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Hat den Schalk im Nacken: Andri Ragettli.
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Hat den Schalk im Nacken: Andri Ragettli.

Ski-Slopestyle

Lümmel mit Geschäftssinn

  • VonMax Bosse
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Die schweizerischen Ski-Slopestyler sorgen im Internet mit lustigen Kurzclips für Aufsehen - es sind Späße mit Berechnung

Einmal hat es Andri Ragettli nun doch übertrieben. Nur eine halbe Stunde dauerte es, bis er eine Textnachricht auf sein Handy bekam. Der nackte Hintern seines Teamkollegen Jonas Hunziker musste sofort aus dem Internet verschwinden. Die Schweizer Olympiadelegation beobachtet ihre Freestyle-Skifahrer mit besonderer Aufmerksamkeit – und einem Augenzwinkern. Denn allen bei Swiss Olympic ist klar: Diese Jungs sind Gold wert, selbst wenn sich das Quartett in dem anspruchsvollen Slopestyle-Kurs am Sonntag keine Medaille ertricksen sollte. Was allerdings ziemlich unwahrscheinlich ist.

Gerade mal 19 Jahre ist Ragettli alt, geht noch zur Schule und ist schon ein Star. Real Madrid hat ihm im Nachhinein zum Dank zwei Trikots geschickt, weil er in einem der millionenfach angesehen Videos auf Rat seines Managers mit dem Jersey von Cristiano Ronaldo herumspringt. Tennisstar Novak Djokovic hat sich bei Ragettli ebenfalls gemeldet und ihm mitgeteilt, wie sehr er die Skiclips liebt. „Ich bin eine Person, die im Mittelpunkt steht, deshalb habe ich gerne diesen Hype um mich“, sagt der Blondschopf. Aber eins ist auch klar: Die Internetshow dient nicht der Befriedigung des eigenen Ego. Sie ist ein Geschäft.

Bösch bislang am lustigsten

Athleten in Randsportarten, zu denen auch das trickreiche Überfahren von Metallstangen und Sprungschanzen gehört, haben es gewöhnlich nicht leicht. Ragettli und seine drei Teamkollegen Hunziker, 23, Elias Ambühl, 25, und Fabian Bösch, 20, jammern jedoch nicht über mangelnde Aufmerksamkeit und fehlende Einnahmequellen. Sie schießen sich mit der Hand auf dem Auslöser selbst in den Fokus und lassen sich dabei auch nicht von dem so gestrengen Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bremsen.

Die lustigsten Späße produzierte während der Spiele bislang Bösch. Erst imitierte er mit Ragettli in einer Tiefgarage auf einem Hubwagen eine Bobfahrt, dann griff er einarmig das Geländer einer Rolltreppe und ließ sich neben einem erstaunten Passanten seitlich hängend hochziehen. „Nach 20 Jahren habe ich noch immer nicht verstanden, wie diese Dinger funktionieren“, kommentierte er das Video. Das begeisterte sogar die US-amerikanische Skigröße Lindsey Vonn. Sie wolle den Typen ausfindig machen und das nachmachen, schrieb sie.

Das IOC hat ja eigentlich Regeln für alles – von der Kleidung bis zum persönlichen Internetauftritt der Sportler. Die Teilnehmer sind als Träger des olympischen Wirtschaftsguts gefragt. Die Schweizer Trickskifahrer beweisen, dass es möglich ist, den Spieß umzudrehen. Sie machen sich die Olympischen Spiele zu eigen, nutzen sie als Bühne.

Unerlaubt auf der Buckelpiste

Andere Athleten fügen sich dem Korsett aus Training, Regeneration und Wettkampf; manche von ihnen würden gerne mal raus, was sehen. Die jungen Schweizer machen einfach, was sie wollen. Bösch nutze den so oft beklagten Extremfrost, um auf einem zugefrorenen Fluss Schlittschuh zu laufen. Kollege Hunziker tobte sich auf dem Spielplatz aus und düste, als niemand aufpasste, die Buckelpiste runter. Dabei sind offizielle Wettkampfstätten tabu und Bewegtbilder davon erst recht.

Und Ragettli? Der sendete eben ein Foto an die Welt, auf dem der Kollege seinen Hintern in einem olympischen Ring stehend entblößt. „Ich kenne die Regeln nicht so genau“, sagt er grinsend. Der Löschaufforderung kam er übrigens umgehend nach – und klebte ein Smiley auf das Hinterteil. „Entschuldigung, nächster Versuch. Ich musste den anderen Post löschen, weil man den Arsch von Jonas Hunziker sehen konnte“, schrieb er dazu.

Die Trainer lassen sie gewähren. „Wir haben lieber zu viel Spaß als zu wenig“, sagt Coach Misera Torniainen, „sonst kann man keine Leistung zeigen. Die Athleten sind jung, sollten ein Leben haben und auch mal auf die Fresse fliegen.“ Natürlich werden auch mal Grenzen gezogen, wie im Falle des Ragettli-Fotos, aber das wird dann gelassen geklärt. „Es wäre schlimm, wenn sie sich nicht ausdrücken dürften. Darauf kommt es in unserem Sport schließlich an“, erklärt Teamchef Dominik Fugger. Der Slopestyle-Kurs ist ein Spielplatz, auf dem die Fahrer die unzähligen Rutsch- und Sprungvarianten möglichst spektakulär kombinieren müssen, um von den Punktrichtern gut bewertet zu werden. Kreativität zählt dabei so viel wie saubere Technik.

Statt die Sanktionskeule zu schwingen, erfolgt die Erziehung der jungen Sportler dann auch gemäß des Mottos: Spaß erzeugt Gegenspaß. „Das ist der Andri Ragettli“, stellt Fugger seinen derzeit besten Slopestyle-Fahrer den Journalisten vor. „Mehr bekannt aus dem Internet“, fügt er an.

Das will Ragettli dank Olympia ändern. In seiner Disziplin führt er die Weltcupwertung an, bei den Weltfestspielen der Freestyler, den X-Games, katapultierte er sich mit Dreifachüberschlägen aufs Podest. Unbemerkt von der großen Öffentlichkeit. Die Spiele in Südkorea empfindet er als „Riesenchance“, er sagt: „Wenn du gut bist, kannst du dir einen großen Namen daraus machen. Mein Ziel ist beides, für meine sportlichen Leistungen Respekt kriegen, aber auch im Internet.“

Während die ersten Videos im Alter von 14 Jahren noch aus Lust und Laune entstanden, steckt inzwischen Planung und Arbeit dahinter. „Ich habe gemerkt, wie wichtig das für einen Sportler ist, dass man da gut drin ist“, sagt er. So spielerisch die Videos aussehen: Ragettli, Bösch und Co. sind allesamt hart trainierende Akrobaten. Da sollten sich Zuschauer der Internetvideos nicht täuschen. 50 bis 60 Versuche sind schon mal nötig, bis eine Sache ordentlich aufgenommen ist. „Man muss alles perfekt zusammenbasteln“, sagt Ragettli, „wie im Slopestyle“.

Spontan sind die Aktionen wie der Rolltreppen-Stunt von Kollege Bösch, aber keineswegs Harakiri. Der Slopestyle-Weltmeister von 2015 hat sich vorsichtig herangetastet, erst mit beiden Armen am Treppengeländer, nur ein paar Meter. Dann immer weiter, und dass da gerade ein Ahnungsloser die Treppe hochfuhr, war natürlich keineswegs Zufall, sondern gut abgepasst. Das sieht der Zuschauer am Ende nicht, wie bei einem guten Film.

Auch die körperliche Arbeit, die die Grundlage für all die Kunststücke bildet, ist unsichtbar. „Ich trenne das ganz klar“, sagt Ragettli, „wenn ich im Training bin nehme ich das Handy selten mit.“ Und dass er sich in Szene zu setzen weiß, bedeutet nicht, dass er überheblich ist. Die extrem vielfältigen Geländerkonstruktionen zum Drüberrutschen im oberen Kursteil sind seins nicht. „Ich finde kaum einen Weg, wo ich durchfahren kann. Auf den Rails bin ich nicht außergewöhnlich“, sagt er. Seine Stärke sind die drei abschließenden Sprungschanzen. Da will er es richtig krachen lassen. Denn es kann ja auch frustrieren, wenn zwar der größte Spaß zum Internethit wird, die kompliziertesten Skitricks jedoch nur wenig Anerkennung bekommen.

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