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"Manchmal juckt es schon"

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Von: Frank Hellmann

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Oft in Sorge um den „Club“: Sportvorstand Martin Bader.
Oft in Sorge um den „Club“: Sportvorstand Martin Bader. © imago sportfotodienst

Auch der 1. FC Nürnberg, aktuell Schlusslicht der Bundesliga, steckt in einer "Ergebniskrise". Nürnbergs Sportvorstand Martin Bader zur neuen Form des Abstiegskampfes - nicht nur bei den Franken.

Auch der 1. FC Nürnberg, aktuell Schlusslicht der Bundesliga, steckt in einer "Ergebniskrise". Nürnbergs Sportvorstand Martin Bader zur neuen Form des Abstiegskampfes - nicht nur bei den Franken.

Martin Bader leitet im zehnten Jahr die sportlichen Geschicke beim 1. FC Nürnberg. Momentan ist der „Club“ trotz zuletzt ansprechender Leistungen Tabellenletzter. Der 45-jährige Sportvorstand ahnt, dass es in dieser Saison vielleicht Vereine trifft, die im Grundsatz gar nicht viel falsch machen.

Wer die jüngsten Leistungen des 1. FC Nürnberg und den Tabellenplatz betrachtet, könnte zu einer gewagten These kommen: Ist der „Club“ der beste Letzte der jüngeren Vergangenheit?

Dafür fehlt mir ein bisschen der Überblick, aber wir sind häufig mit Lob überschüttet worden: nach dem 1:1 gegen Dortmund, dem 3:3 in Bremen, teilweise dem 0:3 gegen Freiburg oder jetzt dem 1:3 in Mönchengladbach. Dort sind wir definitiv nicht wie nicht wie ein Tabellenletzter aufgetreten. Wir haben dem Tabellenvierten richtig Kopfzerbrechen bereitet.

Spricht das für die gestiegene Qualität der Liga, dass selbst die im Tabellenkeller angesiedelten Teams die Flucht nach vorne suchen?

Ich glaube, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, weil sich vor allem viele Trainer etwas von der Spielweise Ralf Rangnicks damals in Hoffenheim und dann bei Jürgen Klopp in Dortmund abgeschaut haben: dass man höher verteidigt, weiter vorne Bälle erobert. Augsburg ist ein Paradebeispiel dafür, auch Mainz und Freiburg im letzten Jahr sind exemplarisch.

Früher hieß es doch immer: Wer abstiegsgefährdet ist, stellt sich hinten rein.

Ja, wer früher unterlegen war, hat einfach Beton angerührt. Es schaut heute spielerisch insgesamt deutlich besser aus. Dafür spricht ja auch, dass es überhaupt erst zweimal ein 0:0 in dieser Saison gegeben hat. Nur noch das eigene Tor zuzumauern, ist mittlerweile zu wenig – dieser Umdenkungsprozess hat die gesamte Liga erfasst.

Ihr neuer Trainer Gertjan Verbeek ist auch ein Anhänger der offensiven Philosophie.

Das war bei der Auswahl eines der Kriterien. Wir wollten nicht nur einen erfahrenen Trainer verpflichten, sondern auch das spielerische Potenzial fördern. Wir haben mit Josip Drmic, Hiroshi Kiyotake, Robert Mak oder Daniel Ginczek auch Qualität in der Offensive. Deswegen ist die Stimmung in Nürnberg nicht am Kippen, weil der neue Trainer diese Fähigkeiten wecken will. Nur irgendwann reichen gute Spiele natürlich nicht aus, sondern müssen Resultate herauskommen.

Sie haben früh prophezeit, dass es für Nürnberg eng werden könnte, wenn die wirtschaftlich stärkeren Vereine nicht so viele Fehler machen. Kann es sein, dass es mit dem Abstieg nächstes Jahr im Mai zwei oder drei Klubs trifft, die im Grundsatz gar nicht viel falsch machen?

Bei der Zusammensetzung der Liga benötigt man keine seherischen Fähigkeiten, um zu vorauszusagen, dass es Freiburg, Augsburg oder auch Nürnberg treffen kann. Allerorten stimmt die grundsätzliche Ausrichtung, behaupte ich. Wir gehören zu den wirtschaftlich schwächsten Vereinen – wir haben zuletzt davon profitiert, dass in Hoffenheim, Bremen, Wolfsburg, Stuttgart oder Hamburg sehr viel Unruhe war. Wir konnten den Blinker setzen und uns vorbeischleichen. Wenn diese Klubs allerdings ihre Hausaufgaben vernünftig machen, stehen sie aufgrund ihrer besseren Rahmenbedingungen vor uns.

Ist es Zufall, dass mit Freiburg und Frankfurt ausgerechnet die beiden Europa-League-Starter akut gefährdet sind? Nürnberg ist 2007 Pokalsieger geworden, durfte dann im Europapokal mitspielen und ist prompt abgestiegen. Erkennen Sie Parallelen?

Wenn ich in Frankfurt Heribert Bruchhagen, Bruno Hübner oder Armin Veh gehört habe, dann wurde dort immer gesagt, dass die Europa League nur das Sahnehäubchen ist. In Freiburg sowieso. Es kommt bei der Europapokalteilnahme vieles zusammen, wenn ein Verein lange nicht da mitgespielt hat: Die meisten Spieler besitzen keinerlei Routine in diesen Abläufen. Man kann dann gebetsmühlenartig betonen, dass die Bundesliga wichtiger sei, und es nutzt doch nichts. Wobei ich an dieser Stelle sagen muss: Eintracht Frankfurt ist immer noch besser aufgestellt als der 1. FC Nürnberg.

Sie haben zuletzt 54 Millionen Euro Umsatz und einen kleinen Gewinn verkündet. Tut Ihnen nicht weh, dass dieser Kurs der wirtschaftlichen Vernunft sich nicht auch sportlich auszahlt?

(überlegt lange). Der Weg ist alternativlos. Es war ein großer Kraftakt, nach dem Abstieg 2008 sofort wieder aufzusteigen. Wir sind schuldenfrei und haben sogar noch Werte geschaffen; Nürnberg soll und muss in der Bundesliga spielen. Trotzdem verlassen wir nicht den Kurs der wirtschaftlichen Solidität, auch wenn es uns Verantwortliche manchmal schon juckt, mehr Geld auszugeben. Wenn natürlich nach Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim auch noch RB Leipzig dazukommt, wird es für uns immer schwieriger.

Leipzig ist ein gutes Stichwort: Es wäre ja möglich, dass die Leipziger für Nürnberg in der nächsten Saison ein Konkurrent im Aufstiegsrennen der zweiten Liga sind. Ärgert Sie das?

Gemach, gemach, noch sind wir nicht abgestiegen. Für Tradition, Titel oder Fans gibt es leider keine Bonuspunkte, sondern es zählt maßgeblich die wirtschaftliche Kraft. Aber wenn Leipzig es schafft, diesen Klub in den Profifußball zu hieven, kann ich das nicht beklagen – das hört sich so abwertend an. Wenn es ein Verein innerhalb der von DFL bzw. DFB vorgegebenen Rahmenbedingungen schafft, sich sportlich zu qualifizieren, dann muss man das neidlos anerkennen. Für uns muss es aber bedeuten, noch motivierter unsere vorhandenen Stärken und Werte einzubringen. Dann müssen wir noch kreativer sein, noch schneller sein; das muss uns eher anstacheln, noch mehr Gehirnschmalz reinzuhängen.

Wird der Kraftakt für Traditionsvereine immer größer, der zweiten Liga zu entfliehen?

Ja, wir haben das durchgemacht. Der Einschnitt ist gerade für diese Klubs immens. Hertha BSC hat vergangene Spielzeit alles auf Aufstieg gestellt, Eintracht Frankfurt hatte im Jahr davor hohe Investitionen getätigt. Der 1. FC Köln und 1. FC Kaiserslautern gehen jetzt höheres Risiko, um aufzusteigen.

Wenn die Bundesliga so wie im deutschen Eishockey oder im amerikanischen Profisport als geschlossenes System spielen würde, hätte Nürnberg keine Sorgen mehr.

(lacht). Nein, nein, das wird nicht kommen. Es wäre zwar schön für uns, aber dann gehen die Leute nicht mehr ins Stadion. Nie im Leben. Auf- und Abstieg gehören im deutschen Fußball dazu.

Interview: Frank Hellmann

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