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Hüpft selbst beim Jubeln: die deutsche Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo.

Malaika Mihambo

Malaika Mihambo holt Gold und freut sich auf Tokio 2020

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Malaika Mihambo springt in neue Sphären – das hat auch viel mit innerer Gelassenheit zu tun. Vor dem Olympia-Jahr gilt es nun auszuspannen. 

Um Höchstleistungen im Sport vollbringen zu können, um bei einer Weltmeisterschaft die von allen begehrte Goldmedaille selbst am Hals baumeln zu haben, müssen viele Kleinigkeiten ineinander greifen, eigentlich fast alle. Erstens sollten natürlich die körperlichen Voraussetzungen stimmen, sie sind die Grundlage dafür, um am Tag X bereit zu sein. Keine Verletzungen, keine kleineren Blessuren, nicht einmal ein schnöder Schnupfen sollte stören. Weder am Wettkampftag selbst, noch in den Wochen davor.

Zweitens ist da die Form, die gerade bei einer von einem einzelnen Saisonhöhepunkt geprägten Sportart wie der Leichtathletik in einer ansteigenden Kurve verlaufen sollte. Anfangs eher unten, zwar nie im Tal, aber doch noch weit vom Optimum entfernt, bis sie schließlich von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, von Tag zu Tag aufwärts wandert. Und drittens sollte auch die Psyche auf der Höhe sein, um mögliche Rückschläge in den ersten beiden Kategorien ohne allzu großes Kopfzerbrechen wegzustecken, einfach weiterzurackern und sich der eigenen Stärke immer bewusst zu sein.

Malaika Mihambo haut auch mal ab aus dem Alltag

Malaika Mihambo, seit Sonntagabend neue Weltmeisterin im Weitsprung, vereint alle drei Elemente wie kaum eine andere in ihrer Disziplin. Nachdem sie bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro schon starke Vierte wurde, damals war sie erst 22 Jahre jung, und sie anschließend wegen einer schweren Fußverletzung zeitweise um die Fortsetzung ihrer Karriere bangen musste, fragte sich die in Heidelberg geborene Leichtathletin, wie sie denn noch die letzten Prozente aus ihrem Körper herauskitzeln könnte.

Malaika Mihambo springt weiter als alle anderen.

Also arbeitete Mihambo zwar weiterhin an ihrer Weitsprungtechnik, am Tempo beim Anlauf, am Feintuning beim Absprung, an der Bewegungsfolge in der Flugphase, doch gerade abseits des Sandkastens machte sie die für sich entscheidenden Schritte nach vorne. Seit Anfang 2018 kümmert sich ein Mentalcoach regelmäßig um die Belange von Mihambo, auch meditiert sie mehrfach in der Woche. Und vor allem legt sie dadurch bewusster als früher Wert darauf, ihren Sport nicht zu überhöhen, auch mal abzuhauen aus dem Alltag und stattdessen andere Gedanken die Oberhand gewinnen zu lassen.

Die Tochter einer deutschen Mutter und eines Vaters aus Sansibar begann als Achtjährige mit der Leichtathletik, vorher probierte sie sich schon im Ballett, beim Turnen und Judo aus. Sie war immer sportlich aktiv, ehrgeizig sowieso, mittlerweile sucht sie aber auch die Ruhe. Nach stressigen Tagen näht sie gerne, dem Vernehmen nach soll sie zudem auch ganz manierlich Klavierspielen. Die Vorbereitung für die Leichtathletik-WM in Katar begann für Malaika Mihambo daher nicht irgendwo während eines harten Trainingslager, sondern schon früher – im Urlaub.

Malaika Mihambo findet in Indien zur Meditation

Im vergangenen Jahr reiste die 25-Jährige nach Indien, nur mit einem riesigen Rucksack auf den zierlichen Schultern. Sie erkundete bei einer Rundreise das Land, lernte Kultur und Leute kennen, und vor allem andere Perspektiven auf das Leben. „Man bekommt damit die Chance, an Gelassenheit zu gewinnen, die man mit nach Hause nehmen und in den Alltag integrieren kann. Ich habe zudem gelernt, mich besser zu verstehen. Damit kann ich auch im Sport weiterkommen“,sagte Mihambo vor der WM im FR-Interview. In Indien fand sie auch zur Meditation, sogar ziemlich intensiv. „Zehn Stunden am Tag mit Schweigen, ohne Handy, kein Buch, kein Stift zum Schreiben, keinerlei Ablenkung.“ Das half Malaika Mihambo offenbar zu ihrem nächsten Karriereschritt.

Das Jahr 2019 lief für die studierte Politikwissenschaftlerin, die ihren Masterabschluss in Umweltwissenschaften erst nach den Olympischen Spielen von Tokio 2020 machen will, nahezu optimal. Schon beim ersten Wettkampf in Sindelfingen gelang ihr die Norm für die Hallen-EM, dann verbesserte sie Anfang Februar in Berlin ihre persönliche Hallenbestleistung auf 6,99 Meter. Zwei Wochen später verteidigte sie bei der Deutschen Hallenmeisterschaft ihren Titel aus dem Vorjahr. Einzig bei der EM unter geschlossenem Dach in Glasgow belegte sie mit 6,83 Meter nur den vierten Platz – ein kleiner Rückschlag, ein Moment, der eine Saison zum Kippen hätte bringen können, den Mihambo – wie gelernt – aber einfach rasch abhakte und weiter an sich glaubte.

Malaika Mihambo will jetzt erst mal abschalten

An der frischen Luft sicherte sie sich in der Folge als erste deutsche Leichtathletin den Gesamtsieg in der Diamond League und kassierte dafür 50.000 Dollar (rund 45 300 Euro). Den deutschen Meistertitel gewann sie mit ihrer persönlichen Bestleistung von 7,16 Metern, was zeitgleich bis Sonntag auch die Weltjahresbestleistung bedeutet. Insofern war das, was im Khalifa-Stadion von Doha passierte, nun wirklich keine Überraschung mehr, aber doch hochgradig beachtlich. Die Favoritenrolle bei der WM als Last? Blödsinn. „Für mich ist das ein Ansporn“, sagte Mihambo vor der WM und ließ Taten folgen.

Dabei lief gar nicht alles nach Plan. Vor dem dritten Versuch, ihrem herausragenden 7,30-Meter-Hüpfer, stand Mihambo unter Druck. Sie hatte nach 6,52 Metern zum Auftakt und einem ungültigen zweiten Sprung gar kurz um den Endkampf der besten acht Springerinnen zittern müssen. Was folgte, war nah an der Perfektion. Schneller Anlauf, zentimetergenauer Absprung, ideale Flugposition, die achtbeste Weite der Leichtathletik-Geschichte bei den Frauen. „Ich wusste, dass ich beim dritten Versuch alles bringen muss“, sagte Mihambo, „es war einfach unfassbar“.

Malaika Mihambo springt 38 Zentimeter weiter als die Konkurrenz

Am Ende war sie der Konkurrenz um 38 Zentimeter entsprungen – weiter hatte noch nie eine Weitspringerin die Konkurrenz bei einer WM distanziert. Mihambo ist damit die zweite deutsche Weitsprung-Weltmeisterin. Ihre erfolgreiche Vorgängerin, Heike Drechsler, war voll des Lobes: „Sie strahlt dieses Gewinnen-Wollen aus. Sie wird mal eine ganz Große“, sagte die 54-Jährige.

Eine ganz Große werden, dafür scheint laut Drechsler offenbar ein weiterer Titel – oder zumindest eine Medaille – bei den Olympischen Spielen 2020 nötig, dem Wettkampf der Wettkämpfe in der Leichtathletik. „Wenn ich gesund bleibe und an Kraft und Schnelligkeit zulegen kann, kann ich mich darüber freuen, beim größten Wettkampf überhaupt in Tokio noch einmal in dieser Form dazustehen“, so Mihambo.

Den ersten Schritt zur Topform ging sie bereits einen Tag nach ihrem größten Karrieretriumph. Sie setzte sich früh am Morgen in den Flieger von Doha nach Bangkok und ließ all den Trubel hinter sich – ohne ihre Medaille wohlgemerkt, die flog mit ihrer Mutter nach Deutschland. „Ich will sie nicht verlieren“, scherzte Mihambo, als sie die letzten Worte vor ihrem vierwöchigen Trip nach Thailand sprach. Dort will sie einfach abschalten, vielleicht tauchen und ganz sicher die Ruhe genießen. „Ich will die Zeit voll auskosten. Ich nehme sie mir, um alles zu verarbeiten.“ Das hat schließlich schon einmal geklappt. (mit dpa/sid)

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