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Jeanne Louise Calment wurde 122 Jahre alt.
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Jeanne Louise Calment wurde 122 Jahre alt.

Hundert Jahre und noch mehr

Mäßig essen, Sport und Rotwein

Das Rezept für Gesundheit und Wohlergehen ist seit langem bekannt. Jetzt klären die Forscher, warum das so ist.

Von PETER SPORK

Jeanne Louise Calment starb am 4. August 1997 im südfranzösischen Arles. Sie war 122 Jahre, fünf Monate und 14 Tage alt geworden und gilt bis heute als der Mensch, der am längsten gelebt hat - zumindest wenn man sich auf gesicherte Fakten verlässt. Als 14-Jährige hatte Calment dem Maler Vincent van Gogh Pinsel verkauft, als 100-Jährige fuhr sie noch Fahrrad, und erst im Alter von 119 Jahren gab sie das Rauchen auf.

Was hält manche länger jung als andere? Nun scheint die Molekularbiologie auf diese Frage allmählich immer mehr Antworten zu finden. Offenbar wirkt sich der Lebensstil auf vielfältige Art auf das Erbgut aus und beeinflusst so das biologische Alter der Körperzellen.

Je hinfälliger diese werden, desto eher bekommen wir tödliche Krankheiten, sagt Elizabeth Blackburn, von der University of California in San Francisco: "Herzkreislauf-Krankheiten, Krebs und Diabetes sind die Haupttodesursachen älterer Menschen." Unter den Uralten litten allerdings erstaunlich wenige an diesen Altersleiden. Vieles spreche dafür, dass ein biologisches System ihre Zellen ungewöhnlich lange jung halte.

Blackburn ist berühmt für die Erforschung der Telomere. Diese Schutzkappen aus Eiweißmolekülen sitzen im Zellkern auf den Enden der Erbgutträger, Chromosomen genannt: Sie bewahren die DNA-Stränge, die den Bauplan des Lebens enthalten, vor ungewollten chemischen Reaktionen. Theoretisch verlieren die Chromosomen bei jeder Zellteilung ein Stück ihrer Telomere.

Eines Tages sind sie aufgebraucht und die Zelle muss sterben. Die Wirklichkeit ist indes komplexer. "An den Telomeren bedeckt eine sehr dynamische, hoch organisierte Struktur von Eiweißen die DNA", sagt Blackburn. Darunter ist auch ein Enzym, die Telomerase. Sie sorgt bei einer Zellteilung dafür, dass die verkürzte Schutzkappe wieder verlängert wird, hält die Zelle also jung.

Dank einer sehr aktiven Telomerase würden viele wichtige Zellen des Körpers praktisch nicht altern, erläutert Blackburn, zum Beispiel Stammzellen, Keimzellen, die Knochenmarkzellen, die laufend das Immunsystem erneuern, aber auch manche einfache Körperzellen und fatalerweise fast alle Arten von Krebszellen. Die Indizien häufen sich, dass Umwelteinflüsse und Ernährung die Aktivität der Telomerase verändern und somit entscheidenden Einfluss auf Krankheitsanfälligkeit und Lebensdauer haben.

Zumindest bei Hefepilzen ist der Zusammenhang belegt: Starker Umweltstress kann zur Abschaltung der Telomerase führen, was das Leben der Einzeller verkürzt. Was Elizabeth Blackburn aber besonders nachdenklich stimmt, sind neueste Untersuchungen über den Einfluss lang anhaltender Belastungen: "Chronischer psychologischer Stress verkürzt die Telomere." Menschen in Extremsituationen, die zum Beispiel alleine einen dementen Angehörigen pflegen müssen, haben erhöhte Stresshormonspiegel und eine verringerte Aktivität des zellverjüngenden Enzyms Telomerase.

Ähnliche Folgen konnten Forscher auch bei Menschen mit Essstörungen und bei Rauchern ausmachen. Eine Untersuchung mit eineiigen Zwillingen zeigte zudem, dass Sportler deutlich längere Telomere haben als ihre bewegungsfaulen genetisch identischen Geschwister. Angesichts solcher Erkenntnisse zweifele heute kaum noch jemand, "dass sowohl die Genetik als auch Umwelteinflüsse die Telomere verändern und so die Lebensspanne beeinflussen können", sagt Blackburn.

Immer wenn es um den Einfluss der Umwelt auf das Erbgut geht, kommt die sogenannte Epigenetik ins Spiel. Diese neue Wissenschaft erforscht chemische Reaktionen, mit denen eine Zelle dauerhaft bestimmte Gene an- oder abschalten kann.

"Fast alles wirkt sich über die Epigenetik irgendwie auf unsere Gene aus: Essen, Verhalten, Gifte, Stress, Klima", sagt Professor Jörn Walter von der Universität Saarbrücken. Natürlich spiele dieses Gedächtnis der Zelle auch eine Rolle bei der Lebenserwartung. Indem sie bestimmte Teile ihres Erbguts aktiviere oder unterdrücke, passe sich eine Zelle besser an eine bestimmte Umwelt an, sagt Genforscher Walter.

Professorin Ann Ehrenhofer-Murray, Epigenetikerin an der Universität Duisburg-Essen, berichtet in diesem Zusammenhang über eine Eiweiß-Sorte, die es bei fast allen Lebewesen gibt: "Die Sirtuine lagern sich an die DNA an und helfen ihr beim Aufbau einer kompakten Struktur. Eher zufällig wurde entdeckt, dass sie auch eine wichtige Rolle beim Altern spielen." An den Chromosomen-Enden sitzen besonders viele Sirtuine. "Sie schützen die Telomere davor, abgebaut zu werden", sagt Ehrenhofer-Murray. Es sei mittlerweile bekannt, dass ein Aktivierung der Sirtuine das Leben von Zellen verlängere.

Auch Shelly Berger, Epigenetikerin vom Wistar Institute in Philadelphia, USA, ist überzeugt, dass die Sirtuine einer der Schlüssel für ein hohes Alter sind: "Sind sie aktiv, wirkt das in allen Organismen dem Altern entgegen", sagt sie. Bei jungen Zellen halte das Eiweiß die Telomere zusammen, bei älteren arbeite es weniger effektiv. Solche epigenetische Veränderungen "scheinen direkt ins Altern involviert zu sein", sagt Berger. Man wisse zum Beispiel, dass eine dauerhafte kalorienreduzierte Ernährung zu einer Lebensverlängerung führe. Sie vermutet, dass der andauernde Nahrungsmangel die Sirtuine aktiviere.

Ob Jeanne Calment ihr Leben lang wenig gegessen hat, ist leider nicht bekannt. Man weiß aber, dass sie einen anderen lebensverlängernden Stoff regelmäßig zu sich nahm: Resveratrol. Calment genoss ihn jeden Abend in Form eines Glases roten Portweins.

Nimmt man die Erkenntnisse des Internationalen Psychologiekongresses hinzu, der jüngst in Berlin stattfand, rundet sich das Bild ab. Dort stellten die Experten fest, ein erfolgreiches Alter erreiche vor allem, wer möglichst lange geistig und körperlich rege bleibe. Auch hier war Jeanne Calment ihrer Zeit voraus: Sie heiratete 1896 einen wohlhabenden Mann und genoss anschließend das sportliche und kulturelle Leben.

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