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Der schnellste Deutsche über die 800 Meter: Marc Reuther von der LG Eintracht Frankfurt.

800-Meter-Läufer

Marc Reuther und sein neues Ich

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Marc Reuther hat den Spaß am Laufen wiedergefunden – und ist in diesem Jahr die zweitschnellste Zeit über 800 Meter gelaufen.

Marc Reuther war kurz davor hinzuschmeißen. Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha war der 23-Jährige über 800 Meter, wie schon 2017 in London, im Vorlauf ausgeschieden. Eine herbe Enttäuschung. Auch das Training in der Gruppe von Mittelstrecken-Bundestrainer Georg Schmidt in Frankfurt war zur Pflichtaufgabe geworden. Er hat viel mit Freunden und seiner Freundin, der Sprinterin Lisa Mayer, gesprochen und sich umstimmen lassen. „Ich habe mir immer gesagt, dass ich erst aufhören will, wenn ich alles probiert habe, um das Beste aus mir rauszuholen“, erzählt der Leichtathlet der LG Eintracht Frankfurt. „Und das hatte ich noch nicht.“ Aber so wie es zuletzt lief, sollte es auch nicht weitergehen.

Also entschloss sich der 1,93-Meter-Schlaks zum klaren Schnitt. Er holte sich Hilfe bei einem Sportpsychologen, wechselte die Trainingsgruppe – und die ersten Ergebnisse können sich mehr als sehen lassen. Beim Meeting in Erfurt am 2. Februar lief Reuther Weltjahresbestleistung in 1:45,39 Minuten und die zweitschnellste jemals gelaufene deutsche Zeit in der Halle hinter dem Berliner Nico Motchebon. Dabei war er erst zwei Tage zuvor aus dem Trainingslager in Südafrika zurückgekommen. Nur der amtierende Weltmeister, der US-Amerikaner Donovan Brazier, lief eine Woche später noch etwas schneller in dieser Hallensaison. Außerdem blieb Reuther im polnischen Torun sowie in Düsseldorf noch zweimal deutlich unter 1:47 Minuten. Am Mittwoch wollte er im französischen Lievin seine Form nochmal bestätigen. Dabei wurde er in einen Sturz verwickelt und fiel auf den linken Arm: Radiuskopffraktur, zwei bis drei Wochen Pause, sodass er auch nicht bei den Deutschen Meisterschaften am Wochenende in Leipzig starten kann. „Kann man leider nicht ändern“, sagt Reuther.

Seit Dezember ist der gebürtige Düsseldorfer bei der Trainingsgruppe des Leitenden Bundestrainer im Bereich Lauf, Thomas Dreißigacker, in Leipzig. Bei ihm trainieren der amtierende Hallenmeister Robert Farken (SC DHfK Leipzig) und Julius Lawnik (LG Braunschweig) – zusammen mit Reuther die Top drei der 800-Meter-Läufer in Deutschland. „Wenn dich jemand im Training pusht und neue Grenzen aufzeigt, hilft das“, erklärt Reuther. Vorher sei er immer das Alphatier gewesen und habe die anderen mitziehen müssen. Jetzt basiere das auf Gegenseitigkeit.

Vor kurzem hat er sich eine kleine Wohnung in der sächsischen Großstadt gemietet und pendelt zwischen Leipzig und Frankfurt hin und her. „Ich brauche weiter den Fixpunkt Frankfurt mit Lisa und um mich mit Freunden zu treffen oder zu Physiotherapeuten zu gehen, die meinen Körper gut kennen“, erklärt Reuther, der an der Goethe-Uni Wirtschaftswissenschaften studiert.

Neben dem Ausbruch aus der Komfortzone und dem Wechsel des Umfelds ist es aber vor allem die veränderte Einstellung zu seinem Sport und das eigene Glücklichsein der Hauptgrund, warum es so gut läuft. „Ich habe einfach Bock zu rennen und Spaß im Wettkampf“, erklärt Reuther sein neues Ich. Er hat sich dafür Hilfe bei Psychologe Henning Thrien geholt. „Ich war vorher in einer Blase. Es zählte nur Sport, Sport, Sport“, sagt Reuther. Jetzt nimmt er sich wieder viel mehr Zeit für sein Sozialleben, denn der Sport kann mit einer Verletzung abrupt beendet sein. Auch die Rennen geht er nun viel entspannter und mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Das war früher undenkbar für Reuther, der bis zu seinem 15. Lebensjahr in Frauenstein bei Wiesbaden auch Fußball gespielt hat. „Ich habe sehr viel Energie darauf verschwendet, dass am Wettkampftag alles perfekt sein muss.“

Zum eigenen Wohlbefinden gehört nämlich auch, dass Reuther sich vegan ernährt. Wenn er jetzt aber nicht die Haferflocken hat, die er sonst immer hatte, nimmt er sich einfach die nächstbesten. „Ich habe gemerkt, dass ich dadurch besser regeneriere und die Verdauung bei hoher Belastung besser ist“, berichtet er. Das macht er seit 2016, kurz nachdem er die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio hauchdünn verpasst hatte. Das soll in diesem Jahr auf keinen Fall passieren. Er hat sich ein Urlaubssemester genommen, um sich nur auf den Sport zu konzentrieren. Um in Tokio dabei zu sein, muss Reuther die Norm 1:45,20 Minuten laufen oder sich über die Weltrangliste des Leichtathletik-Weltverbands IAAF qualifizieren.

Seine persönliche Bestzeit liegt bei 1:45,22 Minuten aus dem Jahr 2017. Ein klares Ziel für Tokio will er aber nicht formulieren. „Diesen Fehler habe ich früher in Interviews gemacht. Das erhöht nur den Druck und ist total dämlich“, sagt Reuther. In Erfurt hatte er sich nicht einmal an den Zeiten orientiert, sondern das Rennen einfach auf sich zukommen lassen. Die bisherigen Ergebnisse in der Halle haben ihm jedenfalls klar gezeigt, dass er sich international nicht verstecken muss. Nur für die Deutsche Meisterschaft im Juni in Braunschweig hat er ein klares Ziel: „Ich will national der Beste sein und mit Dominanz und Selbstverständlichkeit an den Start gehen und dieses Selbstbewusstsein nach Tokio mitnehmen.“

Ans Hinschmeißen denken, so viel ist klar, wird Marc Reuther so schnell nicht mehr.

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