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Stürmt 2007 in Antholz gleich zweimal zu WM-Gold: Magdalena Neuner.

Biathlon-WM

Magdalena Neuner überzeugt: „Wir haben das Potenzial fürs Podium“

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Die ehemalige Weltklasse-Biathletin Magdalena Neuner über ihre Karriere, die deutschen Aussichten bei der WM in Antholz und darüber, warum Leistungssport eigentlich nicht gesund sein kann.

Magdalena Neuner , 33, erlebte 2007 bei der Biathlon-WM in Antholz den plötzlichen Aufstieg zum deutschen Superstar. Drei Goldmedaillen gewann sie damals. Über Nacht kannte die Lena aus Wallgau fast ganz Deutschland. Die Rekordweltmeisterin (zwölf Titel) und zweifache Olympiasiegerin kehrt nun 13 Jahre später zur WM in Antholz als TV-Expertin an jenen Ort zurück, in dem sich schlagartig vieles in ihrem Leben änderte. 

Frau Neuner, Sie erlebten bei der WM 2007 in Antholz ein fulminantes WM-Debüt. Wie haben Sie den Start in ein neues Leben in Erinnerung?

Da ist natürlich dieses erste WM-Wochenende, als ich meine ersten beiden Goldmedaillen im Sprint und der Verfolgung gewonnen habe. Da ist so ein Rummel losgebrochen, dass ich gemerkt habe: Da ist etwas Besonderes passiert. Im Nachhinein kann man schon sagen: Dieses Wochenende in Antholz hat mein Leben verändert.

Was sind die stärksten Eindrücke, die bei Ihnen hängen geblieben sind?

Das sind ganz viele. Die Stimmung war wahnsinnig toll, das Wetter super. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich in der Nacht zum 9. Februar 2007 mit meiner Teamgefährtin Kathrin Hitzer in meinem 20. Geburtstag hineingefeiert habe. Ich war damals einfach noch sehr jung. Und ich habe das Ganze schon noch mit einer gewissen Jugendlichkeit und auch Naivität gelebt und genossen. Das war sehr schön.

Da gab es auch ein fast schon legendäres Fotoshooting auf dem verschneiten Antholzer See ...

Biathletin Magdalena Neuner.

... ja, da war dieser große Berner Sennenhund. Vor dem habe ich zunächst etwas Angst gehabt, weil der mir fast ständig in den Arm gebissen hat. Und ringsherum drängten sich Massen von Fotografen und Kameraleute. Da hatte man schon Angst, dass das Eis auf dem See bricht ...

... es entstand sogar ein Riss im Eis, der von einem Knall begleitet wurde, da ist kurz eine kleine Panik ausgebrochen ...

... das war schon irgendwie absurd. Auch wenn man daran denkt, wie alle so ausgeflippt sind.

Sie schauen sich mit ihrer fünfjährigen Tochter Verena Anna manchmal die Videos von der Antholzer WM an, weil sie wissen möchte, was die Mama früher gemacht hat. Was sagt denn die Kleine dazu?

Sie hat jedenfalls verstanden, dass die Mama früher Biathlon gemacht hat. So richtig begreift sie es allerdings noch nicht. Ich habe das Gefühl, dass sie schon wahrnimmt, dass das die Mama ist – aber nicht die Mama, die sie kennt.

Nun also die WM in Antholz 2020. Eine junge deutsche Biathletin, die für Furore sorgt, wird es da nicht geben. Das deutsche Frauen-Biathlon leidet derzeit an einem Nachwuchsproblem. Macht Sie das wehmütig?

Für mich als Fernsehexpertin ist das tatsächlich keine einfache Geschichte, darüber sprechen zu müssen. Ich bin ja froh, dass wir zwei im Team haben, auf die man zählen kann: Denise Herrmann und Franzi Preuß. Ansonsten schaut es schwierig bis mittelmäßig aus – ohne das jetzt böse zu meinen. Die anderen tun sich einfach verdammt schwer, gute Ergebnisse zu erzielen. Das tut mir persönlich echt leid.

In Deutschland ist das Anspruchsdenken traditionell enorm hoch ...

... wir sind natürlich sehr verwöhnt. Seit es Frauenbiathlon gibt, also seit rund 30 Jahren, haben wir deutsche Topteams. Jetzt ist es halt etwas schwieriger. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass auch bei uns wieder junge Biathletinnen nachkommen werden. Nur momentan ist es eben nicht so.

Liegt das auch daran, dass die junge Generation nicht mehr ganz den Biss hat? Auch andere Nationen haben Nachwuchsprobleme.

Darüber kann man lange philosophieren. Ich glaube, dass es eine gesellschaftliche Entwicklung ist, dass viele junge Leute ein anderes Ziel im Leben haben als noch vor zehn, 15 Jahren. Früher sagte man sich: Ich hau mich da voll rein, gebe alles, verzichte auf vieles – weil ich mein Ziel unbedingt erreichen will. Ich weiß nicht, ob Leistungssport als Traumberuf immer noch so präsent im Bewusstsein ist. Die Einstellung zum Sport hat sich bei vielen verändert. Bei mir war es jedenfalls so: Ich habe Uschi Disl im Fernsehen gesehen und wusste von diesem Zeitpunkt an, dass ich nichts anderes machen wollte in meinem Leben.

Die deutschen Medaillenhoffnungen trägt bei den Frauen vor allem die Ex-Langläuferin Denise Herrmann. Ist die Bürde nicht sehr schwer für sie, als alleinige Frontfrau vorangehen zu müssen?

Da bin ich relativ entspannt. Denise lässt sich nicht verrückt machen von der Aufmerksamkeit, die sie bekommt. Sie arbeitet auch mit einem Mentaltrainer. Ich bin mir sicher, dass sich Denise auf diese WM sehr professionell vorbereitet hat. Sie ist ja keine ganz junge Sportlerin mehr und hat schon als Langläuferin einiges erlebt. Druck gehört eben zum alltäglichen Geschäft des Leistungssportlers. Aber bei Denise mache ich mir da keine Sorgen, sie wird sich in ihrer Führungsrolle sicher gut machen. Sie ist in jedem Fall eine Medaillenanwärterin.

Die wohl talentierteste deutsche Biathletin ist wohl Franzi Preuß. Schon 2015 errang sie WM-Silber. Doch seither wurde sie immer wieder von gesundheitlichen Problemen gebremst.

Ich bin da auch ein bisschen besorgt. Die Franzi muss einfach gesund sein, dann ist ganz viel möglich. Aber sie hat eben immer wieder Probleme. Voriges Jahr gewann sie in Ruhpolding den Massenstart. Da dachte man: Wow, da geht es jetzt so weiter. Und am Tag danach war sie schon wieder total krank. Das ist bei ihr ein Auf und Ab. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich hatte in meiner Karriere auch so Phasen, in denen ich immer wieder krank wurde. Das wirft einen schon weit zurück und nagt auch am Selbstvertrauen. Das ist eben Franzis großes Problem: Sie kann sich nicht hundertprozentig auf Biathlon konzentrieren, weil sie immer wieder damit beschäftigt ist, gesund zu werden und sich aus diesem Loch herauszuarbeiten. Wenn die Franzi mal richtig gesund wäre, wäre sie total erfolgreich. Sie hat ja ein riesiges Potenzial.

Sie haben es kurz erwähnt: Auch Sie hatten in ihrer Karriere mit Erkrankungen zu kämpfen. Noch härter sogar traf es in dieser Hinsicht Laura Dahlmeier. Der Laie fragt sich da: Wie gibt es das, dass junge Sportlerinnen, die ein gesundes Leben führen, immer wieder krank werden?

Darüber habe ich mal Günther Beck (früherer österreichischer Biathlet und Mann der früheren Mittenwalder Weltklassebiathletin Martina Beck; Anm. d. Red.) gesprochen. Der ist Mediziner, weswegen ich ihn gefragt habe: „Ich versteh’ das einfach nicht: Ich ernähre mich gesund, ich achte auf mich, ich habe immer Sport gemacht – und trotzdem fehlt mir immer wieder etwas.“ Da schaut er mich an und sagte: „Magdalena, du glaubst doch nicht, dass Leistungssport gesund ist.“ Das hat mir die Augen geöffnet. Man muss sich schon im Klaren sein, dass man sich als Leistungssportler fast täglich über 100 Prozent quält und immer an die Grenzen geht. Klar, dass der Körper irgendwann sagt: Ich brauche eine Pause. Bei mir kam dann das Mentale noch dazu: Der Druck, der Stress, Dinge, die mich beschäftigt haben. Da bin ich dann gleich ganz leicht krank geworden.

Zurück zur WM. Die deutschen Männer haben eine sehr starke Mannschaft. Und doch wird es enorm schwer werden, Medaillen zu holen. Die internationale Konkurrenz mit den Superstars Johannes Tingnes Bö und Martin an der Spitze ist so stark wie selten zuvor ...

...ich schätze unsere Chancen trotzdem als sehr gut ein. Sicher, es gibt Johannes Tingnes Bö und Martin Fourcade, die in der absoluten Favoritenrolle sind. Auf der anderen Seite sehe ich aufstrebende deutsche Biathleten, die Laufbestzeiten liefern, die im Einzel viermal null schießen. Die Ergebnisse in diesem Winter waren wirklich vielversprechenden. Wir haben die tolle Situation, dass wir vier Biathleten haben, die das Potenzial fürs Podium haben. Und wir haben damit auch wirklich eine gute Staffel. Und die Einzelwettbewerbe haben bei Weltmeisterschaften immer ihre eigenen Gesetze. Bei Martin Fourcade muss man auch sagen, dass er noch nicht wieder in der Form ist, wo man sagen kann, dass hundertprozentig aufs Podest kommt. Natürlich gehört er zu den Besten, aber er hat in dieser Saison immer wieder mal gepatzt.

Bö erscheint dagegen kaum antastbar.

Johannes ist auch nur ein Mensch und kann mal einen Fehler machen. Aber es stimmt schon: Er hat eine wirklich unglaubliche Coolness. Er ist der kompletteste Athlet, den man sich vorstellen kann. Er bringt alles mit. Johannes läuft unheimlich schnell, ist extrem schnell und sicher am Schießstand. Und er hat eine brutale mentale Stärke. Er lässt sich von nichts durcheinanderbringen, hat Selbstvertrauen ohne Ende. Da gibt es niemanden, der so drauf ist wie er. Das ist fast schon eine Gabe.

Der stärkste deutsche Biathlet dieses Winters ist Benedikt Doll. Läuferisch kommt er Bö bisweilen am nächsten.

Benni muss man natürlich auf der Rechnung haben. Er hat bei früheren Weltmeisterschaften schon bewiesen, dass er diese Höhepunkte mag und er Energie daraus schöpft, wenn es wirklich um etwas geht. Er ist jedenfalls super drauf. Das hat man zuletzt auch im Training gesehen. Benni ist immer ein Kandidat für positive Überraschungen.

Die WM beginnt morgen mit der Mixedstaffel. Was ist vom deutschen Quartett beim Auftakt zu erwarten?

Der Start ist sehr wichtig. Wenn da eine Medaille geholt wird, was ohne Weiteres möglich ist, würde das viel Druck von der Mannschaft nehmen.

Wie sieht grundsätzlich Ihre Medaillenprognose aus?

Ich bin kein Fan von Prognosen. Ich glaube, dass wir in den Staffeln Medaillen gewinnen. In den Einzelwettbewerben muss viel zusammenpassen. Gold wird bei den Männern eine große Herausforderung, ist aber möglich. Bei den Frauen hat Denise Herrmann das Potenzial, Weltmeisterin zu werden. Es ist schon einiges drin.

Interview: Armin Gibis

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