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Schwimmen und leben zusammen: Reva Foos und Marco Koch von der SG Frankfurt.

Schwimmen

Voller Fokus auf Tokio

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Marco Koch und Reva Foos ordnen nach ihrem Wechsel aus Darmstadt nach Frankfurt alles den Olympischen Spielen 2020 unter.

Marco Koch und Reva Foos sitzen im Bistro des Landessportbund (LSB) Hessen in der Otto-Fleck-Schneise. Der Brustschwimmer hat sich kurz zuvor noch ein kleines Mittagsschläfchen nach der kraftraubenden Vormittagseinheit gegönnt. „Mittags kann ich besser einschlafen als abends“, erzählt der einstige Europa- und Weltmeister über die 200 Meter Brust. Foos hat in der Zeit ein Buch gelesen. Das Paar von der SG Frankfurt, das in einer gemeinsamen Wohnung in Darmstadt lebt, hat im LSB ein eigenes Zimmer, wenn zweimal am Tag trainiert wird – einer der vielen Vorteile seit ihrem Wechsel vom DSW 1912 Darmstadt vor knapp sieben Monaten. Die Schwimmhalle mit vier 50-Meter-Bahnen ist direkt im Erdgeschoss, Physiotherapie und Kraftraum sind nebenan, genauso wie die Kantine, wo sie zu Mittag essen können.

„Es war Zeit für uns beide, dass wir einen neuen Reiz setzen“, sagt der gebürtige Darmstädter Koch, der seit 2001 beim DSW war. Freistilspezialistin Foos seit 2009. Es hatte sich aber einiges festgefahren. Beim Training von Alexander Kreisel wussten die Athleten immer schon, was auf sie zukommt. In Frankfurt hat ihr Training die hessische Landestrainerin Shila Sheth übernommen. „Es ist gut, dass wir jemanden am Beckenrand haben, der uns so gut kennt“, sagt Koch, der in Trainingslagern mit dem Hessischen Schwimmverband (HSV) schon öfter von Sheth trainiert wurde. „Wir hatten das Gefühl, dass es sich nicht mehr in die richtige Richtung entwickeln wird“, erklärt Foos. Hinzu komme, dass sie beide nicht mehr die Jüngsten seien. Koch ist 29, Foos 25. „Da muss man auf die Zeit achten, die man noch hat.“

Beide haben ein klares Ziel vor Augen: die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Während Foos in erster Linie einfach dabei sein und mit den Staffeln soweit wie möglich kommen möchte, peilt Koch eine Medaille über seine Paradestrecke an, die 200 Meter Brust. „Ich bin Weltmeister, Europameister, hatte den Weltrekord auf der Kurzbahn. Das wäre ein schöner Abschluss“, sagt Koch.

Den Trainingsplan bekommen beide Schwimmer von Henning Lambertz, der im Dezember als Chef-Bundestrainer aus familiären Gründen und wegen Querelen im Deutschen Schwimmverband (DSV) zurückgetreten ist. „Für uns war das nur positiv. So hat er mehr Zeit für uns“, findet Foos. Koch, der schon seit mehreren Jahren mit Lambertz zusammenarbeitet, konnte dessen Entscheidung gut nachvollziehen. Kurz zuvor war auch DSV-Präsidentin Gabi Dörries zurückgetreten, nachdem ihre Reformpläne inklusive einer Erhöhung der Mitgliedsbeiträge um 50 Cent abgelehnt wurden. „Ich hab vor zwei Jahren schon einmal gesagt: Hätte Henning den Heiligen Gral gefunden, irgendwas wäre trotzdem scheiße gewesen“, sagt Koch.

Ex-Bundestrainer Lambertz schreibt die Trainingspläne

Seine Nichtnominierung für die EM in Glasgow, wo Foos mit der 4x200-Meter-Mixedstaffel Gold und mit der 4x200-Meter-Freistilstaffel Bronze holte, hat Koch gut verdaut. Im Sommer hat der 1,85-Meter-Mann viel an Land trainiert, „um so viel aufzubauen, dass es wirklich für die nächsten Jahre reicht.“ Boxen, Kanu, Yoga, Crossfit - zehn Wochen lang, ehe es wieder richtig ins Wasser ging. Seine Bestzeit 2:07,47 Minuten über die 200 Meter liegt knapp fünf Jahre zurück. In diese Richtung muss es gehen, wenn 2020 eine Medaille herausspringen soll.

Dass er auf dem richtigen Weg ist, hat ihm die Bronzemedaille bei der Kurzbahn-WM im Dezember im chinesischen Hangzhou bestätigt. Auch wenn er seinen Weltrekord (2:00,44 Minuten) an den Sieger Kirill Prigoda (2:00, 16) aus Russland verlor. „Mit meiner Zeit habe ich vorher gerechnet“, sagt Koch selbstbewusst. Ende Januar sicherte sich Koch in 2:09,69 Minuten die Norm für die Langbahn-WM im südkoreanischen Gwangju (12. bis 28. Juli).

Für Foos war die WM „eine kleine Wunderkiste“. Über die Weltcups hatte sie sich kurz zuvor während ihrer Prüfungsphase an der TU Darmstadt für die 200 und die 400 Meter Freistil qualifiziert, es aber in den Einzeln nicht in die Finals geschafft. Mit ihren Staffelkolleginnen Jessica Steiger und Marie Pietruschka knackte sie über die 4x100-Meter den deutschen Rekord (3:34,31 Minuten) im Vorlauf und wurde im Finale Sechste. „Es hätte besser laufen können, wenn ich nicht so viel Stress mit der Uni gehabt hätte“, sagt Foos, die aus Esslingen am Neckar stammt. Dafür hat sie ihr erstes Staatsexamen mit der Note sehr gut in der Tasche.

Die 1,68 Meter große Athletin kann sich gut vorstellen, die nächsten zwei Jahre als Vertretungslehrerin in ihren Fächern Biologie und Deutsch zu arbeiten. „Ich bin nicht so der Typ, der nur schwimmen und trainieren will.“ Koch hingegen fällt es schwer, nebenbei etwas zu machen. Er trainiert mindestens neunmal die Woche, dazu kommen drei Einheiten Krafttraining á 90 Minuten. „Wir schwimmen wahrscheinlich noch bis Olympia, vielleicht noch ein Jahr länger“, sagt Koch. In der Zeit will er sich voll und ganz auf seinen Sport konzentrieren.

Die WM in Südkorea nimmt Koch zwar ernst, aber „wenn es nur für 150 oder 175 Meter reicht“, sei es auch in Ordnung. Bis dahin will er noch an seinen Baustellen arbeiten, der Grundgeschwindigkeit und Spritzigkeit. Foos, die international nicht zur Spitze gehört, weiß, dass sie alles geben muss, um sich für die Einzel zu qualifizieren. „Es wäre natürlich schön wenn es klappt, aber wenn nicht, schwimme ich auch gerne nur die Staffeln.“

Für Koch und Foos steht als nächstes die Nordic Swim Tour auf dem Programm, an diesem Wochenende in Bergen (5. bis 7. April), die Woche darauf in Stockholm (12. bis 15. April). Danach geht es ins Trainingslager nach Belek (Türkei).

Marco Koch hat überdies noch eine Einladung von der International Swimming League (ISL) in New York erhalten, „wo ich mitmachen werde.“ Im August will die millionenschwere Profiliga erstmals in Stockholm an den Start gehen und tritt in Konkurrenz zum Schwimmweltverband Fina. „Es ist eine gute Sache, wenn es mehr Wettkämpfe gibt, bei denen auch mehr Schwimmer Geld verdienen können“, sagt Koch. Bislang war es so, dass die Fina nur rund zehn Prozent ihrer Einnahmen an die Athleten verteilt hat.

Im Dezember hatte die ISL zusammen mit Topathleten wie Katinka Hosszu aus Ungarn sowie den US-Amerikanern Tom Shields und Michael Andrew die Fina verklagt. Als Reaktion darauf rief die Fina ihrerseits ein neues Eliteturnier für die Olympiasieger, Weltmeister, Weltjahresbesten und Europameister aus. „Es ist gut, dass der Druck auf die Fina gewachsen ist“, findet Foos. Bei der Kurzbahn-WM in Hangzhou seien die Prämien kurz vorher angehoben worden. „Jetzt muss man schauen, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt“, so Koch.

Entwickeln wollen sich auch Koch und seine Freundin. In Frankfurt, so scheint es, haben sie den perfekten Platz gefunden, um ihre Ziele zu erreichen.

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