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"Gerade in den Jahrgängen 2002 bis 2004 sind vielversprechende Kinder", sagt Barbara Rittner.

Barbara Rittner

"Die Lücke ist größer geworden"

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Tennis-Bundestrainerin Barbara Rittner über die Leistungsträgerinnen und das Generationenproblem bei den Frauen.

Die Saison bei den Frauen ist mit dem WTA-Finale in Singapur soeben beendet worden. Frau Rittner, wie fällt Ihre Bilanz als Deutschlands „Head of Women’s Tennis“ aus?
Wenn du eine Wimbledon-Siegerin in den eigenen Reihen hast, dann ist es für mich immer eine Super-Saison. Das ist das Größte, was du im Tennis erreichen kannst. Da hat Angie Kerber Außergewöhnliches geleistet. Was den Fed Cup angeht (Anm. der Redaktion: Halbfinal-Aus gegen Tschechien), haben wir eine Riesenchance vertan, nachdem wir im Viertelfinale in Minsk mit unserer zweiten Reihe eine Minichance genutzt hatten. Ich hatte gedacht, dass wir in diesem Jahr den Cup holen können. Aber auch so war es erfolgreich. Zumal auch Jule Görges in Wimbledon das Halbfinale erreicht hat. Zudem freut es mich riesig, dass sich Andrea Petkovic wieder gefangen hat und seit Monaten wieder Weltklasse-Niveau spielt. Traurig war hingegen die schwere Saison von Sabine Lisicki, die erneut viel mit Verletzungen zu kämpfen hatte.

Nach ihrer extrem erfolgreichen Saison 2016 unter anderem mit zwei Grand-Slam-Siegen in Melbourne und New York ist Angelique Kerber 2017 in ein sportliches Loch gefallen. Wie haben Sie sie in dieser Zeit erlebt?
Angie hat sich Ende 2016 zu wenig Zeit zur Regeneration genommen, das sagt sie heute ja selbst. Sie war 2017 deshalb körperlich und mental ausgebrannt. Mit Wim Fissette hat sie dann einen neuen, erfahrenen Trainer verpflichtet und hat sich hervorragend vorbereitet für 2017. Mit dem Sieg in Wimbledon hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt. Dass sie danach bei den US Open in der dritten Runde ausgeschieden ist, lag für mich auch an dem für Angie zu kurzen Zeitraum zwischen der Rasen- und der Hartplatzsaison. Wenn dir heute ein paar Prozent fehlen, ist es schwer. Das hat man auch beim WTA-Finale in Singapur gesehen, bei dem fast alle Spiele über drei Sätze gingen. Die Weltspitze ist extrem dicht.

Wie sehen Sie ihre Perspektive für 2019, nachdem sie in dieser Saison erneut sehr erfolgreich war?
Ich bin gespannt. Sie wird sich nach der Trennung von Wim Fissette neu aufstellen müssen. Ihr großer Wunsch ist es ja, auch noch die French Open zu gewinnen. Ich würde ihr allerdings eher zutrauen, ihren Titel in Wimbledon zu verteidigen. Sie sollte sich einen schlauen Turnierkalender aufstellen und sich auf die Grand Slams konzentrieren.

Kerber, Görges, Petkovic oder Lisicki sind eine Generation von Spielerinnen, die um die 30 Jahre alt sind. Dahinter klafft eine große Lücke. Woher rührt diese Ihrer Meinung nach?
Wir müssen einfach berücksichtigen, dass diese Generation, die Sie ansprechen, extrem viel Potenzial hat und über Jahre hinweg hart arbeitet. Das ist eine tolle Generation, die wir so schnell nicht wieder bekommen werden. Ich habe schon vor einigen Jahren gesagt, dass da eine Spielerin dabei sein könnte, die auch einmal ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Angelique hat mittlerweile drei gewonnen, Sabine stand im Wimledon-Endspiel, Petkovic und Görges haben Halbfinals erreicht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Das wird so schnell nicht wieder kommen.

Warum?
Die Spielerinnen, die altersmäßig folgen, haben viele verschiedene Probleme gehabt. Dinah Pfizenmaier hatte immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen und musste deswegen aufhören. Annika Beck hat in diesem Jahr mit 24 aufgehört, weil sie auch immer wieder verletzt war und lieber studieren möchte. Anna-Lena Friedsam, die auch das Potenzial für die Weltspitze hat, ist jetzt zum zweiten Mal an der Schulter operiert worden und kommt jetzt langsam zurück. Carina Witthöft hatte sich bis an die Top 50 heran gespielt, ist aber jetzt die 170 der Welt, weil sie einfach den Fokus nicht mehr genug aufs Tennis legt. Bis hin zu einer Antonia Lottner, die für mich zu den größten Talenten gehört, die wir haben, und jetzt mit ihren 22 Jahren den Sprung in die Top 100 schaffen muss. Das ist eine Generation, die uns gerade ein bisschen verloren geht. All diese Spielerinnen hätten das Potenzial dazu, diese Lücke zu schließen. Doch durch das Karriereende von Beck und den Absturz in der Rangliste von Witthöft ist die Lücke sogar noch größer geworden.

Auch Lisicki und Petkovic waren immer wieder verletzt ...
Sie waren besser und zielstrebiger. Die haben nicht aufgegeben. Andrea Petkovic hat sich schon früh in ihrer Karriere das Kreuzband gerissen, ist aber zurückgekehrt. Diese Spielerinnen haben über einen längeren Zeitraum kontinuierlich gearbeitet.

Warum haben Spielerinnen wie Angelique Kerber oder Julia Görges erst in einem recht reifen 
Alter so große Erfolge gefeiert?

Das hat in erster Linie mit außerordentlichem Talent zu tun. Wir hatten bei den Männern diese ganz jungen Superstars wie Rafael Nadal oder Roger Federer, die schon sehr früh sehr gut waren. Aber es ist meiner Meinung nach die normale Entwicklung, dass du mit Mitte oder Ende 20 dein bestes Tennis spielst. Jule beschreibt das ganz schön, wenn sie sagt, dass sie jetzt reifer ist und mehr in sich ruht. Sie kann Widrigkeiten jetzt besser wegstecken. Das ist der normalere Weg. Durch Erfahrungen immer besser werden.

Warum gibt es in anderen Ländern, vor allem in Osteuropa, so viele junge Spielerinnen, die früh erfolgreich sind?
Es gibt keine Erklärung dafür, warum zum Beispiel so viele junge Tschechinnen so weit vorne spielen. Aber diese Mädchen haben vielfach keine andere Option als das Tennis, um sich eine Existenz aufzubauen. Bei uns ist es etwas anders, schon allein durch die Schulpflicht. Unsere Talente können zwischen 15 und 18 Jahren nicht so intensiv trainieren, außer sie lernen auf einem Internat oder einer Fernschule. Deshalb haben sie am Anfang ihrer Karriere erst einmal einen scheinbaren Nachteil. Sie müssen in dieser Zeit eine gewisse Frustschwelle überwinden und an sich glauben.

Sie haben mit Blick auf den deutschen Nachwuchs bereits von einigen „Rohdiamanten“ gesprochen. Wie aussichtsreich ist die nachrückende Generation?
Gerade in den Jahrgängen 2002 bis 2004 sind viele vielversprechende Kinder. Da ist viel Talent. Es ist für diese Spielerinnen noch ein ganz weiter Weg. Doch ich glaube, lang genug dabei zu sein, um beurteilen zu können, dass da sehr viel Potenzial ist.

Ihr Vertrag als „Head of Women’s Tennis“ läuft Ende des Jahres aus. Wie geht es weiter?
Beide Seiten sind sehr interessiert daran, die Zusammenarbeit fortzusetzen.

Interview: Jens Greinke

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