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Eloquent im Anzug: Andrea Tafi.

Kommentar

Männer in der Midlife Crisis

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Verkommt der Berufsradsport zum Juxplatz für Männer in der Midlife Crisis? Ein Kommentar.

Kennen Sie Andrea Tafi? Vermutlich nicht, denn die großen Zeiten des Italieners liegen lange zurück. Der am 7. Mai 1966 im toskanischen Fucecchio geborene Radprofi zählte einst zu den Besten der Welt, grimassierte in gebührendem Abstand mit den Blutpanschern Lance Armstrong und Jan Ullrich die französischen Gipfel hinauf. Ohne Chance. Denn so richtig wohl fühlte sich der kleine Mann mit den schnellen Beinen auf den harten Pavé zwischen Paris und Roubaix. Ein Klassikerspezialist – mit einer Vorliebe fürs Schmerzhafte. Tafi feierte seine größten Erfolge nämlich auf Kopfsteinpflaster. Seine Palmarès: die Lombardei-Rundfahrt 1996, vor allem aber Paris-Roubaix 1999 und die Flandern-Rundfahrt 2002. Diese drei Monumente des Radsports sicherten ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern. 

Andrea Tafi hat ausgesorgt. Der mittlerweile 52-Jährige besitzt einige Immobilien und ein Fahrradbekleidungsgeschäft. Die meiste Zeit aber sitzt er noch immer auf seiner Rennmaschine. Im Jahr kommt er so auf rund 18 000 Kilometer. Er fährt noch immer Rennen - gegen Gleichaltrige. „Mein Gewicht ist auf 79 Kilo gesunken, mein italienisches Meistertrikot von 1998 passt mir noch immer“, sagte Tafi unlängst der italienischen Sporttageszeitung „Gazzetta dello Sport“. Die Kollegen aus Mailand fragten nicht ohne Grund nach. Denn Tafi, das muss man ihm lassen, ist zwar gut in Schuss, er scheint selbigen aber auch nicht mehr zu hören: In der kommenden Saison wird Andrea Tafi nämlich wieder Profi.

20 Jahre nach seinem Sieg bei Paris-Roubaix will und wird Tafi zur Königin der Klassiker zurückkehren und sich damit, wie er sagt, einen Traum erfüllen. Dem Vernehmen nach soll sich das südafrikanische World-Team Dimension Data die Dienste des Mitfünfzigers gesichert haben. Eine offizielle Bestätigung steht allerdings noch aus. „Jeder sagt, ich bin verrückt, aber ich denke nicht“, wird Tafi von der belgischen Zeitung „Het Laatste Nieuws“ zitiert. Er folge seinem Herzen, wisse um die Schwere der Aufgabe. „Ich möchte sehen, wo meine Grenzen liegen. Ich werde trainieren und sehen, wo ich rauskomme.“ 

Verkommt der Berufsradsport zum Juxplatz für Männer in der Midlife Crisis? Dem Team dürfte Tafis Traum sicher höhere Aufmerksamkeit bescheren, ein kurzfristiger Marketingerfolg, ohne Zweifel. Seinem ach so geliebten Sport erweist der offenkundig unter einem erhöhten Aufmerksamkeitsdefizit leidende Italiener aber einen Bärendienst. Als hätte der Radsport nicht schon genug Probleme mit der Glaubwürdigkeit. 

Stellen Sie sich nur mal vor, Lothar Matthäus käme plötzlich auf die irrwitzige Idee, wieder für seinen kriselnden FC Bayern gegen den Ball treten zu wollen - als Profi wohl gemerkt, nicht in der Traditionself. Einfach lächerlich.

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