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Wirft mit mehr als 148 Stundenkilometern: Daniel Norris.

Baseball

Der Mann vom Walmart-Parkplatz

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Baseball-Jungstar Daniel Norris verdient bei den Toronto Blue Jays Millionen – und schläft im Wohnmobil.

Zum Frühstück gibt es frisches Rührei und Kaffee, dann macht Daniel Norris ein paar Klimmzüge. Es ist ein ganz gewöhnlicher Morgen für den 22-jährigen Baseballspieler. Ob seine Teamkollegen den Tag so oder so ähnlich beginnen, weiß Norris gar nicht. Es interessiert ihn einfach nicht. Genauso wenig wie es ihn interessiert, dass er nicht so lebt, wie er in seiner Position leben könnte, wie er es vielleicht sollte.

Norris ist der vielversprechendste unter den Jungstars der Toronto Blue Jays. Als er während des Vorbereitungstrainings im Frühjahr in Florida aufwachte, war das erste, was er sah, der Asphalt und die Beleuchtung des Walmart-Parkplatzes. Er sah ihn von dem Fenster seines VW-Campers, Baujahr 1978. Norris zog es vor, in seinem hellgelben Camper vor einer Supermarkt-Kette zu übernachten, anstatt mit den anderen Talenten in einem der Luxushotels in Miami.

Der junge Sportler aus Tennessee verdiente da bereits Millionen, bei Unterzeichnung seines Vertrages als Pitcher strich er als erstes Gehalt zwei Millionen Dollar ein. Während die anderen „Prospects“, wie die Nachwuchsspieler im amerikanischen Baseball heißen, ihr erstes Gehalt relativ klischeehaft für Autos, Klamotten oder teure Technik ausgaben, investierte Norris lieber in den Kult-VW. Und wenn er während der Trainingssaison in Miami im US-Bundesstaat Florida Freizeit hatte, hat er nicht mit den anderen am Hotelpool abgehangen, sondern fuhr mit seinem Bulli an den Strand, zum Surfen.

„Werde mich nicht ändern“

Zum Start der Saison schaffte es Norris überraschend in die Profimannschaft der Toronto Blue Jays, spielt derzeit jedoch wieder in der unterklassigen „Minor League“. Schafft er es wieder in die „Major League“, wovon auszugehen ist, wird er innerhalb von ein paar Saisons mehr als ausgesorgt haben. Ob er dann immer noch im Wohnmobil wohnen will? Irgendwann werde er sich mal überlegen, wo er sich niederlassen wolle, erzählt der Einzelgänger in einem großen Porträt im Magazin des amerikanischen Sportsenders ESPN.

Wohin es ihn auch verschlägt, es wird ein Ort sein, an dem Norris sich nicht der geldhungrigen amerikanischen Sportindustrie stellen muss, zumindest nicht permanent. Denn auch der etwas verschrobene Einzelgänger Norris kann sich der Maschinerie nicht völlig entziehen und hat mittlerweile einen Werbevertrag bei einem großen US-Sportartikelhersteller unterschrieben. Und wenn er erst in der Profiliga spielt, wird jeder seiner Würfe, Schritte, Bewegungen noch genauer analysiert werden. Dennoch: Baseball ist das, was Norris machen will – und was er kann. Er wirft seine Bälle äußerst präzise und mit über 148 Stundenkilometern, das hat ihn sehr schnell sehr erfolgreich gemacht.

Um sein Talent noch zu verbessern, muss aber auch Norris zum Training. Also räumt er nach seinem Frühstück auf dem Parkplatz neben den Mülltonnen seinen Bus auf. Was dabei zum Vorschein kommt, erzählt Reporter Eli Saslow im ESPN-Magazin, sage viel über den jungen Sportler aus: eine Kopflampe, ein Schlafsack, ein Tagebuch, ein Roman von Jack Kerouac. „Ich werde mich nicht ändern, nur weil andere glauben, dass es komisch ist, so zu leben“, sagt Norris. Er hat Berater angeheuert, die sein Geld in konservativen Anlagen für ihn gebunkert haben. Laut Saslow lässt er sich jeden Monat gerade mal 800 Dollar (etwa 730 Euro) auszahlen. „Ich fühle mich irgendwie besser, wenn ich das Gefühl habe, arm zu sein“, so Norris. Wenig Geld zu haben sorge dafür, dass er seinen Lebensstil beibehält und schränke die Möglichkeiten ein, sich doch anzupassen.

Rasieren mit der Axt

„Nonkonform“ steht deshalb auch auf einem Schild, dass in seinem Camper hängt. Doch um ein paar Konventionen wird er nicht herumkommen, auch wenn seine Kameraden, Trainer und Sportfunktionäre ihn mittlerweile so annehmen, wie er ist. Auch wenn sie laut Norris ein wenig geschockt waren, als sie Instagram-Fotos von ihm sahen, auf denen er sich im Wald mit der Klinge einer Axt den Bart rasiert.

Doch seit einigen Monaten läuft die Saison und das Baseball-Wunderkind hat sich zumindest ein bisschen den Erwartungen angepasst: Er lässt den Bart nicht wachsen und ist vorerst in ein Haus zu seinen Teamkollegen gezogen. Diese Disziplin verlangt der Sport und Norris ist bereit, sich darauf einzulassen. Wie sehr ihn die Sportindustrie von seinem Leben als Einzelgänger entfernen wird, hängt auch dann von seiner Disziplin ab.

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