Sei umschlungen: Thorsten Margis (rechts) herzt seinen Chef an den Lenkseilen Francesco Friedrich. dpa
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Sei umschlungen: Thorsten Margis (rechts) herzt seinen Chef an den Lenkseilen Francesco Friedrich. 

Bobsport

Ein Mann für die Ewigkeit

Francesco Friedrich dominiert den Bobsport nicht nur bei der Heim-WM nach Belieben.

Francesco Friedrichs Rekordfahrt war gerade wenige Minuten alt, da begann im Zielbereich von Altenberg die Ursachenforschung. Warum ist dieser Bob-Pilot seit Jahren nicht zu schlagen? Warum wirken auch die stärksten Konkurrenten neben Friedrich wie Juniorensportler? Und welche Rekorde sind eigentlich noch sicher vor diesem Mann?

Einer der „Leidtragenden“ hatte mit den eigenen Bestmarken da schon beinahe abgeschlossen. „Rekorde sind da, um gebrochen zu werden“, sagte Deutschlands Bob-Ikone Andre Lange schmunzelnd. Und warf einen Blick auf Friedrich, der nach seinem historischen Zweierbob-Sieg bei der Heim-WM gerade in der Menge badete: „Wenn jemand über Jahre seinen Job so gut macht, dann kann man nur den Hut ziehen.“

Die Branche verneigt sich mittlerweile geschlossen vor den Leistungen des Doppel-Olympiasiegers, dessen Dominanz ja zwei Aspekte hat. Einerseits den langfristigen, der Sachse ist nun seit Jahren Weltspitze, krönte sich am Sonntag in Altenberg zum sechsten Mal in Serie zum Weltmeister im kleinen Schlitten – das gab es noch nie in der 90-jährigen WM-Geschichte.

Zugleich erreicht Friedrichs Überlegenheit auch im Jetzt ungeahnte Ausmaße. Nach vier Läufen am Sonntag hatte er 1,65 Sekunden Vorsprung auf den zweitplatzierten Johannes Lochner – der gleiche Abstand tat sich dahinter zwischen Lochner und Platz 15 auf. Momentan gibt es im Zweierbob ganz oben nur die Kategorie Friedrich, dahinter streitet sich der Rest der Welt um Silber.

„Was der Franz abzieht, ist krank, das ist eine eigene Liga“, sagt Lochner, „da können wir alle nicht mithalten.“ So erstaunlich Friedrichs Überlegenheit allerdings ist, so erklärbar ist sie auch.

Francesco macht eben seine Aufgaben ordentlich. Er startet sehr schnell, und er macht kaum Fehler in der Bahn“, sagt Lange. Und untertreibt damit ziemlich. Könnte man den perfekten Bob-Piloten am Reißbrett entwerfen, er wäre Friedrich wohl ziemlich ähnlich.

Der Sachse war früher Zehnkämpfer und bringt enorme Athletik mit. Während viele hochtalentierte Piloten im Kreise ihrer schnellkräftigen Anschieber eher ein Ballast am Start sind, setzt Friedrich auf den ersten Metern selbst den Maßstab. Gleichzeitig sind wenige Konkurrenten an den Lenkseilen so feinfühlig wie er.

Nervenstärke und Akribie

Was Friedrich allerdings über Jahre abhebt, ist seine Nervenstärke und Akribie. Die Heim-WM in Altenberg ist da exemplarisch. Seit drei Jahren hatte er sich auf diese Titelkämpfe vorbereitet, bei jeder Witterung das Material getestet, die Bahn und das Wetter im Erzgebirge konnten ihn nicht mehr überraschen. „Wir wussten genau, wann wir hier was zu tun haben“, sagt Friedrich.

Und derart vorbereitet wird er nun auch das WM-Rennen im Vierer am kommenden Wochenende angehen. Gewinnt Friedrich, ist er dreimal in Folge Doppelweltmeister – auch das gab es nie. Und mit dann neun Titeln in Zweier und Vierer wäre er Rekordchampion.

Im Alter von 29 Jahren wohlgemerkt, für einen Bob-Piloten ist das jung, andere Größen des Sports haben da gerade erst mit dem Siegen begonnen. Andre Lange etwa holte sein viertes Olympia-Gold (Rekord) mit 36. Diese Marke kann Friedrich 2022 in Peking erreichen – und wenn er will, hat er dann noch immer eine lange Karriere vor sich. 

sid

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