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Vorerst letzter Auftritt für Deutschland: Tim Pütz 2019 in Frankfurt beim Daviscup gegen Ungarn. 

Tim Pütz aus Frankfurt

Machtkampf zwischen Tennisverbänden ist „einfach nur idiotisch“

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Das Coronavirus hat Tennisprofis wie den Frankfurter Tim Pütz jäh ausgebremst – und einen Machtkampf zwischen Verbänden verschärft.

Am Abend, bevor die Tenniswelt angehalten wurde, bekam Tim Pütz eine Whatsapp-Nachricht: „Tim, bleib zu Hause“. Ein Mitarbeiter der ATP, der Vereinigung der professionellen Tennisspieler, meinte es an diesem 11. März gut mit dem Frankfurter Profi, der bereits auf dem Sprung zur Turnierserie in Nordamerika war. Tags drauf sagte der Verband wegen der Auswirkungen des Coronavirus auch offiziell alle Turniere weltweit zunächst für sechs Wochen ab. Inzwischen ist klar, dass der Tenniszirkus, der eigentlich nie stillsteht, noch viel länger lahmgelegt ist. Mindestens bis zum 7. Juni ist alles abgesagt. Und Weltenbummler wie Pütz sitzen jetzt daheim.

„Wenigstens bin ich nicht umsonst nach Nordamerika geflogen, wie viele andere“, sagt der 32-Jährige, der in der ATP-Weltrangliste auf Rang 62 im Doppel geführt wird. Der Däne Frederik Nielsen zum Beispiel, 36, mit dem Pütz zuletzt die Turniere bestritt, war für einen Tag in den USA. „Freddy hat noch Riesenglück gehabt, dass er über Kanada nach Dänemark zurückfliegen konnte“, erzählt Pütz: „Irgendwie haben es dann wohl doch alle nach Hause geschafft, soweit ich weiß jedenfalls.“ Manch einer jedoch nur auf den allerletzten Drücker. Yannick Maden war noch zu einem Turnier nach Kasachstan gereist, nur um kurz nach seiner Ankunft das Land fluchtartig wieder zu verlassen, bevor er in die 14-tägige Quarantäne gekommen wäre.

„Natürlich ist das eine Situation, die extrem blöd ist“, sagt Tim Pütz: „Man hängt da jetzt erst einmal komplett in der Luft. Aber es sind ja alle Leute in allen Berufssparten betroffen und die meisten wesentlich stärker als Tennisprofis.“ Sein Training sieht zurzeit so aus, dass er joggen geht im Park, und den kleinen Kraftraum bei seinen Eltern hat er wieder auf Vordermann gebracht, „da war ich bestimmt seit fünf Jahren nicht mehr drin“, sagt Pütz lachend. Was bleibt ihm auch übrig. Die Fitnessstudios sind zu, und wahrscheinlich könnte er sich morgens um sieben mit seinem Coach irgendwie in eine Tennishalle mogeln zum Training. Aber das will er nicht: „Wenn die Sportplätze zu sind, dann sind sie zu. Es ist ja nicht Sinn der Sache, dass ich dann trotzdem rein gehe, nur weil Tennis mein Beruf ist.“

Kritik am DTB

So blickt Pütz leicht verwundert von Hessen aus auf die Welt und speziell die Tenniswelt, der es gerade gelingt, stillzustehen und gleichzeitig völlig durchzudrehen. Die Veranstalter der French Open haben das Grand-Slam-Event und bedeutendste Sandplatzturnier der Welt mal eben um vier Monate auf die Zeit zwischen dem 20. September bis 4. Oktober verlegt. Eigenmächtig, unabgesprochen. Pütz nennt diesen Alleingang „einfach nur idiotisch. Das ist das Allerletzte. Gerade in Krisenzeiten sollte man zumindest mal miteinander reden und nicht immer nur auf seinen eigenen besten Vorteil schauen“. Der neue French-Open-Termin liegt nur eine Woche nach den US Open. Mit dem Lavercup, dem von Superstar Roger Federer mitorganisierten Wettkampf zwischen Europa und dem Rest der Welt, überschneidet er sich sogar.

Es eskaliert hier der alte Machtkampf zwischen der ITF, dem Tennisweltverband, der die vier Grand-Slam-Turnier veranstaltet, und der für die kleineren Turniere verantwortlichen ATP. Für das Turnier in St. Petersburg und die erste Woche der Asien-Serie bedeutete der neue Termin der French Open schlicht „das Todesurteil“, so Tim Pütz, der ja genau auf diesen Tour-Veranstaltungen sein Geld verdient, etwas abseits der glamourösen Weltspitze.

In der Bundesliga spielt er für den TC Blau-Weiß Halle, und beim deutschen Daviscup-Team ist er aktuell nicht mehr dabei, obwohl er zwischen 2017 und 2019 im Doppel mit Jan-Lennard Struff ein blitzsaubere 4:0-Bilanz aufweisen kann. Die Reform hat ihn den Platz gekostet. Da beim neuen, erstmals 2019 in Madrid veranstalteten Finalturnier das Doppel noch am gleichen Tag wie die Einzel gespielt wird, wären die Belastungen für Partner Struff, Nummer eins im deutschen Team, zu groß gewesen. Also nominierte Teamchef Michael Kohlmann die French-Open-Sieger Kevin Krawietz und Andreas Mies. „Eine super Alternative“, weiß auch Pütz: „Durch den neuen Modus hat das einfach besser reingepasst, dass man ein Doppel hat, das nur dafür verantwortlich ist.“

Er hegt keinen Groll ob seines Daviscup-Aus‘ – eine Sache gefällt ihm an der Sache aber gar nicht: Dass er seitdem nichts mehr gehört hat vom Deutschen Tennisbund: „Also wirklich überhaupt nichts, nullkommanull. Das finde ich sehr schade, und da werde ich auch ein bisschen böse, wenn ich drüber nachdenke“, sagt Pütz, der eigentlich nicht böse werden will, nicht wegen eines Tennisbundes, der nicht weiß, wie Zusammenhalt geht. Nicht jetzt. Es gibt ganz gewiss größere Probleme.

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