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Umsonst gestreckt: Sprinterin Gina Lückenkemper, ausgeschieden im Halbfinale über die 100 Meter.

100 Meter

Lückenkempers Abwärtstrend

Das kraftlose WM-Halbfinal-Aus spiegelt die Probleme der Sprinterin Gina Lückenkemper.

Gina Lückenkemper stand bedröppelt in den Katakomben des WM-Stadions von Doha, die Augen feucht, die Stimme schwer. „Natürlich ist das Jahr nicht so gelaufen, wie ich es gerne hätte. Ich weiß aber, was in den letzten Wochen privat bei mir passiert ist, und dann ist das jetzt halt so“, sagte die Sprinterin nach ihrem enttäuschenden Halbfinal-Aus über 100 Meter. Ins Detail ging die 22-Jährige nicht, doch offensichtlich war: Mental wie körperlich ist die Senkrechtstarterin der vergangenen Jahre derzeit nicht voll auf der Höhe.

11,29 Sekunden im Vorlauf, 11,30 und letzter Platz im Halbfinale, ausgeschieden wie auch wenig später Teamkollegin Tatjana Pinto: Lückenkempers Vorstellung in Katar spiegelte recht genau ihren Saisonverlauf wider. An die Stelle von Leichtigkeit und unbekümmertem Auftreten, den Grundpfeilern einer zuvor höchst bemerkenswerten Entwicklung, sind Verkrampftheit, Mühsal und technische Wackler getreten. Dass die Vize-Europameisterin in Doha das Rennen wieder einmal am Start verlor, ist symptomatisch für diese Saison.

„Das war natürlich scheiße, was soll ich dazu noch sagen? Das Rennen war definitiv keine Meisterleistung. Im Vorlauf bin ich noch ins Fliegen gekommen, das blieb im Halbfinale aus“, sagte Lückenkemper, die urplötzlich am Vorabend aufgetretene Rückenprobleme und schmerzende Beine beklagte: „Irgendwas stimmt nicht, jetzt müssen wir gucken, dass der Körper wieder vernünftig läuft.“

Konzentration auf die Staffel

Irgendwie läuft aber auch das Gesamtpaket Lückenkemper nicht. Aus der strahlenden Aufsteigerin, die mit ihren 10,95 Sekunden im WM-Vorlauf 2017 in London und mit ihren Medaillen bei der Europameisterschaft 2018 in Berlin Leichtathletik-Deutschland im Sturm erobert hatte, ist eine sehr nachdenkliche junge Frau und gewissermaßen auch ein Sorgenkind geworden. Die gewachsenen Belastungen waren und sind ihr anzumerken.

„Die Forderungen sind extremer geworden. Überall wird erwartet, dass du funktionierst. Wenn ich nicht unter elf Sekunden laufe, ist es sofort schlecht. Das schlaucht ungemein“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“: „Es wird oft vergessen, dass ich noch eine junge Athletin bin.“

Lückenkempers Reaktion nach dem Aus im ersten Wettbewerb in Doha war vor allem Trotz: „Das muss ich jetzt so hinnehmen und weitergucken.“ Der Blick geht nun auf die Staffel, dort starten Lückenkemper, Pinto, Lisa-Marie Kwayie und Yasmin Kwadwo am Freitag im Vorlauf, das deutsche Quartett geht als Jahresweltbestes und mit großen Hoffnungen in den Wettbewerb. Favoritinnen sind aber ganz klar die Jamaikanerinnen um 100-Meter-Weltmeisterin Shelly-Ann Fraser-Pryce.

„Dass es im Einzel nicht geklappt, heißt nicht, dass es in der Staffel nicht klappen kann. Wir haben alle Bock, und das wird auch gut werden“, sagte Lückenkemper. Zumindest die körperlichen Probleme will sie bis dahin in den Griff bekommen haben: „Wir haben ein supergutes medizinisches Team. Es ist schnell gekommen, und wenn wir da gut reagieren, ist es auch schnell wieder weg.“ (sid)

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