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Ole Einar Björndalen musste lernen, dass Siege nicht alles sind. Aber das hält ihn keineswegs davon ab, weitere anzustreben.

Die Lust am ewigen Leben

Der norwegische Biathlon-Übervater Ole Einar Björndalen hat das Siegen auch mit 38 Jahren noch längst nicht aufgegeben

Von Stephan Klemm

. Auf einmal fehlen zwei Konstanten im Leben des Götterlieblings, bei dem man manchmal nicht wusste, ob er dem Erfolg hinterherläuft oder der Erfolg ihm. Verschwunden sind: die enorme Geschwindigkeit auf den Langlauf-Skiern und die große Treffsicherheit mit dem Gewehr; also die Eigenschaften, die den Biathleten Ole Einar Björndalen fast 20 Jahre lang ausgezeichnet, die ihn zum Besten seines Fachs gemacht hatten.

Der Norweger ist der unerreichte Herrscher im Biathlon-Land: 16 Weltmeister-Titel, sechs Olympiasiege, 47-mal Edelmetall bei beiden großen Sportlermessen, hinzu kommen 94 Weltcupsiege, 93 bei den Biathleten, einer im Langlauf. Doch nach den beiden vergangenen Wintern fühlte sich Björndalen jeweils schlapp, müde, erschöpft. Hinzu kam eine Bandscheiben-Verletzung – „da ging nichts mehr, mein Motor hat gestottert. Zum ersten Mal.“

Es gab Zeiten, da hätte er Gold gefordert. Jetzt würde ihm auch Bronze reichen

Trotzig kämpft Björndalen in dieser Saison gegen die Zeit und das Alter, deutlich langsamer, mit vielen Fehlern am Schießstand. Doch er kam doch noch zurück, gewann im finnischen Kontiolahti den letzten Wettkampf vor der WM und ist nun, mit 38 Jahren, Teil der aussichtsreichen Mixed-Staffel, die heute die Weltmeisterschaft von Ruhpolding eröffnet. Björndalen sagt: „Da will ich eine Medaille. Unbedingt.“

Die tristen Monate, die nur Rückschläge brachten, legten eine Eigenschaft Björndalens frei, die zuvor nicht augenfällig gewesen war: Bescheidenheit. Norwegen stellt im Mixed ein Top-Team, ist Gold-Favorit. Es gab Zeiten, da hätte Björndalen von seinen Kollegen genau das gefordert: den Titel. Weil er immer maximale Ansprüche hatte. An sich und an seine Begleiter. Jetzt aber würde ihm auch Bronze reichen. „Egal, Hauptsache auf dem Podium. Das wird schwer genug.“

Dass Björndalen nun wieder an ganz oben denken kann, ist ein Ergebnis seiner Beharrlichkeit, seines Ehrgeizes, seiner Besessenheit. Er selbst bezeichnet diese Eigenschaften komprimiert als „brutale Motivation“. Doch um die war es für lange Zeit geschehen, als am 26. April 2011 „drei Bandscheiben rausrutschten, weil ich einen dämlichen Fehler gemacht habe“. Er habe mit seinem Schwager im Wald gearbeitet und dabei ein zu schweres Holzstück zu schnell aufgehoben – „Dann machte es peng.“

Schon vorher habe er sich schwach gefühlt, „da ist es dann passiert“, daheim in Obertilliach in Ost-Tirol. Fortan ging nichts mehr: „Ich konnte nicht mehr gehen, nicht mehr Auto fahren, nichts. Ich brauchte für alles Hilfe.“ Viele Ärzte in vielen Krankenhäusern versuchten sich, konnten die Schmerzen aber nicht vertreiben. Erst zwei Mediziner in Bruneck fanden die richtige Therapie, konventionell, ohne Operation.

Das erste Training danach war ein zehnminütiger Spaziergang. Aber es war ein Anfang. „Kurz danach habe ich gemerkt, dass ich sehr schnell zurückkommen kann“, erinnert sich Björndalen. Im Herbst und im Winter hat er dann gespürt, „dass mein Motor noch da ist“. Bald darauf hat es auch die Konkurrenz gemerkt: Platz zwei in der Verfolgung von Hochfilzen. Das war Mitte Dezember. Der Formaufbau für die WM passte exakt, der Erfolg in Kontiolahti war der erste seit Dezember 2010: „Das war wie ein Neustart. Ein herrliches Gefühl.“

Jetzt fühlt sich Björndalen so, als habe er alle Grenzen weggewischt, das Alter sowieso, weil sein Körper nun ja wieder funktioniert. Er spürt in sich eine neue Begeisterung, die Lust am ewigen Biathlon-Leben. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2014 im russischen Sotschi hat Björndalen ohnehin schon zum Ziel erklärt, in Ruhpolding ergänzte er nun seinen Plan und richtete den Blick noch weiter in die Zukunft: „Ich werde auch danach weitermachen.“ Sein Rezept: „Ein bisschen mehr Regeneration. Dann wird es schon gehen.“ Wobei – die vielen negativen Rückmeldungen des Körpers, die plötzlich schwieriger zu therapierenden, immer häufiger auftretenden Infekte und die Probleme mit der Bandscheibe haben Björndalen nachdenklich gemacht. Er sagt: „Vielleicht ist mein Motor nach Sotschi auch total kaputt.“

In Ruhpolding aber vertreibt Ole Einar Björndalen die trüben Gedanken. Er fühlt sich so frisch, dass ihm doch noch eine Ansage rausrutscht: „Nach der Mixed-Staffel denke ich wieder nur an Gold.“ Schon ist alles wie immer.

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