.

Jörg Frischmann denkt oft an die Anfänge der Sportler zurück, und die waren meist von viel Leid geprägt. Markus Rehm geriet unter eine Schiffsschraube, David Behre wurde von einem Zug erfasst, Heinrich Popow hatte einen Tumor in der Wade. In Leverkusen wurde ihnen ein sportlich aktives Leben mit Prothesen geebnet. Möglich wird das durch ein breites Netzwerk, mit Krankenhäusern, Rehazentren, Selbsthilfegruppen. Rehm, Popow und Johannes Floors sind selbst oder werden Orthopädietechniker.

Es dauerte nicht lange, da dachte Jörg Frischmann in Rio schon wieder an die Zukunft. Die Talentförderung, sagt er, sei im Behindertensport noch stark von Zufällen geprägt. Eltern erkennen oft spät, wie wichtig Sport für ihre behinderten Kinder sein kann. Der kurze Rausch der Paralympics wird Frischmann helfen. Er hat nun wieder Anfragen von Sportinteressierten bekommen. Sie hatten Behindertensport in die Suchmaschine eingegeben – und heraus kam: Leverkusen.

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