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Das Märchen vom loyalen Prinzen

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Von: Maik Rosner

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Andries Jonker spielt in der  Märchenwelt des FC Bayern eine neue Rolle.
Andries Jonker spielt in der Märchenwelt des FC Bayern eine neue Rolle. © dapd

Vier Stationen war Andries Jonker Assistent von Louis van Gaal. Den Job beim FC Bayern München übernimmt er nur, weil ihm van Gaal nicht böse ist. Das will Jonker zumindest glauben machen.

Vier Stationen war Andries Jonker Assistent von Louis van Gaal. Den Job beim FC Bayern München übernimmt er nur, weil ihm van Gaal nicht böse ist. Das will Jonker zumindest glauben machen.

Als Andries Jonker am Montagmittag zu seiner ersten Pressekonferenz als Cheftrainer des FC Bayern kam, musste ihm erst einmal der Platz in der Podiumsmitte zugewiesen werden. Der zurückhaltende und höfliche Neue, der nicht viel Aufhebens um sich und seine Aufgabe macht, wollte schon am Rand Platz nehmen. Dann wurde ihm das Mikrofon zurechtgerückt, damit er gut zu verstehen ist im Auditorium an der Säbener Straße. Dort, wo Präsident Uli Hoeneß tags zuvor mit dem bisherigen Cheftrainer Louis van Gaal gnadenlos abgerechnet hatte. „Guten Mittag, meine Damen und Herren“, grüßte nun van Gaals bisheriger Assistent. Und er sagte später nur ein Wort, das er für seine Art am treffendsten empfindet: „Geradeaus.“ Aber anders als van Gaal. Vielleicht wird in München irgendwann einmal eine Geschichte erzählt, die so klingt wie das „Märchen“ (Hoeneß), dass die Mannschaft hinter van Gaal gestanden habe.

Wenn es denn wahr ist, was Jonker auf seiner ersten Pressekonferenz erzählt hat, dann könnte die Geschichte so gehen: Es war einmal der sture König Louis, den niemand mehr wollte in den Auen der Bayern. Deshalb fragten sie den beliebten und geschätzten Prinzen Andries, ob er nicht seine Vaterfigur beerben wolle. Der loyale Prinz, ebenfalls aus den Niederlanden zugezogen, zögerte. Denn das war für ihn eine „sehr schwierige Frage, weil ich eine enge Relation zu Louis van Gaal habe“. Deswegen fragte er König Louis, ob er ihm böse sei, wenn er sein Amt für kurze Zeit übernehme, bis der neue Herrscher Jupp Heynckes zur kommenden Saison den Thron besteigt, wie es schon verabredet ist.

Erst als van Gaal gesagt habe, „wenn er in meinen Schuhen stehen würde, dann würde er den Job übernehmen, habe ich zugesagt. Das war mir sehr wichtig.“ Van Gaal habe zudem „bestätigt“, erzählte Jonker, „dass die Vater-Relation so bleiben muss, wie sie ist“. Dann willigte der Jonker ein. „Das Gefühl ist komisch, ich bin nicht froh. Aber es ist nicht wichtig, was ich fühle, sondern dass wir unser Ziel erreichen“, sagte der neue Übergangs-Cheftrainer.

Er war ein loyaler Mann, 48 Jahre alt und schon auf vier Stationen der Schüler des Königs. Bei Ajax Amsterdam, beim niederländischen Fußball-Verband KNVB, beim FC Barcelona und FC Bayern. Weil er dem König stets treu war und ihm nicht in den Rücken fallen wollte, ließ er das Volk bei seiner Antrittsrede wissen: „Es muss klar sein, dass Louis van Gaal sehr viele Sachen sehr gut gemacht hat und deshalb so erfolgreich war.“ Jonker, der anders als der schroffe van Gaal aber ein kommunikativer und offener Mann war, sprach viel mit den eigentlichen Machthabern in den Auen der Bayern. Denn er wusste, dass „der Vorstand einige Mitglieder hat, die viel erreicht haben.

Eine Konsequenz daraus ist, dass sie eine Meinung haben.“ Aus der er, der bisherige Kronprinz, „meinen Vorteil zu ziehen“ gedenke. So schaffte er „mit allen zusammen“ den Einzug in die Champions League. Er erreichte damit sein „Ziel, dass ich am 14. Mai nach Hause komme, mich auf die Couch setze und zufrieden bin“.

Danach Trainer des FCB II

Dann kehrte er wenig später aus dem Urlaub zurück, wurde Trainer der zweiten Mannschaft in der vierten Liga und machte sich daran, „zusammen mit Jörg Butt und Michael Tarnat einiges zu verbessern in der Jugendarbeit“. Jonker war um seine weiteren Dienste schon nach der 1:3-Niederlage in Hannover gebeten worden und gab seine Zusage „am Freitag“, einen Tag, bevor er den König beerben sollte. Seine erste Zusage galt für ein Jahr als Trainer der Reserve, „mit der Intention, wenn es beiden Seiten gefällt, das auch längerfristig zu machen“.

Jonker weiß, dass es nicht einfach wird, den Lauf der Geschichte so märchenhaft zu gestalten. Am Sonntag kommt Bayer Leverkusen nach München. Arjen Robben, für zwei Spiele wegen seiner Schiedsrichterbeleidigung („Vollpfosten“) beim 1:1 in Nürnberg gesperrt und mit 15000 Euro Geldstrafe belegt, wird ebenso fehlen wie Holger Badstuber nach seiner fünften Gelben Karte. Dafür wird wohl Jörg Butt ins Tor zurückkehren. Thomas Kraft, der sich den entscheidenden Fehlpass vor dem Ausgleich in Nürnberg erlaubt und damit zu van Gaals Ende beigetragen hatte, fehlte am Montag im Training. Laut Jonker wegen „Rückenproblemen“. Da hat er vielleicht doch einmal geflunkert. Ansonsten bat er um Verständnis, nichts über die kommende Aufstellung zu verraten. Und auch nicht darüber, was er anders machen werde als van Gaal, dem Jonker einen Abschied von der Mannschaft ermöglicht hatte und der irgendwie trotzdem noch ganz schön präsent war.

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