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Auf sie wird es ankommen: Dirk Nowitzki (r) und Chris Kaman.

Basketball-EM: Nowitzki und Kaman

Mut zur Lücke

Bei der Basketball-EM sind die deutschen Spielsysteme auf die beiden Superstars Dirk Nowitzki und Chris Kaman ausgerichtet. Beide müssen allerdings mit ihren Kräften haushalten.

Von Christian Schwager

Bei der Basketball-EM sind die deutschen Spielsysteme auf die beiden Superstars Dirk Nowitzki und Chris Kaman ausgerichtet. Beide müssen allerdings mit ihren Kräften haushalten.

Sie lebt. Und sie hat Charakter. Das steht für Dirk Bauermann fest. Vor allem aber: Sie hat ihre Identität gefunden. „So etwas wie eine kollektive Identität“, sagt der Basketball-Bundestrainer, und es klingt, als betrachte er die deutsche Auswahl als einen Organismus, der sich entwickelt – und demnach heute den Beweis seiner Vitalität erbringen muss.

Am Abend trifft Bauermanns Mannschaft zum Auftakt der Europameisterschaft in Litauen auf Israel (20 Uhr, Sport1).

Das Duell in Siauliai wird die Richtung vorgeben, in die es für die Deutschen geht. Ein Sieg ist geradezu zwingend erforderlich, um die Zwischenrunde zu erreichen und danach an weiteren schweren Aufgaben weiter zu wachsen.

An Philipp Schwethelm lässt sich gut erkennen, was Bauermann unter kollektiver Identität versteht. Der 2,01 Meter große Guard ist 22 Jahre alt. Er spielte in der Bundesliga für Köln und Bremerhaven und heuerte jetzt beim FC Bayern München an. Schwethelm ist ein Talent, das reift. Auch bei dieser Europameisterschaft in einem deutschen Kader, in dem Dirk Nowitzki und Chris Kaman die herausragenden, aber nicht die alles dominierenden Akteure sein sollen.

Von Gehirnteilen und Herzen

Deshalb bekommt auch Schwethelm eine tragende Rolle; in dem von Bauermann entworfenen Organismus soll er Teil des Gehirns sein. Er soll lenken helfen. In der Vorbereitung auf die Europameisterschaft hat er im Aufbau mitgearbeitet. Am vergangenen Sonntag zum Beispiel, als er beim Test gegen Mazedonien die Spielmacher Steffen Hamann und Heiko Schaffartzik entlastete.

Schwethelm hat sich auch in der Vorbereitung weiterentwickelt. „Ich habe mittlerweile an meinem Ballhandling gearbeitet“, sagt Schwethelm. Mit Erfolg, der Guard fiel in den Testspielen durch eine gute Ballbehandlung auf. Außerdem ist er für seine Größe beweglich. Er passt zu Bauermanns Spielidee.

„Die Stärke der Mannschaft ist, dass sie sehr starke Innenspieler hat“, sagt Schwethelm. Power Forward Nowitzki und Center Kaman sind mit ihrer Erfahrung aus der nordamerikanischen Profiliga NBA und ihrer individuellen Klasse das Herz der Mannschaft. „Uns Shootern gibt das viele Freiräume“, erzählt Schwethelm.

Arbeitsteilung auf den kleinen Positionen

Konzentriert sich die gegnerische Defensive auf Dirk Nowitzki und Chris Kaman, bleibt auf den Außenpositionen Platz für die Distanzschützen. Am Sonntag gegen Mazedonien verwandelte Schwethelm alle seine fünf Versuche von jenseits der Drei-Punkte-Linie. „Wir hatten in der Vorbereitung immer einen anderen, der heiß gelaufen ist“, sagt er. In der ersten Testpartie gegen EM-Teilnehmer Mazedonien am vergangenen Freitag in München war es der Berliner Heiko Schaffartzik, der mit einem Dreier die gegnerische Abwehr entscheidend überwand.

Bundestrainer Bauermann sagt: „Wir müssen sicherstellen, dass nicht nur Kaman und Nowitzki Verantwortung übernehmen, sondern alle den Mut dazu haben.“

Neben dieser Arbeitsteilung, vor allem auf den kleinen Positionen, soll das Auftreten unter dem eigenen Korb für Freiräume sorgen. „Wir definieren uns über die Qualität der Verteidigung“, sagt Bauermann. „Unser Ziel ist es, die beste Verteidigung des Turniers zu spielen.“

Die meisten Freiwürfe aller Mannschaften sollen seine Profis herausholen. Sie sollen zudem die meisten Rebounds einsammeln, denn mit dem Ballgewinn beginnt die eigene Offensive. „Wir wollen aus dieser Verteidigung heraus schnell agieren und freie Situationen im Feld suchen“, sagt Bauermann. Dirk Nowitzki soll auf diese Art der ruppigen Enge entgehen, die im europäischen Basketball ausgeprägter ist als in der NBA und an die sich der 33-Jährige von den Dallas Mavericks sowie Chris Kaman, 29, von den Los Angeles Clippers gewöhnen müssen.

Fünf Spiele in sechs Tagen

Auf die beiden Langen aus Übersee sind die deutschen Spielsysteme ausgerichtet, beide müssen allerdings mit ihren Kräften haushalten. Allein während der Vorrunde bestreitet Deutschland fünf Spiele innerhalb von nur sechs Tagen: Nach der Begegnung heute gegen Israel folgen die Partien am Donnerstag gegen Italien, am Freitag gegen Frankreich, am Sonntag gegen Serbien, am Montag gegen Lettland (alle Spiele auf Sport 1).

„Zwischen 25 und 32 Minuten pro Spiel sind das Maximum, das sie vertragen, ohne im Turnier müde zu werden“, sagt Bauermann. „Das wird dafür sorgen, dass auch die anderen ihre Anteile haben.“ Jan Jagla tut sich schwer damit, Ersatz für Nowitzki und Kaman zu sein. „Jan definiert sich über seine Offensivleistung, deshalb ist es für ihn mit ein paar Minuten schwieriger, seinen Rhythmus zu finden“, sagt Bauermann. „Aber ich bin mir sicher, dass er uns ein Spiel bei dieser EM gewinnen wird.“

Die Center Tibor Pleiß und Tim Ohlbrecht haben sich mit ihrer Rolle in der Mannschaft schon besser zurechtgefunden. Ohlbrechts Stunde könnte bereits heute gegen die Israelis schlagen. Die treten mit einer vergleichsweise kleinen Formation an. „Es ist durchaus möglich, dass Tim als beweglicher Center deutlich mehr spielt als in anderen Begegnungen“, sagt Bauermann. Später während der Europameisterschaft hockt er dann vermutlich wieder länger auf der Bank.

Tim Ohlbrecht sollte das eigentlich nicht stören. Er hat sie ja, die kollektive Identität.

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