+
Champagnerdusche für den Sieger des Frühjahrsklassikers: Julian Alaphilippe.

Radsport

Matt gesetzt am Poggio

Radprofi John Degenkolb springt bei der Abfahrt nach Sanremo die Kette ab.

Auch nach einer Nacht Schlaf hing John Degenkolb die herbe Enttäuschung beim Klassiker Mailand-Sanremo in den Kleidern. „Es fühlt sich noch nicht viel besser an. Ich werde sicher noch einen oder auch zwei Tage benötigen, um das abzuhaken“, ließ der 30-Jährige wissen, bevor er von Nizza aus den Rückflug nach Frankfurt antrat. Statt des möglichen Sieges beim ersten Radsport-Monument der Saison nahm der deutsche Hoffnungsträger eine weitere bittere Erfahrung mit in seine hessische Wahlheimat Oberursel. Statt im Endkampf auf der berühmten Via Roma seine Sprintfähigkeiten ausspielen zu können, hatte ihn in der rasenden Abfahrt vom Poggio hinunter nach Sanremo ein technischer Defekt matt gesetzt.

Im denkbar ungünstigsten Moment, als Degenkolb gerade wieder die Spitze des Rennens im Blick hatte, sprang ihm die Kette herunter. Er bekam das Problem nicht sofort in den Griff, blickte fassungslos nach unten und rüttelte wütend an seiner Rennmaschine: Aus und vorbei. „Ich war absolut überzeugt, noch in den Sprint um den Sieg eingreifen zu können. Es ist sicher Pech – aber auch etwas, was wir unbedingt analysieren müssen“, sagte der Profi aus dem Team Trek-Segafredo mit etwas Abstand.

So erlebte der Sanremo-Champion von 2015 mit versteinerter Miene, wie der Franzose Julian Alaphilippe an der ligurischen Küste seinen ersten Coup bei einem der fünf Monumente feierte. Für Topfavorit und Tour-de-France-Bergkönig Alaphilippe, dem mit sieben Erfolgen überragenden Fahrer dieser Saison, und sein unheimlich dominantes Team Deceuninck-Quick Step war es ein imposanter bis verblüffender Nachweis der Stärke.

Degenkolb, der sich in der Verfassung seiner größten Triumphe wähnte, muss nach dem 84. Platz neue Zuversicht fassen. „Wenn man sich den ganzen Winter auf diesen Tag vorbereitet, ist das umso frustrierender. Es war ein großes Ziel“, sagte er. Tröstlich jedoch, dass ihm noch ein paar Gelegenheiten im Frühjahr bleiben – und die Form offenkundig tatsächlich stimmt.

Am Freitag beim Klassiker im belgischen Harelbeke will er dies unter Beweis stellen, am Sonntag bei Gent-Wevelgem, erst recht aber bei der Flandern-Rundfahrt (7. April) und seiner großen Liebe Paris-Roubaix (14. April), die ihm 2015 den größten Tag seiner Karriere schenkte. „Zum Glück stehen wir am Anfang und haben noch ein paar Rennen vor uns“, sagte Degenkolb.

Ohnehin könnte es ein Jahr für den gebürtigen Thüringer werden nach den vielen Rückschlägen der Vergangenheit. 2016 litt er lange unter den Folgen des furchtbaren Unfalls im Wintertrainingslager, 2017 kostete eine Erkrankung die Chance auf den WM-Titel. 2018 durchkreuzte eine Bronchitis seine Klassikerpläne, und eine langwierige Knieverletzung kam schließlich hinzu.

Erst der emotional enorm aufwühlende Sieg bei der Tour-Etappe nach Roubaix gab im letzten Sommer wieder Vertrauen. Das sei, sagte er, nun wieder fest verankert. „Ich lasse mich nicht so schnell wie früher aus der Ruhe bringen“, betonte Degenkolb. Im September winkt in Großbritannien zudem eine neue WM-Chance. „Ich hoffe und glaube ganz fest daran.“ Das Ketten-Missgeschick von Sanremo ist dann womöglich längst eine Randnotiz. (sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion