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Springt glücklich in die Sandgrube: Maryse Luzolo.

Maryse Luzolo

Mit purer Freude in die Grube

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Die Frankfurter Weitspringerin Maryse Luzolo will nach ihrer schweren Knieverletzung wieder in die nationale Spitze und schielt auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio.

Maryse Luzolo hat „wieder richtig Bock, zu springen.“ Wenn die 24-Jährige in der Grube der Kalbacher Leichtathletikhalle landet, sich danach die Sandkörner von der Trainingshose streicht, um dann das gleiche wieder von vorne zu machen, geht der lebensfrohen Frau das Herz auf. Vor knapp einem Monat gewann die gebürtige Frankfurterin bei den Militärweltmeisterschaften im chinesischen Wuhan die Silbermedaille mit einem Satz auf 6,49 Meter. Es war ihr erster internationaler Wettkampf seit mehr als zweieinhalb Jahren.

„Ich hatte das Gefühl, dass ich das gebraucht habe, um wieder Druck zu haben und eine gute Weite zu erzielen“, sagt die Tochter zweier Kongolesen. Ihre Augen strahlen hinter den runden Brillengläsern, wenn sie an den Moment zurückdenkt. Erst im Juni hatte sie ihr Comeback nach einer schweren Knieverletzung gefeiert. Dass die Athletin des Königsteiner LV überhaupt wieder Weitsprung machen kann, daran hat es nach dem schweren Trainingsunfall, „der ihr Knie zerstört hat“, arge Zweifel gegeben. Auch wenn Luzolo „selbst nie ans Aufhören gedacht hat“.

Über den 21. Juni 2017 kann die Sportsoldatin mittlerweile ohne Probleme und ohne Emotionen reden – auch weil sie es schon so oft getan hat. Zwei Tage zuvor war sie in Leverkusen mit 6,57 Meter deutsche U23-Meisterin geworden, es war der „Sommer ihres Lebens“. Wenige Tage zuvor war sie sogar vier Zentimeter weiter gesprungen, ihre Persönliche Bestleistung, die bis heute Bestand hat. Ihr Trainer Jürgen Sammert, der schon die Weitspringerin Claudia Rath zur Spitzenathletin formte, sagte Luzolo voraus, dass sie schon bald an den 6,80-Meter kratzen würde.

Am Nachmittag des 21. Juni stand für die aufstrebende Athletin am Olympiastützpunkt an der Otto-Fleck-Schneise Muskelaufbautraining auf dem Programm. Dafür setzte sich Luzolo in den „IsoMed 2000“, ein Trainingsgerät aus der Medizintechnik, wo die Beinmuskeln maschinell gebeugt und gestreckt werden. Ein Routinetraining. Doch es lief etwas vollkommen schief.

Die Maschine überstreckte das linke Knie von Luzolo, die vor Schmerzen laut aufschrie und sofort wusste, dass etwas schlimmes passiert sein musste. Die Diagnose: „das vordere Kreuzband war gerissen, das hintere angerissen, das Außenband, die Popliteussehne und der Biceps Femoris gerissen, eine Kapselsprengung, und der Knorpel hatte auch was abbekommen“, zählt Luzolo nüchtern auf. Wie genau das passieren konnte, darüber kann sie nicht reden. Der Fall wird juristisch geklärt. Es geht um Schadensersatz und Schmerzensgeld, der ihr zusteht. Nur aufgekommen ist dafür noch niemand.

„Ich war anfangs ziemlich traumatisiert“, gibt Luzolo zu. Ihr erster Gedanke war, dass sie jetzt ganz bestimmt aus dem Bundesleistungskader rausfliegt und ihren Sponsor verliert, der sie erst Ende 2016 unter Vertrag genommen hatte. Doch niemand, sei es der Deutsche Leichtathletikverband (DLV), die Bundeswehr oder der Sponsor, wich von ihrer Seite. „Da war ich sehr erleichtert“, sagt Luzolo, die enorm viele Nachrichten mit aufmunternden Worten bekam. „Das hat mich motiviert. Das musste mich motivieren. So viele Leute haben an mich geglaubt, sodass ich unbedingt zurückkommen wollte.“

Also begann nach der Operation, die der Knieexperte Frederic Welsch in der BGU-Unfallklinik durchgeführt hat, die schwere Aufbauarbeit in der Reha. „Am Anfang habe ich große Fortschritte gemacht, die man deutlich gesehen hat“, berichtet Luzolo. Doch wenn sie mehr machen wollte, weil es ihr zu langsam ging, und sie nicht durfte, war das für ihren Kopf „sauschwierig“. In dieser Zeit hat sie sich auf ihr Biologie-Studium an der Universität konzentriert und viel Stoff nachgeholt. „Ich konnte echt viel erledigen, Praktika machen, das war eine super Ablenkung“, sagt Luzolo und fügt lachend hinzu: „Ich hoffe, dass ich bald meinen Bachelor machen kann.“

Auch wenn es manchmal schmerzhaft für sie war, ging sie zu vielen Leichtathletik-Wettkämpfen. Ob bei den Athleten ihres Freundes David Corell, der Sprinttrainer des Hessischen Landesverbandes ist, oder Siebenkämpferin Carolin Schäfer, die damals noch in der gleichen Trainingsgruppe wie Luzolo trainierte, bei Jürgen Sammert. Er war es auch, der ihr im März diesen Jahres sagte: „So, jetzt spring mal in die Grube.“ Luzolo war völlig verdattert in dem Moment, sie hatte das schließlich 20 Monate nicht mehr gemacht. Also hüpfte sie rein, landete etwas ungelenk, aber es tat nichts weh. Am 19. Juni gab Luzolo beim Abendmeeting der LG Rheinfront im rheinhessischen Alsheim ihr Comeback, Freunde und Familie waren gekommen. Nachdem sie zuvor „sehr nervös“ war, entluden sich nach dem ersten erfolgreichen Sprung auf 6,20 Meter pure Glücksgefühle.

Auf die deutschen Meisterschaften in Berlin musste sie allerdings wegen einer hartnäckigen muskulären Verhärtung im Oberschenkel verzichten. Mit den 6,49 Meter bei der Militärweltmeisterschaft am 23. Oktober ist Luzolo hinter Weltmeisterin Malaika Mihambo (7,30 Meter) und Julia Gerter (6,62 Meter) von der LG Eintracht Frankfurt Dritte in der diesjährigen Rangliste des DLV.

Die schwere Verletzung hat aber natürlich noch Nachwirkungen. Die Weitspringerin kann ihr Bein nicht richtig anwinkeln und muss regelmäßig Physiotherapie machen. „Das Knie ist sehr wetterfühlig“, sagt Luzolo. Manchmal müsse sie raus aus dem Training und Mobilitätsübungen machen, um das Knie geschmeidiger zu machen. Vier Titanschrauben halten die Sehnen am Knochen fest. Trotz allem springt sie weiter mit dem linken Fuß ab, so wie vor dem verheerenden Unfall. „Ich fühle mich stabil, habe auch noch das Sprunggefühl“, sagt die 24-Jährige. Sie habe es zwar auch mit rechts versucht, aber es sei ziemlich schwer, das umzustellen. Dafür bräuchte sie Zeit. Und da die Olympischen Spiele in Tokio vor der Tür stehen, will sie nichts riskieren.

„Ich will mir keinen Druck machen und lasse es einfach auf mich zukommen“, sagt Luzolo. „Ich habe schließlich ein paar Jahre gefehlt.“ Die Olympianorm von 6,82 Meter werde zwar „echt knackig“, doch vor Herausforderungen hat sich Maryse Luzolo noch nie gescheut. Und wer weiß: „Vielleicht kann ich im Sommer ja einige überraschen.“

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