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Keine Freunde, aber zumindest gute Kollegen: Der Norweger Sander Sagosen (links) und Nikola Karabatic. 

Handball-EM

Machtwechsel der Superstars

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Der Norweger Sander Sagosen löst den Franzosen Nikola Karabatic als absoluten Spitzenspieler im Welthandball ab.

Im Bauch der Arena gab es plötzlich verwirrende Bilder. Beim Interviewmarathon, dem sich sowohl Nikola Karabatic als auch Sander Sagosen stellen musste, wirkte Sagosen plötzlich wie ein angeschlagener älterer Mann. Der Rückraumspieler und Anführer der norwegischen Nationalmannschaft hatte dicke Eisbeutel um seine Knie gewickelt, als er von einer Fernsehkamera vor die nächste geschleift wurde. Karabatic zeigte hingegen vor dem Gang in Richtung Kabine keine körperlichen Verschleißerscheinungen. Auf dem Spielfeld hatte es zuvor 60 Minuten ganz anders ausgesehen, bei der 26:28-Niederlage der Franzosen gegen die Norweger hatte der kommende Superstar seiner Sportart den der zurückliegenden anderthalb Dekaden dominiert.

Bei der Handball-Europameisterschaft machten die Norweger um Sagosen deutlich, dass sie erneut bei einem großen Turnier zu einem Medaillenkandidaten zählen, während die Franzosen überraschend – und zum ersten Mal nach 50 Jahren – bei einer kontinentalen Meisterschaft nicht die zweite Turnierphase erreichten.

„Wenn man so will, steht Nikola Karabatic für den Handball der vergangenen 15 Jahre und Sagosen für den der Zukunft“, sagt Andy Schmid. Der Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen, eine prägende Figur der Bundesliga, war viele Jahre lang ein Fan der Franzosen um ihren Topspieler, schließlich waren die seit 2008 das dominierende Team im Männerhandball. Zwei Olympiasiege, vier WM- und drei EM-Titel feierte die Equipe Tricolore bis 2017 – und immer war Karabatic ein entscheidender Faktor. Die Franzosen zermürbten ihre Kontrahenten regelmäßig mit ihrem Kraft-Handball, mit ihrer körperlichen Überlegenheit und der daraus resultierenden individuellen Qualität. Doch seit ein paar Jahren reicht das nicht mehr, weil sich der Spielstil verändert und die Franzosen darauf bislang nicht reagiert haben. 2017 gewann Frankreich bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land letztmals einen Titel, bezeichnenderweise im Finale gegen Norwegen – seither reichte es bei den großen Turnieren nicht mehr zum großen Wurf.

Karabatic hatte noch einmal alles versucht. Die Handball-Welt war gewohnt, dass er in wichtigen Partien das Heft des Handelns an sich reißt. Es gab unzählige Duelle, die er mit seiner Wucht und seinem Willen entschied. In Norwegen gelang das nicht mehr, weil die Kraft und der Wille des 35-Jährigen nicht mehr reichten. Die Norweger überrannten ihren Gegner einfach. „Wir haben die ganze Zeit das Tempo hochgehalten, das war unser Vorteil“, befand Magnus Röd von der SG Flensburg-Handewitt: „Wir wissen ja, die Franzosen können ein bisschen arrogant sein und nicht so viel zurücklaufen.“

In den vergangenen Jahren hat sich die Spielweise auf dem internationalen Topniveau nach und nach verändert. Der blitzschnelle Ballvortrag nach einem Fehlwurf des Gegners oder aber nach einem Gegentreffer sorgt dafür, dass alle Spieler ständig über den Platz sprinten müssen. Die Norweger haben das Tempospiel international perfektioniert und zermürbten damit die Franzosen. Denen fehlte am Ende schlicht die Kraft, um sich der zweiten Niederlage im zweiten EM-Spiel zu erwehren. Gegen Portugal verloren die Franzosen überraschend 25:28, danach folgte die Pleite gegen den Co-Gastgeber dieser Europameisterschaft.

Der besaß nicht nur die bessere Spielidee, sondern zudem Sagosen. Der Rückraumspieler, gerade 24 Jahre jung, war mit zehn Toren bester Werfer seiner Mannschaft und immer zur Stelle, wenn es im Positionsangriff der Norweger mal hakte. „Ich finde, Sander ist momentan der beste Spieler der Welt. Es ist ein Traum, mit so einem Spieler zu spielen“, sagte der Flensburger Röd.

Nach der Einschätzung seiner Mitspieler hat der Machtwechsel längst stattgefunden. Sagosen ist an seinem Klubkollegen Karabatic vorbeigezogen, beide spielen aktuell für den französischen Topverein Paris Saint-Germain. Dass sie trotzdem Rivalen sind, wurde im Spektrum in Trondheim deutlich. Vor und nach dem Spiel gab es keine herzlichen Umarmungen, wie sie sonst zwischen Vereinskollegen üblich sind, die sich mit ihren Nationalmannschaften gegenüberstehen.

Harald Reinkind vom THW Kiel, beim Sieg gegen die Franzosen mit vier Treffern ein Aktivposten, zählt ebenfalls zu den Fans von Sagosen. „Nikola Karabatic kann immer noch gut Handball spielen, aber wenn ich wähle müsste: Ich würde lieber mit Sander spielen als mit Nikola.“

Harald Reinkind darf sich freuen, denn ab Juli hat er sein Idol regelmäßig an seiner Seite. Der Norweger Sagosen wechselt nach Deutschland zum THW Kiel – und die Bundesliga bekommt den neuen Superstar des Handballs.

Die französische Nationalmannschaft ist bei der Handball-EM bereits rausgeflogen. Das EM-Aus ist für den französischen Handball ein Totalschaden.

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