+
Marcel Kittel steigt bei der Deutschland Tour vom Rad.

Deutschland Tour

Marcel Kittel steigt aus

  • schließen

Radprofi Marcel Kittel wird am Freitag nicht mehr zur zweiten Etappe der Deutschland Tour antreten.

Sprintstar Marcel Kittel wird aus gesundheitlichen Gründen nicht zur zweiten Etappe der Deutschland-Tour antreten und ist bei der Rundfahrt ausgestiegen. Dies teilte sein Team Katusha Alpecin am Donnerstagabend mit. „Es ist frustrierend und unheimlich enttäuschend, die Deutschland-Tour auf diesem Weg verlassen zu müssen“, sagte Kittel. „Ich habe mich unheimlich müde und erschöpft gefühlt. Das wurde im Rennen noch schlechter.“

Kittel war zuletzt bei der BinckBank Tour in den Niederlanden angetreten, danach konnte er jedoch „einfach nicht wie gewohnt regenerieren“, sagte Kittel: „Ich fahre jetzt nach Hause, um mich umfassend medizinisch untersuchen zu lassen. Ich muss herausfinden, an was es liegt.“

Kittel war am Donnerstag bei der einzigen Sprintgelegenheit chancenlos gewesen, der Arnstädter kam nur als 109. und Letzter des großen Feldes ins Ziel. André Greipel aus Hürth wurde beim Sieg des Kolumbianer Alvaro Hodeg vom Quick-Step-Team Sechster. Shootingstar Pascal Ackermann wurde knapp geschlagen Zweiter. Wenige Minuten nach der verpassten Chance konnte Ackermann schon wieder lachen und suchte keine Ausreden. „Alvaro hat es heute einfach richtig gemacht und kam mit der schnelleren Geschwindigkeit von hinten. Deswegen hat er auch verdient gewonnen - das muss man einfach so ehrlich zugeben“, konstatierte der 24 Jahre alte Radprofi nach 157 Kilometern vom Deutschen Eck in Koblenz nach Bonn. „Ich bin bei 250 Meter in den Wind und es war vielleicht ein wenig zu früh. Es ist halt eine Sekundenentscheidung und vielleicht habe ich heute auch etwas die Nerven verloren, weil ich es nach meinem Sturz in Hamburg allen zeigen wollte“, sagte Ackermann.

Kittel fährt seit Jahresbeginn für das mit Schweizer Lizenz registrierte Team Katjusha um den russischen Geldgeber Igor Makarow und den deutschen Co-Sponsor Alpecin, das von dem Portugiesen José Azevedo geführt wird, einem einstigen Helfer von Lance Armstrong. Dieses Vielvölker-Gemisch führte in dieser Saison offenbar zu einer babylonischen Verwirrung, zumal Kittel, der im vergangenen Jahr für Quickstep noch fünf Etappen der Tour de France gewonnen hatte, 2018 weit unter seiner Normalform fährt. Zu viele Personen reden hinein, eine klare Struktur und Verantwortlichkeiten fehlen, so ist zu hören. Zwei Erfolge sind in diesem Anti-Wohlfühl-Klima erst für Kittel notiert, eingefahren im März. Seitdem kam ein Rückschlag nach dem anderen.

Es gab letztlich alles in einer missratenen Saison: Fehler in der Sprintvorbereitung, Fehler im Finale, Fehler beim Material – etwa durch einen Platten kurz vor dem Finale. Außerdem verletzte sich sein wichtigster Anfahrer Marco Haller aus Österreich im April und fällt seitdem wegen eines Beinbruchs aus. Und mittendrin ein zunehmend ratloser und nicht mehr selbstbewusster Kittel, der gerade das am meisten braucht, um erfolgreich zu sein: mentale Stärke, Sicherheit, Rückhalt.

Bei der Tour de France im Juli eskalierte die Situation, weil sein Sportlicher Leiter Dimitri Konischew, ein Russe, Kittel fehlende Leistung und Egoismus vorwarf. Letzteres trifft auf Kittel gewiss nicht zu. „Das hat mich getroffen“, sagte Kittel dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit Konischew gehe er ab jetzt professionell um. „Mehr nicht.“ Die Stimmung im Team, so ist zu hören, ist schlecht, der Druck erhöht sich, die Leistungen jedoch bleiben weiter aus. Der Misserfolg ist gerade „leider Teil der Realität“, sagt Kittel: „Der möchte ich mich gerne entziehen. Durch Ignorieren funktioniert das aber nicht. Sondern nur durch aktives Angehen der Ursachen.“

Radikaler Umbruch

Am Donnerstag hat er bereits 30 Kilometer vor dem Ziel signalisiert, nicht die Beine für einen erfolgreichen Sprint zu haben. Das Team ist fortan für Rick Zabel gefahren, der Bonn als Neunter erreichte. Torsten Schmitt, Sportlicher Leiter des Teams, sagt: „Wir müssen eine Analyse angehen, wir sind schon dran, ein Ergebnis gibt es noch nicht.“ Ein Ansatz ist es offenbar, Kittel ärztlich durchchecken zu lassen: „Wir wollen schauen: Was ist mit seinen Leistungswerten? Hat er vielleicht einen Virus oder eine Zahnentzündung?“ 

Im nächsten Jahr wird sich einiges ändern im Team. Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin, ein Kittel-Vertrauter, hat keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Schmitt wird Katjusha verlassen, Dirk Demol, einst Sportlicher Leiter bei Armstrong, wird zum Team stoßen, die Trainer werden ausgetauscht. Radikaler Umbruch also. Kittel sagt: „Dass es Änderungen im Team geben wird, das ist sicher so. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes.“ (mit dpa/sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion